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Sonntag, 8. Juni 2014

Rezension: Die Geschichte von Zeb von Margaret Atwood

Es ist hoffentlich angemessen klar geworden, dass ich mich „Oryx und Crake“ und „Das Jahr der Flut“ extrem begeistert haben. Meine Wartezeit zwischen dem Ende von „Das Jahr der Flut“ und meinem Start mit „Die Geschichte von Zeb“ betrug daher genau so lange, wie es dauerte die Schutzfolie abzufummeln und das Buch aufzuschlagen.

„Die Geschichte von Zeb“ von Margaret Atwood
Teil 3 der MaddAddam Trilogie
480 Seiten
22,99 € (Hardcover)







„Die Geschichte von Zeb“ führt die Handlung der beiden Vorgänger vereint fort und beginnt genau dort, wo „Oryx und Crake“ und „Das Jahr der Flut“ endeten. Dieses Buch lässt uns nun also den Überlebenskampf in der zerstörten Welt erleben. Wir treffen Schneemensch und Toby wieder, lernen die Craker und MaddAddamiten besser kennen und hören „Die Geschichte von Zeb“. Im Verlaufe des Buches bekommen die Craker eine immer komplexer ausgearbeitete Schöpfungsgeschichte erzählt und es zeigen sich erste Entwicklungen in ihrem Verhalten.

Die „Craker“, die von Crake geschaffene, völlig friedliche und optimierte Menschenrasse, bilden in diesem Band einen zentralen Aspekt der Geschichte. Sie treffen erstmals auf eine größere Gruppe normaler Menschen und die Konflikte der beiden „Spezies“ treten umso deutlicher hervor. Faszinierend ist die Darstellung der Entwicklung dieser „idealisierten“ Menschen, welche durch den Kontakt mit uns fehlerbehafteten und vergleichsweise schwachen Kreaturen ausgelöst wird. Die Craker wurden ursprünglich als möglichst perfekter Ersatz für „uns“ geschaffen: Gewalt und Kunst sollten ihnen fremd sein, Liebe sollten sie nicht kennen. Alles was möglicherweise Konflikte hervorruft, sollte den Crakern unbekannt bleiben. Von diesem „Ideal“ beginnen die Craker im Laufe der Geschichte ganz leicht abzuweichen, sie wirken zum Teil fast „menschlich“.
Nachdem die beiden Vorgänger eher von der Verzweiflung und dem Untergang der Gesellschaft dominiert wurden, zeigt „Die Geschichte von Zeb“ erste Hoffnung. Wie eine Pflanze, die nach langer Dürre erste kleine grüne Triebe zeigt, wird auch in dieser Geschichte erstmals Aufbau und Regeneration gezeigt. Natürlich ist das Leben nicht plötzlich leicht, auch in dieser Geschichte ist der Überlebenskampf von Mangel und Gewalt gezeichnet, aber man beginnt einen Blick auf „später“ zu werfen. Das es überhaupt ein „später“ geben könnte, ist dabei schon der gravierendste Unterschied zu den Vorgängern. Wo vorher nur das „jetzt“ war, ist nun auch Platz für Planung und Zukunft. Eine Zukunft, die so lang auf der Kippe stand.
Auch diesmal bietet der Aufbau der Geschichte wieder seine Besonderheiten. Was im ersten Band die Rückblenden in die Vergangenheit und im zweiten Band die Predigten von „Adam Eins“ waren, ist in „Die Geschichte von Zeb“ die Schöpfungsgeschichte für die Craker. Jeden Abend bekommen sie von Toby einen Teil der Geschichte von Zeb erzählt, so sollen ihnen Stück für Stück menschliche Phänomene wie Wut oder Liebe erklärt werden. Diese Einschübe wirken manchmal ein bisschen zusammenhangslos und naiv, bilden für die verängstigten Craker aber einen Anker und Trost. Sie zu lesen macht einfach Spaß.

Ich möchte es diesmal kurz machen: „Die Geschichte von Zeb“ bildet einen gelungenen Abschluss der Trilogie und hat mich völlig zufrieden zurück gelassen. Die Handlung ist geschlossen genug, um nicht verloren zu wirken und offen genug, um selbst „weiterdenken“ zu dürfen.
Diese Trilogie war ein echtes Highlight in meinem Lesejahr. Selten habe ich drei so gleich starke, konstant spannende und perfekt verwobene Bücher gelesen: 5 von 5 Leseratten auch hier.


Das Buch in einem Tweet: "Die Geschichte von Zeb" ist der gelungene Abschluss einer grandiosen Trilogie. Erstmals Hoffnung und Zuversicht für eine kaputte Welt.

Samstag, 7. Juni 2014

Rezension: Das Jahr der Flut von Margaret Atwood

Eigentlich mag ich Buch-Reihen nicht so gern. Nur einige Wenige habe ich wirklich komplett gelesen. Meist geht mir (oder dem Autor) ja doch vorher irgendwie die Luft aus. Bei der MaddAddam-Trilogie dagegen habe ich eine Sucht entwickelt, die seines Gleichen sucht. Nachdem ich „Oryx und Crake“ beendet hatte, war ich richtiggehend deprimiert. Häufig wollte ich nochmal schnell nachlesen was denn nun mit Schneemensch weiter passiert. Bis mir jedesmal wieder einfiel: „Ach, stimmt. Das Buch ist ja doch zuende!“. Nachdem mir klar wurde, dass diese akute Sucht nur durch mehr von MaddAddam gelindert würde, habe ich schnell weitergemacht mit „Das Jahr der Flut“.

„Das Jahr der Flut“ von Margaret Atwood
Teil 2 der MaddAddam Trilogie
Berlin Verlag
480 Seiten
10,95 € (Taschenbuch) oder 8,49 € (Kindle Edition)







 „Das Jahr der Flut“ spielt in derselben Zeitebene wie zuvor „Oryx und Crake“. Das heißt wir beginnen in einer zwar angeschlagenen, aber noch intakten Welt und erleben den Untergang der Gesellschaft noch einmal mit. Diesmal wird die Geschichte aus der Perspektive einzelner Mitglieder der „Gottesgärtner“ berichtet, einer religiösen Gruppe, die sich auf die wasserlose Flut vorbereitet und nach einer eventuellen Katastrophe die Erde befreien möchte.

Das Konzept, in zwei Büchern dieselbe Zeitschiene aus verschiedenen Winkeln zu betrachten ist mir bisher noch nicht begegnet und macht für mich den besonderen Reiz dieses Buches aus. Während in „Oryx und Crake“ quasi hinter den Kulissen berichtet wird, wie es zur Katastrophe kam, wird in „Das Jahr der Flut“ eine ganz andere Seite des Geschehens dargestellt. Die Auswirkungen auf die Gesellschaft kommen in den Schilderungen der Gottesgärtner noch viel direkter herüber. Anfangs mag man die Gärtner noch belächeln, wie sie auf Hausdächern Kartoffeln anbauen und Notfall-Lager anlegen, später werden ihre Prophezeiungen traurig war. Und alles kommt dabei noch schlimmer, als es selbst die Gärtner erwartet hätten.
Die Gottesgärtner wirken wie ein Haufen gutmütiger und manchmal realitätsferner Hippies. Ihre Glaubensmaximen lehren Friedlichkeit und Zusammenhalt, es wird gemeinsam gearbeitet und möglichst energisch demonstriert. Jedes Kapitel wird durch eine Predigt von „Adam Eins“, dem Glaubensführer der Gruppe, und einem Lied des Blumenblütenchors eingeleitet. Das ist umso spannender, weil man merkt, wie sich auch die Gottesgärtner den wandelnden Bedingungen stellen müssen. Das die Ansprachen von Adam Eins zum Teil sehr skurril wirken und die Glaubenssätze auf Biegen und Brechen den aktuellen Umständen angepasst werden, hat mich besonders unterhalten. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sich hier eine Metapher auf die skurrile Wirkung, die wohl jede Religion auf Außenstehende hat, findet. Das hat mich neben vielen herzhaften Lachern auch immer wieder zum Grübeln gebracht. Ich hoffe ich interpretiere nicht einfach zu viel in diese Passagen hinein.
Da die Geschichte völlig neue Charaktere begleitet und auch deren Lebensgeschichten wieder wunderbar mit der Gesamtgeschichte verwoben werden, hatte ich nicht erwartet bekannte Gesichter aus „Oryx und Crake“ wieder zu treffen. Umso begeisterter war ich, als sich viele lange vorbereitete Handlungsfäden beider Bücher verbanden und ich immer mehr Beziehungen zwischen Menschen und Handlungssträngen aus beiden Büchern entdeckte. Diese Verwebungen werden zum Ende des Buches hin immer stärker und stärker. Bis „Das Jahr der Flut“ schließlich exakt in derselben Szene mündet, in der schon „Oryx und Crake“ endete und mich vor Spannung kaum zu Atem kommen lies. Ich musste also sofort zu „Die Geschichte von Zeb“ greifen um zu erfahren was weiter passiert.
Ohne Abstriche kann ich sagen, dass „Das Jahr der Flut“ genauso stark wie „Oryx und Crake“ ist, mich von der ersten Seite gefesselt und unterhalten hat und mich dabei ganz nebenbei immer wieder zum nachdenken bringt. 5 von 5 jubelnden, begeisternden Leseratten auch für „Das Jahr der Flut“.


Das Buch in einem Tweet: Zurück auf Anfang in "Das Jahr der Flut". Mit den Gottesgärtnern erleben wir die Katastrophe erneut. Wieder Spannung & großartige Atmosphäre.

Freitag, 6. Juni 2014

Rezension: Oryx und Crake von Margaret Atwood

Im Bücher-Magazin habe ich vor einer Weile von der MaddAddam-Trilogie von Margaret Atwood gelesen und war sofort fasziniert. Aus Angst enttäuscht zu werden, habe ich mit dem Lesen noch eine Weile gewartet. Kurz: ich hätte sofort loslegen sollen!

„Oryx und Crake“ von Margaret Atwood
Teil 1 der MaddAddam Trilogie
384 Seiten
10,99 € (Taschenbuch)








Die Welt, in der Jimmy und Crake aufgewachsen sind, ist schon sehr befremdlich. Die Eliten leben in abgeschirmten Bereichen und werden von dem „einfachen Volk“ strickt getrennt, sie genießen höhere Bildung und gesonderte Privilegien. Doch die Welt, in der Jimmy jetzt lebt, ist noch um einiges härter. Aus den anfangs zukunftsträchtigen Forschungen einiger Wissenschaftler entwickelt sich Stück für Stück eine apokalyptische Vision.
Die Geschichte die Jimmy (alias Schneemensch) erzählt, ist die einer globalen Katastrophe und einer ganz persönlichen Liebesbeziehung. Ich fand diese Verbindung von Anfang an sowohl ungewöhnlich, als auch äußert gelungen. Da ist einmal der dystopische Teil des Buches. Ich habe bisher kaum eine so kluge, realistische und darum so beängstigende Dystopie gelesen wie „Oryx und Crake“. Alle Entwicklungen scheinen so nah im Bereich des Möglichen und spiegeln tatsächliche Entwicklungen unserer Welt, dass ich diesen Schilderungen fassungslos folgen musste. Besonders überzeugt hat mich, dass alle Entwicklungen, vom Organschwein über die politischen Konflikte wegen einer nur auf Gewinn ausgerichteten Argrarkultur, so ehrlich beschrieben schienen. Nichts ist einfach nur schlecht, weil es neu ist. Aber es passiert, dass auch kleine Eingriffe in die Natur oder gut gemeinte Forschungen in schlimme Folgen münden.
Der Teil über die Beziehungen von Oryx, Crake und Schneemensch ist dagegen deutlich leiser und privater. Crake und Schneemensch sind beide in die schöne aber geheimnisvolle Oryx verliebt, wirklich haben kann sie keiner. Und auch die Lebensgeschichten der drei Protagonisten sind schon, jede für sich, besonders erzählenswert. Alles verwebt sich in diesem Buch zu so einer dichten Handlung, dass ich völlig von der Geschichte gefangen war.
Wen „Oryx und Crake“  jetzt nicht schon allein wegen der Thematik und der grandiosen Szenerie in seinen Bann zieht, der sollte spätestens von der tollen Atmosphäre und dem grandiosen Schreibstil gefangen werden. Die Stimmung hat von der ersten Seite gestimmt und die Erzählweise aus Jimmys Sicht ist perfekt gewählt. Alle Beschreibungen sind so stimmungsvoll und detailliert, dass sich ein genaues Bild dieser Welt entwickelt. Dabei wird man nicht mit einer langen Vorgeschichte in die Szenerie eingeführt, sondern erfährt nur Stück für Stück, was dazu führte, dass sich Schneemensch nun ganz allein durchschlagen muss. Dieser Aufbau der Geschichte war für mich deutlich spannender als lange, konstruierte und im schlimmsten Fall unglaubwürdig beschriebene Vorgeschichten, die in anderen Dystopien auf Krampf für Stimmung sorgen sollen.
„Oryx und Crake“ ist mein zweites absolutes Highlight in diesem Jahr und hat mich restlos begeistert. Ich konnte das Buch in keiner freien Minute zur Seite legen, bis ich es ausgelesen hatte. Und auch die Tage danach hing ich noch völlig in der Welt von Oryx und Crake fest. Das Buch bietet so viel Unterhaltung, aber auch so viele ernste Themen, denen man sich selbst stellen muss, dass ich es nur unbedingt jedem empfehlen kann.
Ganz eindeutige 5 von 5 Leseratten und ein Platz auf meiner Top-20-Liste.


Das Buch in einem Tweet: "Oryx und Crake" ist eine realitätsnahe, kluge Dystopie und darum umso beängstigender! Spannend geschrieben und toll konstruiert. Lesen!