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Mittwoch, 29. Oktober 2014

Rezension: Die Auserwählten im Labyrinth von James Dashner

Ich hatte es ja befürchtet - dieses Buch habe ich einfach weggeschnupft. Montag 20:00 Uhr gekauft, Freitag 08:00 Uhr ausgelesen. Meine Arbeitswoche hat schwer unter dieser Sucht gelitten. Aber ich weiß immer noch nicht, ob und wann ich mir Teil 2 kaufe.

„Die Auserwählten im Labyrinth" von James Dashner
Carlsen Verlag
490 Seiten
9,99 € (Taschenbuch)

Thomas wacht in einem dunklen Fahrstuhl auf, der auf dem Weg nach oben ist. Er kann sich an nichts erinnern und weiß nicht, wo er ist. Als der Fahrstuhl anhält und seine Türen geöffnet werden, findet er sich auf einer Lichtung wieder, die von riesigem Steinmauern umgeben ist ... Mehr will ich eigentlich gar nicht zum konkreten Inhalt sagen. Die Spannung des Buches hängt wesentlich davon ab, dass die Geschichte aus Thomas Blick erzählt wird und man genau wie er alles nur ganz häppchenweise erfährt.

"Die Auserwählten im Labyrinth" ist ein Jugendbuch, weil es von Jugendlichen handelt. Alle Jungen auf der Lichtung sind zwischen 13 und 18 Jahren alt. Aber es ist nicht unbedingt nur ein Buch für Heranwachsende. Ich persönlich würde das Buch sogar FSK 16 einstufen. Die Gesellschaft, die sich die Jungen auf der Lichtung aufgebaut haben, ist intelligent und von Ordnung geprägt, aber auch von Gnadenlosigkeit. An einigen Stellen scheint das Einhalten von Regeln wichtiger als Menschlichkeit und Moral zu sein. Schon allein das ist dank der wortgewaltigen Beschreibungen nicht immer etwas für Zartbeseitete. 

Auch die Sprache ist sehr authentisch. Wie die Jungen miteinander umgehen und reden ist eine sehr realistische Darstellung davon, was mit Höflichkeit und Niveau passiert, wenn Männer in einer Ausnahmesituation unter sich sind. Ein großer Unterschied zum Film übrigens, aber dazu am Freitag mehr. 

Dazu kommen für mich leichte Horrorelemente. Die Lichtung ist von einem Labyrinth umgeben, in dem gefährliche Monster hausen. Geschaffen von den so genannten Schöpfern, die alles beobachten. Dazu kommen die Auswirkungen psychischer Natur bei den Lichtern, den Bewohnern der Lichtung. Man fühlt sich ständig unsicher und verfolgt und lebt den Horror der wachsenden Angst direkt mit. 

"Die Auserwählten im Labyrinth" ist fesselnd, spannend, intelligent und gruselig. Warum ich mir noch nicht sicher bin, ob ich Teil 2 lesen will? Ich weiß nicht, ob mir die weitere Story gefällt. Genauer kann ich das nicht sagen, ohne viel zu verraten. Teil 1 gebe ich erst einmal 4 von 5 Leseratten für ein sehr gutes, spannendes Jugendbuch. Der Abzug kommt nur dank dem Vergleich zu anderen Werken - es ist reine Unterhaltungsliteratur. 

Das Buch in einem Zwitschern: 
"Die Auserwählten im Labyrinth" ist fesselnd, spannend, intelligent & gruselig. Für mich FSK16 & nur lesen, wenn 3 Tage alles egal sein kann.

Samstag, 18. Oktober 2014

Rezension: Waidmannstod von Maxim Leo

Das Cover ist ja schon schön, aber der Titel? Mal ehrlich: eigentlich ein Tick zu rustikal und lokalkoloristisch für mich! Warum genau ich auf Vorablesen trotzdem in das Buch reingeschaut hab, kann ich gar nicht mehr sagen. Warum ich hängen geblieben bin, kann ich wiederum sehr genau sagen: ab der ersten Seite ist man mitten im Geschehen und eine einfache Jagdszene wurde hier so packend beschrieben, dass ich weiterlesen wollte!

„Waidmannstod“ von Maxim Leo
Kiepenheuer & Witsch Verlag
288 Seiten
14,99 € (Taschenbuch)









Nach der großen Jagd im Sternekorper Forst wird neben der eigentlichen Jagdstrecke auch ein anderes Opfer dargeboten: einer der Jäger liegt tot und waidmännisch präsentiert im Wald. Ein seltsamer erster Fall für Kommisar vVoss, der nach einer schönen Karriere in Stuttgart zurück ins heimische Kinderzimmer zieht und die örtliche Mordkommission leiten soll. Daran, dass er so schnell seinen ersten Fall bekommen würde, hätte er selbst nicht geglaubt. Und dann noch einen so verzwickten. Er macht sich also auf die Suche nach den Motiven und Alibis der Jäger und nach gar nicht so idyllischen Verwicklungen im ländlichen Brandenburg.

Ich bin ja bei Krimis sehr wählerisch und habe gerade gegen „Lokalkrimis“  eigentlich so meine Vorbehalte. „Waidmannstod“ hat mich aber ab der ersten Seite gepackt. Ganz zu Beginn des Buches steht eine Jagdszene, die den Leser mitten ins Geschehen wirft und gleichzeitig sofort einen Vorgeschmack auf den Rest des Buches gibt. Es wird sofort klar, dass man hier ein Buch mit Spannung und Atmosphäre in den Händen hält, das aus der Masse ein entscheidendes Stück hervorsticht.
Als dann noch Kommissar Voss ins Spiel kommt war ich endgültig völlig angetan. Der Ermittler ist sympathisch aber dezent. Er und seine Problemchen stehen nicht zu sehr im Vordergrund, sein Charakter bietet aber dennoch genug Facetten (und zum Teil Schrullen) um ihn spannend zu machen. Sein Bezug zur Natur und die Verbindung zu den Ermittlungen in diesem ersten Fall, war wunderbar gelungen. Ich hoffe, dass die weiteren Fälle hier ebenso stark anknüpfen können. Denn genau von dieser Kulisse und der so besonderen Atmopshäre hat „Waidmannstod“ meiner Meinung nach wirklich gelebt. Der Wald wird so lebendig beschrieben, dass man alles quasi vor sich sieht.
Im Kontrast zur teilweise recht düsteren Atmosphäre und murrigen Stimmung einiger Charaktere steht der tolle Humor von Voss. Die Überlegungen des Ermittlers zu Gott und der Welt haben mich ein bisschen an meinen geliebten Kommissar Barbarotti von Hakan Nesser erinnert. Diese augenzwinkernden Kommentare lockern das Buch auf, ohne ihm die Spannung zu nehmen. Hier hat der Autor dem Ermittler eine gute Stimme und ganz besonderen Charme verliehen.

Kurz und gut: ich habe nichts anzumeckern. Das Buch überzeugt vom phantastischen Anfang bis hin
zum gelungenen Ende. 5 von 5 Lokalkrimi-Leseratten.




Das Buch in einem Tweet: "Waidmannstod" ist ein Krimi wie ein Waldspaziergang plus Spannung und Verwicklungen... nun... das muss man einach selbst probieren.

Dienstag, 14. Oktober 2014

Alex' Shortlist #1: "Das Polykrates-Syndrom" von Antonio Fian

Ich hänge noch ein bisschen hinterher, verzeiht mir. Der Deutsche Buchpreis 2014 wurde bereits verliehen, ich bin mit meiner persönlichen Shortlist gerade zur Hälfte durch. Da ich aber sowieso völlig daneben lag (siehe hier fiel "Kruso" für mich schon in der Leseprobe durch), wäre ich kein gutes Buchpreis-Orakel gewesen ;-)
Mein erster persönlicher Shortlist Kandidat war „Das Polykrates-Syndrom“ von Antonio Fian. Jetzt endlich komme ich dazu, euch davon zu berichten.

„Das Polykrates-Syndrom“ von Antonio Fian
240 Seiten
19,00 € (Hardcover)








Artur hat studiert und könnte eigentlich Karriere machen, stattdessen jobbt er im Copy Shop und führt ein recht behagliches Leben. So hat er Zeit seine kleinen Sketche zu schreiben und seinen Gedanken nachzuhängen. Eigentlich ist Artur glücklich mit seiner Frau Rita zusammen, bis ihn eine Begegnung plötzlich aus der Bahn wirft. Eine Frau betritt den Copy Shop und hinterlässt Artur eine Nachricht, die ihn Hals über Kopf dazu bringt, ihr zu folgen. Was sich daraus entwickelt, hätte Artur sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt.

„Als Polykrates-Kranker hat man dieses Schicksal immer im Kopf, man fürchtet, zu viel Glück zu haben und irgendwann dafür bestraft zu werden“
Seite 26

Artur hat mir als Hauptcharakter des Buches unheimlich gut gefallen. Der humorvolle und sympathische Erzählton, den ihm der Autor verpasst hat, macht es leicht die Handlung mit ihm und um ihn zu verfolgen. Der Protagonist wirkt durch seine Schwächen und Macken durchaus menschlich und ist zumindest am Anfang auch wirklich durchgehend authentisch.
Die Entwicklung, welche Artur im Buch mitmacht, hat mir persönlich dann nicht immer ganz so gut gefallen und wirkte zum Teil etwas aufgesetzt und erzwungen. Häufig habe ich mich dann nur noch nach dem „Warum?“ gefragt. Offenbar ging es Artur zum Teil ähnlich…

„Während der Fleischer die Lammkoteletts einpackte, fasste ich den Vorsatz, mein Leben zu ändern. Nebenan am Gemüsestand sagte ich mir, dass das der falsche Vorsatz war. Ich hatte ja gerade versucht, mein Leben zu ändern, und es war eine Katastrophe gewesen. Was ich mir vornehmen musste, war, mein Leben nicht zu ändern.“
S. 49

Die Protagonisten neben Artur bleiben relativ blass und sind mir nicht so eindeutig im Gedächtnis geblieben wie er. Das ist in meinen Augen aber nur ein schwacher Makel, soll es doch im Buch hauptsächlich um Artur und seinen „Kampf“ mit dem Schicksal gehen, da sind die anderen Charaktere zum Teil nur Beiwerk.
Das Buch hat mich vor allem durch den zum Teil doch ziemlich derben Humor überzeugt. Neben dem witzigen Erzählstil besitzt nämlich auch die Handlung eine manchmal ziemlich harte Situationskomik. Schwarzer und gerade solch böser Humor ist ja genau meins, wobei Arturs skurrile Tagträume es nach meinem Geschmack sogar manchmal doch arg übertreiben.

Anhand der Leseprobe hatte ich mir etwas anderes von diesem Buch erwartet und war von der doch recht konstruierten Entwicklung der Handlung nicht ganz überzeugt. Ein Fehlgriff war es dennoch nicht, da mich das Buch durchweg gut unterhalten hat und ich es fast in einem Rutsch durchgelesen habe.

Das Buch in einem Tweet: "Das Polykrates-Syndrom" erzählt die Geschichte vom ruhigen Leben zur Räuberpistole. Vermittelt handwerkliche Fähigkeiten und unterhält.

Für die Bücher meiner persönlichen Shortlist vergebe ich keine Leseratten, sondern möchte meine Leseeindrücke einfach so, ungefiltert mit euch teilen.

Samstag, 11. Oktober 2014

Rezension: Der Tag, an dem ich fliegen lernte von Stefanie Kremser

Der Tag, an dem ich fliegen lernte“ war meine erste Entdeckung auf vorablesen nach längerer Zeit. Das Buch hat es innerhalb der ersten zehn Seiten geschafft, mich für diesen wunderschönen Erzählstil zu begeistern und völlig in die Geschichte einzusaugen.
Welch ein Glück, dass ich es dann tatsächlich lesen durfte!

„Der Tag, an dem ich fliegen lernte“ von Stefanie Kremser
304 Seiten
19,99 € (Hardcover)









Luisas brasilianische Mutter Aza ist mit der Geburt ihrer kleinen Tochter überfordert. Sie weist das Kind gleich nach der Geburt ab und lässt das wenige Stunden alte Mädchen schließlich aus dem Krankenhausfenster fallen. Dem Einsatz des englischen Footballers Fergus ist zu verdanken, dass das Baby überlebt. Da Aza noch aus dem Krankenhaus flieht, wächst Luisa bei ihrem Vater Paul und seiner chaotischen WG (zu der bald auch Fergus gehört) in Bayern auf. Im Laufe der Jahre interessiert sich Luisa immer mehr für ihre Wurzeln und so reist sie schließlich gemeinsam mit ihrem Vater nach Brasilien, auf Azas Spuren.

„Der Tag, an dem ich fliegen lernte“ ist ein Buch, bei dem die Figuren so authentisch und echt wirken, die Orte so realistisch beschrieben scheinen, dass ich immer wieder das Gefühl hatte, eine wahre Geschichte zu lesen. Zwar weist die Autorin in einem beiliegenden Brief darauf hin, dass die gesamte Geschichte von Anfang bis Ende erfunden ist, aber es steckt doch auch eine Menge Biografie darin. Die Vorfahren der Autorin wanderten bereits 1890 nach Bolivien aus, sie selbst ist zwischen Europa und Südamerika aufgewachsen. Diese direkten Einflüsse müssen es sein, die dazu führen, dass die Geschichte von Luisa und ihrer Mutter so liebevoll erzählt und nah wirkt.
Dieser direkte, echte Eindruck wurde nicht mal durch die skurrilen Begebenheiten und Charaktere beeinträchtigt. Im Gegenteil, alle Figuren haben ihre Macken und Schwächen, die Handlung hat unvorhersehbare aber doch realistische Wendungen. Ein echter kleiner Schatz!
Neben der Handlung um Aza, Paul und Luisa wird auch immer wieder die Geschichte des Örtchens Hinterdingen und seines brasilianischen Gegenstücks erzählt. Diese Abschnitte haben mir besonders gefallen. Die urbayerischen Auswanderer, die im fremden Südamerika ein zweites bayerisches Dorf bauten, das alles war sehr lustig und unterhaltsam, aber auch tragisch zu lesen. Eine Geschichte die im Kopf bleibt.

Besonders erwähnenswert ist noch der tolle Erzählstil des Buches. Luisa erzählt ihre Geschichte selbst, das ist gerade bei den Geschichten rund um ihre Geburt verwunderlich, aber selbst in diesen Abschnitten wirkt alles stimmig. Und im weiteren Verlauf der Handlung könnte man es sich gar nicht anders vorstellen. Luisa macht Erklärungen und Einschübe, kommentiert die Handlung für den Leser und gibt ihre eigene Deutung ab. Diesen direkte Ansprache des Lesers mag ich ganz besonders, weil es das Gefühl vermittel, die Geschichte von einer guten Freundin zu hören.

Obwohl ich nicht so reisefreudig bin hat „Der Tag, an dem ich fliegen lernte“ so ein unbestimmtes Fernweh in mir geweckt. Es weckt einfach unwillkürlich Lust auf Brasilien mit seiner ganz eigenen Mentalität, besonderen Gebräuchen und natürlich exotischen Jabuticabas.

Ich habe nichts zu meckern und vergebe unterm Strich 5 von 5 Leseratten für dieses schöne Buch, das ich nahezu in einem Rutsch durchlesen musste.


Das Buch in einem Tweet: „Der Tag an dem ich fliegen lernte“ in drei Worten: Brasilien, Bayern, Familie! Ein exotisches Buch das sich doch um Heimat dreht. Toll!

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Rezension: Auslöschung von Jeff VanderMeer (Southern-Reach-Trilogie Band 1)

Obwohl ihr alle heute vermutlich eher auf Berichte von der Frankfurter Buchmesse wartet oder sogar selbst welche verfasst, möchte ich euch trotzdem ein ziemlich tolles Buch vorstellen. „Auslöschung“ von Jeff VanderMeer hat vorab genau das richtige Maß an Mysterium und Spannung versprochen, um mich total anzusprechen. Nachdem ich dann die Leseprobe gelesen hatte, war mir klar: "Das muss ich lesen!". Jetzt weiß ich: "Es hat sich gelohnt.".

„Auslöschung“ von Jeff VanderMeer
Southern-Reach-Trilogie Band 1
240 Seiten
16,95 € (broschierte Ausgabe)







Ein ungeklärtes Ereignis vor mehr als dreißig Jahren veränderte Area X nachhaltig. Seither ist diese Gegend von einer unsichtbaren Grenze umschlossen und wird von seltsamen Naturveränderungen geprägt. Menschen ist es nur schwer möglich, sich darin zu bewegen. Die bloße Anwesenheit in Area X scheint verrückt zu machen. Die Regierungsorganisation Southern Reach versucht dennoch alles, um das Geheimnis von Area X zu lüften und schickt immer wieder Expeditionen in dieses mysteriöse Gebiet. In „Auslöschung“ folgen wir der 12. Expedition, bestehend aus vier Frauen, die das Wesen von Area X näher ergründen sollen.

In „Auslöschung“ lesen wir das Tagebuch einer Teilnehmerin der 12. Expedition in Area X. Die Biologin beschreibt zunächst recht sachlich und nüchtern die verschiedenen Etappen ihrer Reise. Von Anfang an ist dabei auffällig, dass die einzelnen Protagonisten keinen Namen bekommen, sie werden lediglich mit ihrer Funktion beschrieben und bleiben schemenhaft, blass. Da wir die Handlung durch die Aufzeichnungen der Biologin verfolgen, kommen wir ihr etwas näher als den übrigen Charakteren, doch selbst sie bleibt mehr eine Idee, bekommt kaum Persönlichkeit. Das ist umso bemerkenswerter, da sie trotz kurzer Rückblenden in ihre Kindheit und dem recht leidenschaftlichen Bericht, wie sie zu ihrer Passion der Biologie gelangte, nicht greifbarer wird. Eine gewisse Sympathie zu diesem Charakter hat sich bei mir trotzdem aufgebaut und ich habe ihre Anspannung Stück für Stück selbst übernommen
Wie ich schon in der Leseprobe gemerkt habe, sind die Schilderungen in „Auslöschung“ manchmal derart abstrakt und verworren, dass es schwierig ist, ein inneres Bild dazu zu gestalten. Meine inneren Bühnenbildner hatten schwer zu tun, um anhand der Beschreibungen eine Szenerie vor meinem geistigen Auge zu entwerfen. Am Ende hat das trotzdem geklappt und dieses unwirkliche, mysteriöse Setting hat dann bei mir dazu geführt, dass sich der Horror noch verstärkt hat.

Ich finde es schwer „Auslöschung“ in ein Genre zu stecken und hatte am Anfang eher eine Dystopie erwartet. Irgendwie ist es das vielleicht auch, aber der Horror und das SciFi stehen eindeutig im Vordergrund. Vor allem der Horror! Es sind keine großen Effekte oder Schocker nötig, allein auf Grund der rasenden Anspannung hatte ich ganz schön mit mir zu kämpfen, das Buch dann doch noch abends weiter zu lesen.
Ich möchte natürlich jetzt nicht zu viel verraten, kann aber sagen dass die Entdeckungen der Biologin mir einige Vermutungen aufdrängen, was da in Area X geschah. Eine Auflösung oder nur einen deutlichen Hinweis bleibt uns das Buch aber schuldig! Das hat mich rasend gemacht, ich will unbedingt wissen, wie es weiter geht. Ich freue mich also schon unheimlich auf die folgenden Bände. Das hebt aber auch die Erwartungen an die Nachfolger „Autorität“ und „Akzeptanz“ gehörig, da muss jetzt noch was kommen.

Ich mag Horror-Literatur und „Auslöschung“ sticht da eindeutig hervor, ein Buch das im Gedächtnis bleibt. Trotzdem gibt es einige kleinere Schwächen, so dass ich mit meiner Bewertung insgesamt auf 4 von 5 Leseratten komme!


Das Buch in einem Tweet:  "Auslöschung" ist eine wilde Mischung aus Horror, SciFi und Mystery. Jetzt warte ich hungrig und erwartungsvoll auf die Nachfolger.

Sonntag, 5. Oktober 2014

Rezension: Gebete für die Vermissten von Jennifer Clement

„Gebete für die Vermissten“ von Jennifer Clement hat mir die liebe Antonie ausgeliehen, um meine Meinung zum Buch zu hören. Obwohl mich die ersten Seiten sofort gefangen nahmen und ich das Buch schnell beendet hatte, habe ich mit der Rezension immer noch echte Schwierigkeiten.

„Gebete für die Vermissten“ von Jennifer Clement
228 Seiten
19,95 € (Hardcover)









Ladydi wächst in einem Dorf in den mexikanischen Bergen auf, da wo es wenig von allem gibt: wenig Arbeit, wenig Hoffnung, wenig Zukunft. Als Mädchen ist es für sie besser unscheinbar zu sein, vielleicht sogar hässlich, dann wird man von den Gangs der Drogenhändler in Ruhe gelassen. Was passiert, wenn man als hübsches Mädchen ins Visier der Gangs gerät, sieht Ladydi an ihrer Freundin Paula, diese wird verschleppt und missbraucht. Ladydi selbst ist aber zum Glück unscheinbar genug, um unentdeckt zu bleiben und kann später sogar eine Anstellung als Kindermädchen in der Stadt annehmen. Ob sie dort ein besseres Leben erwartet?

„Gebete für die Vermissten“ ist ein Buch, dessen unglaublich starke erste Absätze mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Sie wirkten auf mich so erschreckend und fesselnd, dass ich sofort mehr wissen musste. Die Kunst innerhalb eines Absatzes sofort das Thema des Buches einzuleiten und die Stimmung für die gesamte Handlung vorzugeben, hat mich schwer beeindruckt. Diese ersten, wenigen Sätze fangen komplett den Geist des Buches ein.

„Jetzt machen wir dich hässlich, sagte meine Mutter. […] In Mexiko ist es das Beste, ein hässliches Mädchen zu sein.“ S.9

Über Bandenkriege und Drogenkartelle in Mexiko hört man in den Nachrichten viel, über die Auswirkungen auf die Bevölkerung und die damit einhergehenden Probleme denkt man dabei nicht unbedingt lange nach. Wie die Frauen unter der Gewalt der Drogenbanden leiden, aber auch darunter leiden, dass sie viele ihrer Männer nach Amerika verlieren und die Zurückgebliebenen frustriert sind, hat mich sehr erschreckt und berührt. Die trostlose und ziellose Stimmung, die das Buch dadurch transportiert wirkt authentisch, leider fehlt der Geschichte dadurch ein echter Spannungsbogen.
Vielleicht geht es nur mir allein so, aber bei aller Bitterkeit und Traurigkeit, die „Gebete für die Vermissten“ versprüht, ist auch immer ein Quäntchen Humor, ein bissiger Witz in den Zeilen versteckt. Ob es Ladydis Name ist, der dem bitteren Humor ihrer Mutter entsprang, oder die trockenen Anmerkungen, die von der erzählenden Stimme in die Beschreibungen eingewoben werden, immer wieder provoziert es ein trauriges Lachen.

Ich schwanke immer noch sehr, wie ich „Gebte für die Vermissten“ bewerten soll oder kann. Die Atmosphäre des Buches ist so authentisch, dass es mir ab und zu den Atem geraubt hat. Die Handlung ist dabei manchmal so träge, dass ich mich fragte wo das alles hin zielt (und es wird leider auch nicht von einem großen Clou gelöst). So habe ich beim Lesen zwischen den verschiedenen Extremen geschwankt. Das Buch hat mir selbst zum Teil nur mittelmäßig gefallen, ist aber keineswegs ein mittelmäßiges, sondern eher bemerkenswertes Buch!
Da ich insgesamt von der Wucht des Themas und der Erzählung beeindruckt bin, kann ich das Buch einfach nicht nur mittelmäßig bewerten und lande ganz knapp bei 4 von 5 Leseratten.
 

Das Buch in einem Tweet: "Gebete für die Vermissten" ist bitter komisch und unterhaltsam traurig zugleich. Ein Buch das bewegt, obwohl manchmal Spannung fehlt.

Mittwoch, 24. September 2014

Rezension: Der Fall von Gert Heidenreich

In „Der Fall“ von Gert Heidenreich habe ich mich gleich in der Verlagsvorschau verliebt. Ein Kriminalroman mit einer ungewöhnlichen Idee und malerischer Kulisse, tolle Grundzutaten für ein ungewöhnliches Leseerlebnis. Dank der freundlichen Unterstützung des Klett-Cotta Verlags hatte ich die Möglichkeit dieses Buch vorab zu lesen und bin immer noch ein bisschen hin und her gerissen. Heute erscheint dieser besondere Krimi und ich möchte meine Eindrücke gerne mit euch teilen.

„Der Fall“ von Gert Heidenreich
320 Seiten
19,95 € (Hardcover)









Eigentlich möchte Swoboda (mal wieder) die Klippen von Les Petits Dalles in wunderschöner Morgensonne zeichnen. Er ist gerade auf dem Weg zu seinem angestammten Platz, als er oben auf den Klippen einen Mord beobachtet. Schneller als geahnt, kommt der unfreiwillige Zeuge ins Visier des Mörders und wird tödlich getroffen. Das verhagelt Swoboda ganz schön den Tag, hält ihn aber nicht davon ab diesen letzten Kriminalfall seines Lebens… beziehungsweise Todes… zu ergründen.

Die Idee, dass der pensionierte Kriminaler Swoboda in seinem eigenen Mordfall ermittelt, hat mich von Anfang an begeistert. In meiner Vorstellung bot das Stoff für skurril-witzige Episoden oder spannende „Erlebnisse“ des frisch Verblichenen. Die eigentliche Umsetzung der Abschnitte unseres jenseitigen Protagonisten war dann völlig unerwartet sehr künstlerisch und philosophisch, manchmal aber leider auch schleppend und etwas ziellos.
Irgendwie gibt es für mich bei „Der Fall“ eine ganze Menge für und wider. Die Idee hat mich wie gesagt schon vor der ersten Seite überzeugt und mir auch während des Lesens gut gefallen. Die Themen waren dabei noch deutlich abwechslungsreicher als zuerst vermutet. Neben Kunst und Kultur lernen wir auch noch eine ganze Menge über Steuerbetrug, Schwarzgeld und Finanzhaie. Zusätzlich hat die Geschichte tolle Charaktere, wie den toten Swoboda und den raffgierigen Buchhalter Rakowski, zu bieten. Soweit wäre die Sache eigentlich ziemlich klar und „Der Fall“ ohne Bedenken zu empfehlen. Leider hängt da noch ein kleines „aber“ in der Luft.
Da wäre allem voran der Schreibstil des Buches zu nennen. Eigentlich bin ich bekannt dafür, dass ich es etwas komplizierter und schnörkeliger mag. Meine eigenen Sätze haben Bandwurmpotential und ich mag es auch mal schwafelig.
Der Stil von „Der Fall“ hat mir aber echte Probleme bereitet. Die Sätze sind lang und schachtelig, das bringt manchmal einen sehr feinen Humor, hat mich aber auch manchmal einfach überfrachtet. Denn jeder Satz scheint mit einer unübersichtlichen Menge an Informationen angereichert, sodass ich zum Teil den Überblick verloren habe. Da kommen Namen von Landstrichen, Straßen, Personen, Speisen und Weinen, der Hintergrundmusik und des Künstlers vom Stillleben an der Wand wild in jeden sich bietenden Winkel des Satzes. Wer sich in französischer Geographie besser auskennt und Speisen und Getränke besser einzuordnen weiß, wird das vermutlich flott überlesen, ich war zum Teil einfach irritiert. Der zweite Teil des kleinen „abers“ ist die Spannung, die durch diesen etwas sperrigen Schreibstil leider nicht so recht aufkommt. Die spannenden Abschnitte werden durch viele gestelzte Zwischenstücke immer wieder ausgebremst, manchmal passt das atmosphärisch, manchmal ist es einfach ein bisschen ungünstig.

Unterm Strich ist „Der Fall“ mit 3 von 5 Leseratten für mich ein klares Unentschieden. Tolle Aspekte werden von größeren Kritikpunkten zwar gebremst, haben mir aber die Lesefreude nicht völlig verhagelt. Ich glaube das Buch könnte Lesern von anspruchsvollen Krimis immer noch gut gefallen, wenn man sich auf die besondere Sprache und Atmosphäre einlässt und dann die Qualitäten des Buches besser genießen kann.


Das Buch heute in einem Bild, statt einem Tweet:

Dienstag, 23. September 2014

Rezension: Das Lied des Blutes von Anthony Ryan (Rabenschatten 1)

Mein letzter Ausflug ins Genre Fantasy war eher mäßig erfolgreich. Aber natürlich ist Fantasy nicht gleich Fantasy und ich habe mit dem letzten Buch einfach nicht das Passende für mich gewählt, anspruchslos und kitschig ist ganz genreunabhängig nicht mein Fall. Da ich aber zum Beispiel Bücher wie Ted Williams „Die dunklen Gassen des Himmels“ sehr mochte, war mir klar: irgendwann kommt wieder das richtige Thema für mich vorbei.
Als mir dann der Klett-Cotta Verlag die Neuerscheinung „Das Lied des Blutes“ anbot, habe ich kurzerhand das Experiment gewagt und mich mal in ein ganz neues Fantasy-Eck begeben.

„Das Lied des Blutes“ von Anthony Ryan
Rabenschatten 1
775 Seiten
ISBN: 978-3-608-93925-5
24,95 € (Hardcover) oder (19,99 € bizepsschonende Kindle Edition)




Vaelin Al Sorna, der Hoffnungstöter, ist auf dem Weg zu einem letzten Kampf. Der einst größte Kämpfer des Reiches muss ein Duell bestreiten, das über sein Überleben entscheidet. Zwar wurde er ob seiner Kriegsvergehen begnadigt, doch soll er nun die Schuld seines Vaters sühnen. Auf dem Weg zu diesem Duell erzählt Vaelin Al Sorna dem jungen Geschichtenschreiber Lord Vernier seine Lebensgeschichte. So erfahren wir, wie aus dem Jungen Vaelin ein Bruder des sechsten Ordens wurde. Wie er kämpfte und tötete, mal Retter und mal Mörder war und zu seinen unzähligen Namen kam: „›Schwert des Königs‹ hieß er für den wahnsinnigen Herrscher, der ihn als Geißel zu uns sandte; ›Junger Falke‹ für die Männer, die ihm in die Wirrnisse des Krieges folgten; ›Dunkelklinge‹ für seine cumbraelischen Feinde und ›Rabenschatten‹ für die geheimnisvollen Stämme des großen Nordwaldes.“

Für mich als Fantasy-Neuling war der Einstieg in das Buch wunderbar einfach, da sich die Geschichte wie ein klassischer Abenteuerroman entwickelt. Der erfahrene und erschöpfte Krieger erzählt dem unbedarften Geschichtenschreiber von seinem Leben. Und da diese Erzählungen in der Kindheit Vaelins beginnen, konnte auch ich als Leser langsam in diese Welt und ihre Sitten abtauchen. Vaelin wird als Junge von seinem Vater dem sechsten Orden übergeben und soll dort zum Krieger ausgebildet werden. Die Passagen im Ordenshaus, mit den vielen Trainingsstunden in Schwertkampf und Bogenschießen, aber auch mit der toll beschriebenen Gemeinschaft der Jungen, haben mich ein wenig an Harry Potter erinnert. Natürlich liegt thematisch alles ganz anders, aber auch hier beobachtet man die Entwicklung der Charaktere und ihre Freundschaften von Kindesbeinen an und beginnt recht schnell sie ins Herz zu schließen. Gerade der Charakter Vaelins ist dabei so sympathisch und irgendwie tatsächlich heldenhaft, dass man ihm gern weiter folgen möchte. Wie dies dazu passt, dass er sich in den späteren Entwicklungen dann Namen wie „Hoffnungstöter“ verdient, war mir anfangs ein Rätsel. Aber auch dieses Rätsel löst sich recht schnell.
Denn die zu Beginn nur spannende und interessante Abenteuergeschichte entwickelt sich zunehmend zu einem recht brutalen Epos und auch die kriegerischen Elemente und Intrigen nehmen immer mehr zu. Diese Abschnitte waren es dann leider auch, die meine anfängliche Begeisterung dämpften. Zwar ist es noch interessant zu verfolgen wie Vaelin vom sanftmütigen Jungen immer mehr zum Krieger wird, aber die Schlachten und das Intrigenspiel, was sich daran anschließt, war für mich nicht mehr so fesselnd. Mich persönlich begeistern diese Kriege und Verwicklungen weit weniger, als die kleinen persönlichen Abenteuer der Helden eines Buches. Der anfängliche Lesesog wurde also zwischendurch ziemlich gebremst.
Vielleicht hätte ich irgendwann das Buch auch ganz zur Seite gelegt, hätte dann nicht langsam der mystische Teil der Handlung eingesetzt. Was das titelgebende „Lied des Blutes“ ist oder warum Vaelin der Rabenschatten genannt wird, möchte ich natürlich nun nicht verraten, diese Abschnitte haben mir aber wieder sehr viel Spaß gemacht.
Der Autor schafft es ganz wunderbar eine eigene Welt voll mit Mythen und Legenden, Geheimnissen und Geschichten zu kreieren, die am Ende toll verwoben ein großes Ganzes ergeben. Dem kommt die besondere Erzählweise des Buches zu Gute. Die vielen Rückblenden in Vaelins Leben werden durch kurze Einschübe über die Geschichte der Königslande oder Sagen des Nordlandes aufgelockert. Dabei ist kein Teil nur bloßes Beiwerk, alle Abschnitte haben später auf die eine oder andere Weise Einfluss auf die Haupthandlung.

Insgesamt hat mich das Buch überzeugt. Dass es mich als doch sehr skeptischen Fantasy-Leser so lange fesseln konnte, will schon viel heißen. Der Erzählstil war derart flüssig aber auch authentisch „mittelalterlich“, dass das ganze Buch eine wunderbare Atmosphäre versprüht hat. Die Beschreibungen waren durchgehend detailliert genug, um ein gutes Bild von Vaelins Welt zu vermitteln, aber Gott sei Dank nicht zu ausladend. Wären die kriegerischen Abschnitte nicht so umfangreich und für mich leider doch ziemlich ermüdend gewesen, hätte es das Zeug zu „richtig guter Fantasy“ gehabt. Durch diese doch recht langwierigen und für mich wenig spannenden Abschnitte, wurde die Begeisterung etwas gedämpft. Trotzdem ist es immer noch „ziemlich gute Fantasy“ und bekommt 4 von 5 Fantasy-Leseratten.


P.S. Ganz normal und nüchtern betrachtet, hätte es eine Ratte weniger sein können. Da es aber ungewöhnlich ist, dass mich ein Buch dieses Genres überhaupt so sehr mitreißt, gibt es eine Bonusratte. Durch „Das Lied des Blutes“ hatte ich seit langem mal wieder richtig Spaß an diesem Genre.

Das Buch in einem Tweet:

Freitag, 19. September 2014

Rezension: Lisa von Thomas Galvinic

Als passionierte „Aktenzeichen XY ungelöst“-Zuschauerin habe ich natürlich vom Phantom von Heilbronn gehört. Ich gebe auch zu, dass ich (meine blühende Phantasie ist schuld) zu denen gehöre, die eine international agierende, äußerst umtriebige Kriminelle spannender gefunden hätten. Nunja. Mittlerweile ist bekannt, dass alle Spekulationen auf einer technischen Panne basieren. Spannend ist der Stoff allemal und wurde von Thomas Glavinic wunderbar verpackt in „Lisa“.

„Lisa“ von Thomas Glavinic
203 Seiten
9,90 € (Taschenbuch)








Unser namenloser Protagonist hat sich in einer abgelegenen Berghütte verschanzt. Um den Kontakt zu seiner Umwelt nicht ganz zu verlieren spricht er jeden Abend zu den (ungewissen) Zuhörern seines kleinen Internetradios. Und zu berichten hat er einiges. Aus einem einfachen Wohnungseinbruch entwickelt sich für den Protagonisten eine nervenaufreibende Zeit, wird er doch verfolgt von der wohl bekanntesten Verbrecherin Europas. Ihre Spuren wurden an unzähligen Tatorten in dutzenden Ländern entdeckt, darunter auch im Wohnzimmer unseres Protagonisten. Gemeinsam mit einem engagierten Polizisten war er dem Phantom (Deckname „Lisa“) auf der Spur, doch als der Polizist spurlos verschwindet wähnt sich unser Protagonist in tödlicher Gefahr und flieht.

Nun, in der Sicherheit der Berghütte, erzählt er seine unglaubliche Geschichte. Diese Geschichte ist dabei so verrückt und wirr, wie es auch der Erzählstil des Buches ist. Unser Protagonist berichtet die Geschichte (eigentlich) von Anfang an, macht aber auch immer wieder zeitliche und vor allem thematische Sprünge in seinen Berichten. Häufig zeigt ein „…“ dass wir, als Zuhörer des Internetradios, gerade wieder einen (kleinen oder doch größeren?) Abschnitt verpasst haben. Manchmal scheint nur ein Teil des Satzes verschwunden, manchmal behandelt der Sprecher nun ein ganz neues Thema. Wo er dabei am Anfang noch recht strukturiert vorgeht, wird zum Ende der Geschichte hin alles immer unzusammenhängender und verrückter.

Was aus dieser realen Grundstory hier gemacht wurde, hat mich wirklich fasziniert, einige der Verbrechen an denen tatsächlich „Lisas“ Spuren gefunden wurden, sind in die Handlung eingearbeitet. Aber auch ausgedachte (zum Teil wirklich bestialische) Verbrechen werden geschildert und man fragt sich ob der Protagonist die Trennung zwischen Realität und Fiktion noch erkennen kann, wirken seine Berichte doch zunehmend ausgeschmückt.
Als Leser kann man sich dem Sog, den „Lisa“ entwickelt kaum entziehen. Der Autor schafft so eine perfekte Kombination aus Verwirrung, Wahnsinn und Spannung, dass ich einfach dran bleiben musste. Ich habe das Buch förmlich aufgesogen. Für den ein oder anderen mögen die Schilderungen vermutlich zu heftig und zusammenhanglos sein, ich habe diesen „besonderen“ Ansatz wirklich genossen und fing selbst immer weiter an zu rätseln, welche Auflösung der Autor nun für unseren Protagonisten angedacht hatte. Leider findet sich darin auch mein größter Kritikpunkt. Ich sehe kein Problem in der Abkehr von der realen Geschichte des Phantoms von Heilbronn. Die Überraschung und Spannung ist natürlich größer, wenn der Leser das Ende noch nicht kennt. Leider fand ich die Auflösung nach all der authentisch wirkenden Spannung und den an sich recht realistisch gehaltenen Spekulationen leider recht unglaubwürdig und zusammenhangslos.

Unterm Strich sind das eindeutig 4 von 5 Leseratten und der feste Wunsch noch mehr von diesem Autor zu lesen, so schnell wie möglich. Sowohl die Psychologie des Protagonisten, als auch die gekonnte Spannung und die kreativen Ideen haben mich gepackt.


Das Buch in einem Tweet: Verrückt. Verrückter. „Lisa“. Ein Buch zwischen Thriller und Mystery, mit einem guten Schuss Wahnsinn. Nichts für schwache Nerven.

Dienstag, 16. September 2014

Rezension: Die Stimme des Vergessens von Sabine Kornbichler

Spät kommt sie, doch sie kommt... meine Rezension zu "Die Stimme des Vergessens" nach der Twitter-Leserunde. Noch länger als es dauerte die Rezension zu verfassen, hat es aber bei mir gedauert endlich ein Buch der Autorin zu lesen. Das hätte ich schon früher machen sollen. Sabine Kornbichlers Krimi „Das Verstummen der Krähe“ hatte ich schon des Öfteren in der Hand und wollte es gern lesen, endgültig hat mich die Lust aber nie gepackt. Dann hat die liebe Iris ihre Twitter-Leserunde zu „Die Stimme des Vergessens“ gestartet und da war sie dann doch wieder, die unbändige Krimi-Lust. Also habe ich spontan mitgemacht.

„Die Stimme des Vergessens“ von Sabine Kornbichler
416 Seiten
12,99 € (Taschenbuch) oder 9,99 € (Kindle Edition)









Kristina Mahlo kommt bei Ihrer Arbeit als Nachlassverwalterin in das Haus eines älteren Herren, der augenscheinlich große Angst vor der Welt hatte. Die Fenster sind vergittert, die Tür mit einem starken Schloss gesichert. Und auch in den Unterlagen des alten Herrn Schettler weist einiges auf einen starken Verfolgungswahn hin. Doch Kristina Mahlo kann sich der Vermutung nicht erwehren, dass hinter diesem Wahn auch ein Fünkchen Wahrheit liegen könnte. Als ihr dann noch Schettlers Unterlagen gestohlen werden, glaubt sie endgültig nicht mehr daran, dass der alte Mann sich völlig grundlos fürchtete. Die Suche nach dem Grund seiner Angst beginnt.

Ich bin sehr zwiegespalten, wenn es um die Bewertung von „Die Stimme des Vergessens“ geht. Einerseits fand ich die Grundidee von Beginn an toll, die Idee eine Nachlassverwalterin auf die Spuren von Geheimnissen ihrer „Klienten“ zu schicken finde ich faszinierend. Andererseits hat sich die Geschichte zu Beginn recht langsam entwickelt ehe wirklich Spannung aufkam und es über das bloße Mysterium rund um Schettlers Wahn hinaus ging. Natürlich lebt diese Geschichte mehr von dem reinen, eher stillen Geheimnis aber ein echter Lesesog kam erst ab der Mitte des Buches bei mir auf. Dann wollte ich das Buch aber kaum noch weglegen und habe es quasi am Stück verschluckt, diese faszinierende Ver- und Entwicklung hätte einfach ein bisschen früher einsetzen müssen, um mich gleich zu packen. Das Potential war definitiv vorhanden!
Wirklich problematisch waren für mich aber die häufigen Einschübe über das Privatleben der Ermittlerin. Das ist natürlich Geschmacksache, aber für mich sind diese ganzen Nebenhandlungen meist nur störend und eher uninteressant. Das nun hier nicht nur das Liebesleben von Kristina Mahlo, sondern auch noch ihrer Eltern thematisiert wurde, hat meine Begeisterung leider nicht wirklich gesteigert. Da vor allem die Eltern für mich eher blass blieben, war mir ihre Ehekrise schnell zu viel und einfach nur Beiwerk. Schade.
Gut gefallen haben mir die sympathischen Nebencharaktere, denen Kristina Mahlo begegnet und die interessanten Gespräche die sie mit ihnen führt. Im Verlauf des Buches wurden so viele Theorien aufgebaut, ent- und wieder verworfen, dass mir ganz schwindelig wurde. Diese Verwirrtaktik hat aber wunderbar dafür gesorgt, dass man als Leser nicht sofort das Ende erahnt, sondern sich immer wieder in den Mutmaßungen verliert, ein gelungener Schachzug!
Nochmal problematisch wurde es für mich am Ende. Das wirkte für mich doch sehr konstruiert und irgendwie ein bisschen unrund. Einfach zu schwach gegen den extrem starken Mittelteil des Buches, in dem sich die verschiedensten Theorien häufen und in dem ich so stark auf das Ende fiberte.

Zu jedem Kritikpunkt gibt es einen starken Pluspunkt, zu jeder Begeisterung ein kleines „aber“, ein klares unentschieden und daraus folgend 3 von 5 Leseratten.


Das Buch im Leserunden-Tweet:

Samstag, 13. September 2014

Rezension: Hannahs Traum von Diane Hammond

Ich bin auf einem anderen Buchblog auf „Hannahs Traum“ gestoßen, irgendwann im Rahmen der Montagsfrage. Leider habe ich mir nicht gemerkt wo genau das war, das Buch aber ist sofort auf meiner Wunschliste gewandert und mir einfach nicht aus dem Kopf gegangen.

„Hannahs Traum“ von Diane Hammond
352 Seiten
19,90 € (Hardcover)
Die Hardcover Variante gibt es mittlerweile auch schon wirklich günstig gebraucht.







Samson Brown ist Tierpfleger im kalifornischen Biedelman-Zoo. Seit vierzig Jahren kümmert er sich dort um die Elefantenkuh Hannah. Sam liebt seine Elefantendame innig, weiß jedoch, dass er körperlich nicht mehr lang in der Lage sein wird, sich um sein „Mädchen“ zu kümmern. Er möchte dafür sorgen, dass die Elefantendame einen schönen Lebensabend verbringen kann. Ganz einfach ist das allerdings nicht. Als eine neue, junge Tierpflegerin angestellt wird bringt diese nicht nur frischen Wind in Sams Alltag, sondern auch einige Ideen, wie Hannahs Leben verbessert werden kann.

„Hannahs Traum“ ist ein absolutes Wohlfühl-Buch. Zwar ist die Handlung an einigen Stellen wirklich traurig, aber Sams Liebe zu Hannah (und natürlich seiner Frau) sowie die unglaublich starke Freundschaft der Protagonisten untereinander versprühen so viel gute Laune, dass es richtig gut tut. Einfach wunderschön. Damit aber nicht alles zu „glatt“ läuft gibt es natürlich auch einen bösen und skrupellosen Kontrahenten, der Hannah und ihren Unterstützern das Leben schwer machen möchte. In diesem Fall ist das die Zoodirektorin, die in Hannah eine reine Attraktion sieht und sich selbst als „Mrs. Biedelmann“ vor den Zoobesuchern mit ihren Geschichten von wilden Elefanten wichtig machen möchte. Doch so unsympathisch dieser Charakter handelt, die Autorin stellt auch dabei die menschlichen Beweggründe dar und macht auch diesen Protagonisten auf seine Art liebenswert.
Vielleicht ist das Buch ein bisschen zu viel heile Welt, alles ist fast zu glücklich und selbst Probleme werden so wunderschön gelöst, dass es nicht real wirkt. Aber ehrlich? An manchen Tagen ist die Realität wohl aufwühlend und anstrengend genug, Pause vom Alltag kann man dann am besten in so einer Geschichte machen.
Dazu kommt für mich, dass ich Elefanten einfach faszinierend finde. Diese großen aber irgendwie sanft wirkenden Wesen, mit einem tollen Zusammenhalt und einem wohl unschlagbaren Gedächtnis haben es mir einfach angetan. Vielleicht ist das eine verklärte, durch liebevolle Tierdokumentationen gestärkte Sicht, aber dieser elefantentypische Zusammenhalt einer „Herde“ (auch wenn es hier ganz menschliche Protagonisten sind) wirkt in diesem Buch authentisch umgesetzt und hat mich völlig erweicht.

4 von 5 Leseratten für ein sehr schönes Buch, das vielleicht nicht ewig wegen der ausgefeilten Story im Gedächtnis bleibt, aber das eine Stimmung versprüht, die man noch sehr lange fühlen kann.


Das Buch in einem Tweet: "Hannahs Traum" ist perfekte Wohlfühl-Lektüre für (kommende) Herbstabende, am Besten genossen mit Kakao und Keksen (Serviervorschlag).

Donnerstag, 11. September 2014

Rezension: Priscilla. Von Liebe und Überleben in stürmischen Zeiten von Nicholas Shakespeare

Susi hat mich mit „Madame Hemingway“ auf den Geschmack gebracht. Seitdem halte ich immer die Augen offen und suche nach guten, belletristisch aufbereiteten Biografien. Also Büchern, die das Leben eines Menschen nicht nur in Fakten erfassen, sondern auch die Geschichte eines Lebens erzählen.
Über „Priscilla“ bin ich beim Stöbern in der Mittagspause gestolpert. Beim Recherchieren habe ich mich dann gewundert, dass so gut wie keine Rezension zu diesem Buch zu finden war. Jetzt, nachdem ich das Buch beendet habe, wundert mich das umso mehr.

„Priscilla. Von Liebe und Überleben in stürmischen Zeiten“ von Nicholas Shakespeare
512 Seiten
22,99 € (Hardcover)








Nicholas Shakespeare lernte als kleiner Junge seine Tante Priscilla kennen. Sie war eine zurückgezogene, irgendwie geheimnisvolle Frau. Nach ihrem Tod erfuhr der Autor, dass auch für seine Mutter die eigene Schwester lange Zeit ein Geheimnis war. Er beschließt Nachforschungen über Priscillas Leben anzustellen, dabei kommt ihm eine Kiste voll Tagebücher, Briefe und Notizen zu Hilfe, die in Priscillas Nachlass gefunden wird. Priscilla selbst wollte ein Leben lang ihre Biografie niederschreiben und veröffentlichen, dies gelang ihr leider nie. Nicholas Shakespeare erfüllt seiner Tante nun postum diesen Wunsch. Zu Erzählen hatte Priscilla genug, das Leben der jungen Frau vor dem zweiten Weltkrieg und auch während der Zeit im besetzten Paris ist von vielen Hochs und Tiefs geprägt.
Obwohl der Autor seine Tante nur in jungen Jahren kennenlernte und zu ihren Lebzeiten nicht viel über sie erfuhr, ist diese Biografie voll Herz und Wärme geschrieben. Priscilla wird nicht als Heldin verklärt, sondern auch ihre Fehltritte und Schwächen werden besprochen, aber die Geschichte die er erzählt, lässt das Bild einer facettenreichen und empfindsamen Frau entstehen. Die vielen authentischen Dokumente, die in diese Biografie eingearbeitet wurden, lassen dabei das Gefühl aufkommen, dass Priscilla selbst zu Wort kommt. Und das ist auch tatsächlich häufig der Fall. Der Autor hat Teile von Priscillas selbst verfassten Erinnerungen wunderbar in seine Erzählung eingewoben und schafft dadurch einen noch direkteren Bezug zu seiner Tante. Diese fand gegen Ende ihres Lebens Trost im Schreiben.

„Nur im Geheimen, in ihrem Zimmer, versuchte Priscilla, ihr Leben in Ordnung zu bringen, indem sie das Geschehene aufzeichnete. Es war ein Akt der Selbstbestätigung, eine Form, zu sagen: ‚Ich bin noch da, ich bin nicht verschwunden!‘“ S. 449

Obwohl es die Biografie einer ganz normalen Frau ist, kommen viele Verbindungen zu schillernden Persönlichkeiten der damaligen Zeit zum Vorschein und haben mich ganz schön ins Schwärmen gebracht. Von Sugar Ray Robinson über Alfred Hitchcock haben Priscilla und ihre Freunde weitreichende Verbindungen.
Später kommen auch weniger glorreiche Kontakte zu bedeutenden Nazis dazu, aber auch das ist nun mal Teil ihres Lebens. Diese Abschnitte waren für mich besonders spannend. Das Leben der Frauen im besetzten Frankreich und generell das Leben der jungen Frauen zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges wird sonst wenig besprochen, bekommt aber in diesem Buch ein plastisches Gesicht. Welche Verbindungen Priscilla einging, um ihr Überleben zu sichern, oder auch weil sie sich nicht gegen Liebe wehren konnte (oder wollte), ist spannend zu erfahren.
Die vielen Fotos von Priscilla haben mich zusätzlich ins Herz getroffen. Auf den Fotos ist eine junge, hübsche Frau zu sehen, die einen über die Zeit hinweg direkt anzusehen scheint. Die vielen Verehrer, die sie während ihres Lebens verzauberte, kann man gut verstehen.
 
Obwohl die Jahre des zweiten Weltkriegs besonders thematisiert werden ist „Priscilla“ kein Buch über den Krieg. Es geht vor allem um Liebe und Treue, um die Suche nach Glück und die vielen kleinen und großen Entscheidungen, die am Ende ein Leben ausmachen.
Ich kann „Priscilla“ nur jedem ans Herz legen. Diese Biografie hat mich bewegt, wie keine andere zuvor und ich bin froh, dass Priscilla all die Dokumente ihres Lebens aufbewahrte und Nicholas Shakespeare sie nutzte, um Geschichte seiner Tante zu erzählen.

„Auf Boisgrimot hatte Priscilla gehört, wie ihr Vater im Radio erklärte, man dürfe niemals Briefe und Tagebücher vernichten, auch wenn sie vielleicht nur Klatsch und Tratsch enthielten: ‚Sie können unbezahlbar sein, unvergängliche Zeugnisse menschlichen Muts in Zeiten allgemeiner Mutlosigkeit.‘“ S. 418

Ich vergebe 5 von 5 Leseratten und einen Platz in meiner persönlichen Top-20-Liste.


Das Buch in einem Tweet: "Priscilla" zeigt eine junge Frau, die wir mit all ihren Fehlern aber auch Stärken kennenlernen. Die Biografie berührt, fesselt, fasziniert.

Sonntag, 7. September 2014

Rezension: Jetzt spricht Dylan Mint und Mr. Dog hält die Klappe von Brian Conaghan

Auf der Liste meiner Bücher mit den verrücktesten Titeln rangiert „Jetzt spricht Dylan Mint und Mr. Dog hält die Klappe“ schon ganz weit vorn, aber auch in Sachen Humor und Charaktere ist das Buch nicht von schlechten Eltern.

„Jetzt spricht Dylan Mint und Mr. Dog hält die Klappe“ von Brian Conaghan
352 Seiten
19,99 € (Hardcover)








Dylan Mint ist sechzehn Jahre alt, als er erfährt, dass er nur noch 6 Monate zu leben hat. Als würde es nicht reichen, dass er an Tourette erkrankt ist (Mr. Dog nennt er dieses wilde Brüllen, das manchmal aus ihm heraus bricht) und an eine echt uncoole Schule geht. Da hilft es auch nicht, dass er den ziemlich besten Kumpel Amir und eine echt coole Mum hat. Dylan schreibt sich eine Liste mit Dingen, die er noch unbedingt erledigen möchte bevor er stirbt, wie „Sex mit einem echten Mädchen haben“ und „einen neuen besten Kumpel für Amir finden“. Diese Dinge funktionieren dann mehr oder weniger gut, aber auch sonst erlebt Dylan eine turbulente Zeit.

„Jetzt spricht Dylan Mit und Mr. Dog hält die Klappe“ ist ein Buch, dass eine so geniale Einheit aus Thema, Inhalt und Sprache schafft, dass man es einfach als Gesamtkunstwerk bezeichnen kann.
Dylan Mint erzählt die Geschichte aus seiner Sicht und hat dabei vom Autor eine ganz besondere Stimme verpasst bekommen. Die Erzählung wird von Reimen, Aufzählungen und Wortspielen aufgelockert und so ist es gar nicht mehr so ungewöhnlich, wenn sich Mr. Dog auch mal kurz zu Wort meldet. Dieser Erzählstil hat bei mir dafür gesorgt, dass ich das Buch geradezu verschlungen habe und es nie langweilig wirkte. Manchmal ist Dylans „Jugendsprache“ vielleicht ein bisschen übertrieben grob und hat mich persönlich nicht so angesprochen, aber zum Charakter und seiner Entwicklung hat es doch einfach gepasst. Dylan will cool sein (oder werden) und da muss man es auch verbal mal krachen lassen.
Die Handlung ist insgesamt vielleicht nicht spektakulär, aber unterhaltsam und so herrlich skurril. Mich hat besonders gefreut, dass es bei allem nie irgendwie um Mitleid ging. Dylan hat zwar so seine Probleme, aber die gibt es eben auch neben seiner Krankheit. Die Schule ist wirklich uncool, sein Kumpel riecht „wie ein großer Topf Curry“ und bei Mädchen steht Dylan Anfangs nicht gut da. Vielleicht liegt es daran, dass der Autor selbst Tourette hat, die Krankheit wurde jedenfalls so toll als Teil von Dylans Persönlichkeit beschrieben, dass man verstanden hat wie anstrengend es sein kann, Mr. Dog in Zaum zu halten, aber es eben auch nur ein Teil seines Charakters war.
Das Buch versprüht einen ganz besonderen, irgendwie alltäglichen Humor und punktet dabei besonders durch seine Charaktere. Ob Dylans Kumpel Amir oder sein Schwarm Michelle. Alle haben so ihre Macken und „Schäden“. Sie wirken manchmal so schräg, dass es ein Touch zu viel sein müsste, es passt am Ende trotzdem! So wirkt auch Dylan manchmal zu naiv für sein Alter, ist aber dabei so sympathisch, dass man ihm fast alles verzeiht. Vor allem die Briefe an seinen Vater, die immer wieder einzelne Kapitel des Buches bilden, haben mich herzhaft lachen lassen.

Unterm Strich vergebe ich 4 von 5 Leseratten für „Jetzt spricht Dylan Mint und Mr. Dog hält die Klappe“, es gibt ein paar kleine Schwächen, aber die stehen harmlos da im Vergleich zu den Qualitäten des Buches. Wenn euch das Thema interessiert, unbedingt lesen!



Das Buch in einem Tweet: „Jetzt spricht Dylan Mit und Mr. Dog hält die Klappe“ ist ein Buch, dass eine geniale Einheit aus Thema, Inhalt und Sprache schafft.

Samstag, 6. September 2014

Rezension: Der Poet der kleinen Dinge von Marie-Sabine Roger

Marie-Sabine Roger verzauberte mich erstmals mit „Das Labyrinth der Wörter“ mit ihrem unvergleichlichen Schreibstil und unglaublich liebenswerten Charakteren. Jetzt habe ich auch noch ihre beiden anderen Bücher gelesen und bin ihr endgültig verfallen. Ich hoffe, dass bald noch weitere tolle Geschichten von dieser wunderbaren Autorin folgen werden!

„Der Poet der kleinen Dinge“ von Marie-Sabine Roger
Hoffman und Campe Verlag
240 Seiten
18,99 € (Hardcover)









Die junge Alex reist rastlos umher und wandert von einer Stadt und einem Job zum nächsten. Als sie bei Marléne und Bertrand zur Untermiete einzieht, ist es für sie erst nichts weiter als eine neue Station auf ihrer langen Reise. Doch dort lebt auch Gérard, der behinderte Bruder von Bertrand. Er kann sich auf Grund seiner Behinderung nur schlecht artikulieren und dadurch entgeht seiner Familie, welcher wache Verstand in ihm steckt. Und vor allem: welcher Poet! Einzig Alex entdeckt dies und schließt Gérard schnell in ihr Herz. Neben Alex und Gérard ist auch Cedric ein ziemlicher Außenseiter in der trostlosen Kleinstadt. Kein Wunder, dass da sehr schnell eine besondere Freundschaft entsteht.
Die Handlung von „Der Poet der kleinen Dinge“ wirkt wie ein Ausschnitt aus einer eigentlich viel längeren Geschichte, der man auch nach Ende des Buches am liebsten weiter folgen würde. Manchmal sind mir schon Bücher begegnet, deren eigentlich banale Handlung weit ausgedehnt war und mich völlig das Interesse verlieren lies. Marie-Sabine Roger arbeitet nach dem gegenteiligen Prinzip. Dadurch, dass man nur einen kurzen Abschnitt der Geschichte erzählt bekommt, bleibt viel Raum für eigene Ideen und Träumereien. Obwohl man über das „danach“ viel träumen kann, ist die Handlung in sich aber wiederum abgeschlossen genug, um nicht frustrierend unabgeschlossen zu wirken. Perfekt!
Neben diesem besonderen Aufbau der Geschichte sind es aber vor allem die besonderen Charaktere, die mich so völlig verzaubert haben. Trotz der Kürze der Geschichte lernen wir vier besondere Personen, mit ihren Stärken, Schwächen und Träumen kennen. Der titelgebende „Poet der kleinen Dinge“ Gérard ist dabei natürlich eine Hauptfigur, die restlichen Freunde werden aber nicht weniger liebevoll charakterisiert.
Auch diese Geschichte versprüht, wie die übrigen von Marie-Sabine Roger, eine Menge Inspiration und Zuversicht. Es geht in ihren Geschichten immer wieder um besondere Lebenswege, die so unkonventionell und manchmal auch schwer sie auch sein mögen, doch für jeden Protagonisten eine irgendwie glückliche Wendung bieten, auch wenn diese vielleicht nicht den gesellschaftlichen Konventionen entspricht.
Bei aller emotionaler Tiefe und tollen Charakteren darf der Eindruck nicht trügen: „Der Poet der kleinen Dinge“ ist voll Humor und so gar kein schweres, philosophierendes Werk. Im Gegenteil Situationskomik und eine sehr witzige Sprache lassen die Geschichte leicht und locker wirken und bringen eine Menge Spaß.

Über die Bücher von Marie-Sabine Roger zu sprechen fällt mir schwer, man sollte sie einfach lesen! Es sind Geschichten fürs Herz, die mich einfach glücklich zurücklassen und mich ohne Zweifel 5 von 5 glücklichen Leseratten vergeben lassen.



Das Buch in einem Tweet: "Der Poet der kleinen Dinge" ist Soulfood in Buchform. Tolle Charaktere und eine leise aber wunderschöne Handlung. Einfach lesen.

Freitag, 5. September 2014

Filmfreitag: Mary & Max - Oder: schrumpfen Schafe, wenn es regnet?


Seit wir die Rubrik des Film-Freitag planten, freue ich mich darauf euch von "Mary & Max - Oder: schrumpfen Schafe, wenn es regnet?" zu erzählen. Ich habe nicht unbedingt den einen Lieblingsfilm, aber "Mary & Max" kommt sehr nah an "mein Lieblingsfilm" ran und ich möchte eigentlich jeden/jede Freund/in in meinem Umfeld davon überzeugen, den Film mit mir zu gucken. Für Susi steht dieser Programmpunkt auch noch aus ;).

"Mary & Max - Oder: schrumpfen Schafe, wenn es regnet?"

Produktionsjahr: 2009
Erscheinungstermin DVD/Blu-ray: 02.12.2010
Studio: Ascot Elite Home Entertainment

Spiellänge 93 Minuten

FSK: 12

6,24 € (DVD) oder 15,99 € (Blu-ray)


Bester Animationsfilm im Langfilmwettbewerb AniMovie beim Trickfilmfestival Stuttgart und erhielt den Cristal d’Annecy auf dem Festival d’Animation Annecy für den besten Langfilm.

Mary Daisy Dinkle ist acht Jahre alt und ziemlich einsam. Ihre einzigen Freunde sind die „Noblets“ aus ihrer Lieblingsserie und ihr (etwas zerrupfter) Hahn "Ethel". Marys Mutter ist eine kleptomanische Alkoholikerin, der Vater arbeitet in einer Teebeutelfabrik und präpariert gern überfahrene Vögel. Gesprächig sind sie Beide nicht. Zu allem Übel hat Mary eine ziemlich dicke Brille und ein unschönes Muttermal, wird von den anderen Kindern verspottet. Kein allzu leichter Stand für eine Achtjährige. Mary hat aber so viele Fragen zum Leben und wünscht sich so dringend einen Freund, dass sie beschließt ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Sie wählt blind eine Adresse aus dem Telefonbuch und schreibt dem unbekannten "Max" einen Brief.


Max ist 44, lebt in New York, ist übergewichtig und hat das Asperger-Syndrom. Soziale Kontakte bereiten ihm Unbehagen und bis auf die Treffen seiner „Weight Watchers“-Gruppe verlässt er das Haus so gut wie nie. Marys herzzerreißende Briefe bringen also auch ein wenig Freude und Abwechslung in sein Leben.
 

Eine Brieffreundschaft beginnt, die sich über viele Jahre entwickelt. Die beiden tauschen ihre Sorgen aus und klären unter anderem, woher Babys in Amerika bzw. Australien kommen oder ob Schafe schrumpfen, wenn es regnet.

„Mary & Max“ ist ein klassischer Knetanimationsfilm, wie etwa „Wallace und Grommit“ oder „Chicken Run“. Anders als diese wirkt aber „Mary & Max“ weniger unbeschwert, die Bilder sind in Sepia- oder Grautönen gehalten und werden nur durch wenige Farbtupfer aufgelockert. Das führt dazu, dass trotz der putzigen Optik der Figuren eine eher melancholische Stimmung übermittelt wird.


Trotzdem ist „Mary & Max“ keine Tragödie, sondern bringt eine ganze Menge Unterhaltung, Witz und Phantasie mit und kann einfach von Anfang an begeistern. Ich jedenfalls kenne keinen zweiten Film, der wie "Mary & Max" eine solche Mischung aus Melancholie und Humor, Wortwitz und bewegender Handlung vereint. Der durchgehend zum Lachen bringt aber auch richtig stark ans Herz geht. Es gibt viele Stellen im Film, die einfach durch ihren komischen Erzählstil und die ulkigen Bilder unheimlich witzig sind, dabei aber so bitter böse oder tragisch daher kommen, dass man fast nicht lachen kann.
Die Geschichte von Mary und Max wird von einem Erzähler begleitet, der aus dem Off über die Geschehnisse spricht und wunderbar die Sichten der beiden ungewöhnlichen Protagonisten aufgreift. Wenn dann Marys Briefe vorgelesen werden, die alleingelassen von der Welt dem Autisten Max ihr Herz ausschüttet, musste ich ganz schön mit den Tränen kämpfen. Dabei sind die Briefe und Gespräche nie mitleidheischend, sondern einfach so ehrlich und unbedarft, dass sie ans Herz gehen.
Dieser Film kommt vielleicht witzig und unscheinbar daher, aber Vorsicht! Er trägt eine ganze Menge Botschaft mit sich und streift dabei so gekonnt eine wahre Flut an Themen: es geht um Einsamkeit und Freundschaft, Liebe (unter anderem um Elternliebe, gleichgeschlechtliche Liebe…). Ganz nebenbei wird dann noch Max Krankheit thematisiert, als Asperger hat er Probleme mit Gefühlen und mit dem Kontakt zu Menschen. Max ist außerdem Jude, und geht (wie gesagt) zu den „Weight Watchers“. Mary beschäftigt sich (gezwungenermaßen) mit Alkoholismus und Depression. Das soll alles in einen Film passen? Ja, es passt. Denn insgesamt geht es doch immer wieder nur um zwei Dinge: Hoffnung und Akzeptanz.



Ich kann es nicht anders zusammenfassen als: ihr müsst unbedingt alle ganz dringend diesen Film anschauen! Und dann möglichst nochmal anschauen, viele Details fallen erst beim zweiten oder dritten Mal ins Auge.

Dieser Filmbeitrag war mir eine Herzensangelegenheit. Logisch, dass ich hier 5 von 5 Kinoratten vergeben muss! 

Samstag, 30. August 2014

Rezension: Das Dorf der Mörder von Elisabeth Herrmann

Nach meinem letzten Problem mit Skoobe „einfach wild drauflos lesen“ habe ich diesmal gezielt nach einem Wunschlistenbuch gesucht und hatte Glück! „Das Dorf der Mörder“ hat mich im Urlaub begleitet und bildete trotz der anhaltenden Thriller- und Krimimüdigkeit wiedermal einen schönen Höhepunkt.

„Das Dorf der Mörder“ von Elisabeth Herrmann
480 Seiten
19,99 € (Hardcover)









Im Berliner Tierpark werden die Besucher von einem furchtbaren Anblick geschockt: im Gehege der Pekaris (quasi brasilianische Wildschweine) wird eine menschliche Leiche von den wütenden Tieren zerfetzt. Mitten im Trubel erreicht die Streifenpolizistin Sanela Beara den Ort des Geschehens. Statt nur die Situation zu sichern, wird sie von dem Fall unglaublich angezogen und ermittelt weit über ihre Kompetenzen hinaus. Dabei lässt sie nicht locker obwohl schnell eine Verdächtige ausgemacht wird.

Nicht nur die Ermittlungen von Sanela Beara sondern auch die psychologische Arbeit zweier Gutachter mit der Verdächtigen machen den Hauptteil des Buches aus. Dabei gehen die Psychologen von der bewiesenen Tat aus, während die junge Streifenpolizistin immerwährend nach weiteren Möglichkeiten forscht. Auch die Kapitel werden aus diesen wechselnden Perspektiven erzählt und halten so die Handlung immer spannend. Denn natürlich wird die Perspektive immer genau dann gewechselt, wenn gerade eine spannende Entdeckung bevorsteht. Das ist gemein, macht aber unglaublich süchtig. Vor allem da die Kapitel angenehm kurz, aber nicht zu knapp sind, entsteht ganz schnell dieser „nur noch ein Kapitel“-Sog. Ihr kennt das.
Die Mordmethode in diesem Krimi ist ungewöhnlich, ziemlich blutig und steht zur angenehmen Abwechslung nicht im Zentrum des Buches. Es gibt keine langen, grausamen Beschreibungen sondern zwar einige brutale Szenen, aber eine recht sachliche Darstellung der Geschehnisse. Dadurch wirkt das ganze auf mich deutlich authentischer als diese Aufmerksamkeit-heischenden Krimis und Thriller, von denen mein Opa sagen würde „die musst du gerade halten, sonst tropft das Blut raus!“.
Von der Streifenpolizisten, über den Psychologen bis hin zur Verdächtigen Charlotte Rubin sind außerdem alle Charaktere interessant beschrieben, haben nachvollziehbare Stärken und Schwächen und geben trotzdem nicht alle Geheimnisse sofort preis. Eine angenehme Mischung.
Besonders angetan hat  es mir die düstere Symbolik innerhalb der Geschichte. Schnell kommen die Erinnerungen der Verdächtigen an ihre Kindheit in einem einsamen brandenburgischen Dorf ins Zentrum der Ermittlungen. Die Bilder dieser Abschnitte sind deutlich und düster: bellende Hunde, Blut, Schweine, ein verfallener Hof. Es ergeben sich verschiedene Verbindungen durch diese Symbole und alles zusammen bildet eine spannende Atmosphäre. Der Schreibstil ist passend dazu bildreich und kurzweilig, trägt die Atmosphäre schön weiter und greift die Symbolik auf.
Negativ aufgefallen sind mir lediglich einige Ungereimtheiten beim Verhalten der Protagonisten. Zwar war ihre Motivation immer klar, ab und zu wirkte ihr Verhalten aber einfach konstruiert und etwas unglaubwürdig. Vor allem die junge Ermittlerin hätte wohl eine andere Position innehaben müssen, um so zu agieren.
Insgesamt vergebe ich 4 von 5 wirklich zufriedenen Leseratten. Von der beklemmenden Atmosphäre und tollen Spannung möchte ich sofort MEHR. Ich habe mir auf Skoobe also gleich ihre übrigen Bücher vorgemerkt.


Das Buch in einem Tweet: Ein angenehm strukturierter, spannender und düsterer Krimi mit leichten Schwächen. "Das Dorf der Mörder" hat mich trotzdem begeistert.