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Donnerstag, 16. Oktober 2014

Der Herbst wird spannend bis tragisch...

Auf Twitter hat die liebe Iris neulich festgestellt, dass Sie eine Jahreszeiten-Leserin ist. Ich konnte mich da spontan anschließen und habe gleich ein bisschen nach passenden Herbstbüchern für mich gestöbert.


Im Herbst soll es für mich spannend sein, gern auch ein bisschen tragisch, nicht zu viel Action. Das regnerische Wetter passt einfach zu gut, zu düsteren und traurigen Geschichten. Für die goldenen Herbststunden darf es dazu noch ein Hauch Romantik und Gefühl sein.

Mein absoluter Favorit im Moment ist "In Zeiten von Liebe und Lüge" von Héléme Grémillon aus dem Hoffmann und Campe Verlag.

Zum Inhalt:
Lisandra ist jung und wunderschön, Lisandra ist eine begnadete Tangotänzerin - und Lisandra ist tot. Hat ihr Ehemann, der Psychiater Vittorio, sie aus dem Fenster gestoßen?
Im August ist es Winter in Buenos Aires, Lügen und Verrat bestimmen das Leben der Menschen um Lisandra und Vittorio. Doch Eva Maria, Patientin von Vittorio und heimlich in ihn verliebt, macht sich auf die Suche nach der Wahrheit.


Das Cover allein schreit für mich schon nach Herbst, aber auch diese Mischung aus einem tragischem Todesfall (Mord?) garniert mit Lügen, Verrat und Eifersucht macht so richtig Lust auf spannende, verregnete Leseabende. Da die Handlung in Buenos Aires im Winter spielt, kann ich mich ganz leicht in die Atmosphäre einer grauen Großstadt hineinversetzen.

Schon angelesen und für gut befunden habe ich "Die Lebenden und die Toten von Winsford" von Hakan Nesser aus dem btb Verlag.

Zum Inhalt:
Exmoor, eines Abends im November. Über dem kleinen Dorf Winsford in der südenglischen Moorlandschaft liegt dichter Nebel. Die mysteriöse Frau, die sich unter dem Namen Maria Anderson mit ihrem Hund im abseits gelegenen Haus auf der Heide niederlässt, bietet Stoff für Spekulationen. Was hat sie hier draußen in der Einöde zu suchen? Was hält ihr Mann von ihrem Aufenthalt an diesem Ende der Welt? Wo ist er überhaupt? Tatsächlich auf Reisen?

Da die Protagonistin Maria eigentlich ständig im Nieselregen spazieren geht, passt das Buch wunderbar zu verregneten Wochenenden. Noch ist die Handlung recht beschaulich und ruhig, ich hoffe aber, dass sich auch in dieser Geschichte noch eine Portion Spannung entwickelt. Mal schauen, ob ich dran bleiben werde...


Da ich mich im Moment auch viel mit Social Media und den Gefahren bzw. Nutzen des Internet beschäftige, reizt mich "Mona" von Dan T. Sehlberg aus dem Kiwi Verlag für den Herbst besonders. Da verspreche ich mir angenehme, psychologische Spannung und interessante Zukunftsentwürfe.

Zum Inhalt:
Eric Söderqvist, Informatikprofessor aus Stockholm, hat »Mind Surf« erfunden – ein gedankengesteuertes System, das die Bedienung von Computern von Grund auf verändern kann. Der Libanese Samir Mustaf ist ein früherer MIT-Professor, dessen Tochter Mona von einer israelischen Splitterbombe getötet wurde. Er hat den komplexesten Computervirus – Mona genannt – entwickelt, den die Welt je gesehen hat. Mit ihm soll ein Cyberangriff auf Israels Finanzsystem unternommen und das Land destabilisiert werden. Eric ist, auch wenn alle ihn für verrückt erklären, davon überzeugt, dass seine Frau, die für eine israelische Bank in Schweden arbeitet, von dem Computervirus infiziert wurde. 


Ganz zufällig bin ich über "Heilige Mörderin" von Keigo Higashino aus dem Klett Cotta Verlag gestoßen. Der Krimi verspricht Spannung trotz ruhiger Atmosphäre, eine mitreißende Story ohne große Gewalt. Solche stillen und doch spannenden Bücher sind für mich genau das richtige, wenn man langsam anfängt sich auf den stillen Winter vorzubereiten, wenn die Natur zur Ruhe kommt.

Zum Inhalt:
Auf den ersten Blick ist ein perfekter Mord geschehen: Der erfolgreiche Unternehmer Mashiba liegt tot in seinem Wohnzimmer. Kurz zuvor hatte er von seiner Frau die Scheidung verlangt. Erneut liefert Physik-Professor Yukawa mit Inspektor Kusanagi ein Kabinettstück an Kombination, um die Schuldige zu überführen.

Japanische Autoren interessieren mich übrigens generell. Nicht nur Haruki Murakami konnte mich schon überzeugen, auch Yoko Ogawa hat mich schon begeistert. Die ruhige und detaillierte Sprache dieser Autoren fasziniert mich ungemein.


Die angesprochene Ladung Gefühl und Tragik verspricht "Das Haus am Himmelsrand" von Bettina Storks aus dem Berlin Verlag. Ich habe in das Buch schon reingelesen und der angenehme Schreibstil verspricht entspannende Lesestunden.

Zum Inhalt:
Eigentlich ist Elisabeth „Lizzy“ Tanner eine glückliche Frau: Ihre reizende Tochter Thea macht ihr viel Freude, ihr Partner Tom ist zuverlässig und liebevoll, Geldsorgen kennt sie nicht – und wenn es mal knapp wird, springt Lizzys Großvater ein, der Patriarch einer Freiburger Uhrendynastie. Doch die Sorglosigkeit zerbröckelt, als der Großvater stirbt. Nicht nur, dass er den »Rosshimmel«, das Anwesen der Familie in den Vogesen, zwei gänzlich Fremden vermacht, zudem hat er noch einen schwerwiegenden letzten Wunsch an Lizzy: Finde die Wahrheit heraus! Sorge für Gerechtigkeit! 


So ein ganz normaler, ganz einfach packender Thriller muss zwischen aller Spannung und allem Gefühl eigentlich auch wieder sein. Hier bin ich etwas ratlos. Vermutlich ist das Angebot schon wieder zu groß, um einen echten Favoriten zu finden.

Habt ihr vielleicht noch Tipps für tolle Thriller in diesem Herbst?

Samstag, 13. September 2014

Rezension: Hannahs Traum von Diane Hammond

Ich bin auf einem anderen Buchblog auf „Hannahs Traum“ gestoßen, irgendwann im Rahmen der Montagsfrage. Leider habe ich mir nicht gemerkt wo genau das war, das Buch aber ist sofort auf meiner Wunschliste gewandert und mir einfach nicht aus dem Kopf gegangen.

„Hannahs Traum“ von Diane Hammond
352 Seiten
19,90 € (Hardcover)
Die Hardcover Variante gibt es mittlerweile auch schon wirklich günstig gebraucht.







Samson Brown ist Tierpfleger im kalifornischen Biedelman-Zoo. Seit vierzig Jahren kümmert er sich dort um die Elefantenkuh Hannah. Sam liebt seine Elefantendame innig, weiß jedoch, dass er körperlich nicht mehr lang in der Lage sein wird, sich um sein „Mädchen“ zu kümmern. Er möchte dafür sorgen, dass die Elefantendame einen schönen Lebensabend verbringen kann. Ganz einfach ist das allerdings nicht. Als eine neue, junge Tierpflegerin angestellt wird bringt diese nicht nur frischen Wind in Sams Alltag, sondern auch einige Ideen, wie Hannahs Leben verbessert werden kann.

„Hannahs Traum“ ist ein absolutes Wohlfühl-Buch. Zwar ist die Handlung an einigen Stellen wirklich traurig, aber Sams Liebe zu Hannah (und natürlich seiner Frau) sowie die unglaublich starke Freundschaft der Protagonisten untereinander versprühen so viel gute Laune, dass es richtig gut tut. Einfach wunderschön. Damit aber nicht alles zu „glatt“ läuft gibt es natürlich auch einen bösen und skrupellosen Kontrahenten, der Hannah und ihren Unterstützern das Leben schwer machen möchte. In diesem Fall ist das die Zoodirektorin, die in Hannah eine reine Attraktion sieht und sich selbst als „Mrs. Biedelmann“ vor den Zoobesuchern mit ihren Geschichten von wilden Elefanten wichtig machen möchte. Doch so unsympathisch dieser Charakter handelt, die Autorin stellt auch dabei die menschlichen Beweggründe dar und macht auch diesen Protagonisten auf seine Art liebenswert.
Vielleicht ist das Buch ein bisschen zu viel heile Welt, alles ist fast zu glücklich und selbst Probleme werden so wunderschön gelöst, dass es nicht real wirkt. Aber ehrlich? An manchen Tagen ist die Realität wohl aufwühlend und anstrengend genug, Pause vom Alltag kann man dann am besten in so einer Geschichte machen.
Dazu kommt für mich, dass ich Elefanten einfach faszinierend finde. Diese großen aber irgendwie sanft wirkenden Wesen, mit einem tollen Zusammenhalt und einem wohl unschlagbaren Gedächtnis haben es mir einfach angetan. Vielleicht ist das eine verklärte, durch liebevolle Tierdokumentationen gestärkte Sicht, aber dieser elefantentypische Zusammenhalt einer „Herde“ (auch wenn es hier ganz menschliche Protagonisten sind) wirkt in diesem Buch authentisch umgesetzt und hat mich völlig erweicht.

4 von 5 Leseratten für ein sehr schönes Buch, das vielleicht nicht ewig wegen der ausgefeilten Story im Gedächtnis bleibt, aber das eine Stimmung versprüht, die man noch sehr lange fühlen kann.


Das Buch in einem Tweet: "Hannahs Traum" ist perfekte Wohlfühl-Lektüre für (kommende) Herbstabende, am Besten genossen mit Kakao und Keksen (Serviervorschlag).

Donnerstag, 28. August 2014

Angelesen: Das Haus am Himmelsrand von Bettina Storks

Wenn ich mich genau analysiere, dann fällt mir auf, dass sich meine Lust auf Leseproben umgekehrt proportional zur verfügbaren Lesezeit entwickelt. Das hat den kniffeligen Nebeneffekt, dass ich tolle Bücher entdecke (und horte) die ich dann gar nicht schnell genug Lesen kann.

Nun gut. Wem erzähle ich das? Dieser Blog hier ist ja so was wie eine endlose Therapiesitzung in meiner Büchersucht. Also fröhlich weiter mit der neuesten Entdeckung von vorablesen! Diesmal mach ich's kurz, es ist mehr so ne Bauchentscheidung diesmal.

"Das Haus am Himmelsrand" von Bettina Storks
464 Seiten
19,99 € (Hardcover)
Erscheint am 15.09.2014
(Zur Leseprobe von Vorablesen kommt ihr hier)

Der letzte Wille von Elisabeth Tanners Großvater verwirrt die ganze Familie: das Familienanwesen Rosshimmel soll an einen völlig Fremden verschenkt werden. Neben dem eigentlichen Testament hat aber Elisabeths Großvater auch noch ein ganz eigenes Vermächtnis an sie übergeben "Sorge für Gerechtigkeit". Elisabeth soll nach Rosshimmel reisen und dort den alten Familiengeheimnissen auf den Grund gehen.

Ja, da hätten wir es wieder, mein magisches Wort "Geheimnis" ist gefallen und ich bin neugierig. Ich weiß ja, dass ich da sehr einfach gestrickt bin, aber wenn ein Buch verspricht lange gehütete Geheimnisse und Verwicklungen zu bieten bin ich einfach magisch angezogen. Familiengeschichten sind da natürlich besonders geeignet für düstere Abgründe und Verwicklungen. Für mich hat das so einen Wohlfühl-Kuschel-Faktor, den ich beim Lesen sehr genieße. Und genau in diese Richtung geht "Das Haus am Himmelsrand" nun hoffentlich auch. Schon Titel und Cover versprechen so eine warme, ruhige Atmosphäre, wie sie auch in der kurzen Leseprobe schon rüberkommt. Der Erzählstil ist flüssig und modern, leichte aber nicht unbedingt seichte Kost. Das könnte ein echtes Wohlfühlbuch werden.

Ohne eine echte Ahnung zu haben, wie sich die Geschichte entwickeln wird und mit dem Risiko bei einem Pferde- oder Kriegsbuch zu landen bewerbe ich mich um "Das Haus am Himmelsrand" und hoffe auf einen blinden Glückstreffer.

Sonntag, 10. August 2014

Rezension: Die stille Frau von A.S.A. Harrison

Auf der Verlagsseite wird „Die stille Frau“ mit „Gone Girl“ von Gillian Flynn verglichen. „Gone Girl“ war in meinen Augen nicht perfekt, hat mir aber viel Spaß gemacht und ich habe seitdem auf ein ähnliches Buch gewartet. Die Beschreibungen von „Die stille Frau“ haben die hohe Erwartung geschürt, dass dieses Buch eher noch besser, psychologisch raffinierter, sein würde.

„Die stille Frau“ von A.S.A. Harrison
384 Seiten
14,99 € (Klappbroschur)









Jodi und Todd leben die äußerlich perfekte Beziehung. Sie ist für ihn da, bekocht und bemuttert ihn. Er versorgt sie, bringt kleine Aufmerksamkeiten für sie mit nach Hause und hört ihr zu. Hinter der wirklich netten Fassade ist aber längst nicht mehr alles so perfekt, wie vor Jahren noch. Todd betrügt Jodi und aus seiner neuesten Affäre entwickeln sich unheilvolle Geschehnisse.

Die Geschichte wird in wechselnden Kapiteln „ER“ oder „SIE“ aus Jodis oder Todds Perspektive erzählt. Beide Sichten sind jeweils recht reduziert beschrieben und wirken eher still. Dadurch aber, dass man immer das Gefühl hat, einem inneren Monolog zu lauschen, ist man auch sehr nah bei den Protagonisten. Dieser Aufbau hat mir sehr gut gefallen.
Eigentlich ideale Voraussetzungen um Sympathie und Nähe zu entwickeln. So richtig ist mir das aber während des gesamten Buches nicht gelungen. Beide wirkten etwas farblos und austauschbar. Dazu kommt, dass Jodi extrem schweigsam, ausgeglichen und ruhig (still eben) beschrieben wird. Ihre durchgehende Passivität aber nicht zu den anderen Facetten ihres Charakters passt, der starke Wunsch nach Kontrolle und Ordnung müsste sich doch während der Handlung irgendwie Bahn brechen. Darauf habe ich vergeblich gewartet.
Selten ist mir ein Buch begegnet, das über einen so langen Zeitraum eine so starke, unterschwellige Spannung aufbauen konnte. Wirklich tragisch war für mich dann aber, dass diese angestaute Spannung und alle drohenden Konflikte im letzten Drittel des Buches einfach irgendwie verpuffen. Das ist, als würde Norman Bates in „Psycho“ mit dem Messer hinter dem Vorhang warten, die Musik kreischt drohend und… er legt das Messer beiseite und geht dann doch lieber schlafen. Zwar unerwartet und irgendwie überraschend, aber leider keine positive Überraschung wie ich sie mir gewünscht hatte.
Der Schreibstil des Buches hat mir wirklich wunderbar gefallen und hätte bei einer etwas ausgefeilteren Handlung toll zur Geltung kommen können. Charakteristisch war die ruhige und recht sachliche Erzählweise, bei der aber schon einzelne Adjektive eine ganz eigene Aussage über die Charaktere treffen, statt nur die Situation zu beschreiben. Wenn beschrieben wird, wie Jodi beim Kochen das Gemüse in „exakte geometrische“ Formen zerteilt, sagt das für mich unterschwellig viel über ihren Charakter aus. Daraus hätte man viel machen können. So blieb die Protagonistin trotz allem (wie gesagt) eher farblos und der Eindruck den sie hinterlässt ist fast schon traurig: auf den eigenen Komfort bedacht und unfähig mit Veränderungen umzugehen bewegt sie sich durch die Handlung.

Insgesamt hat mir das Buch nur mittelmäßig gefallen. Gute Ansätze waren da, Spannung und ein toller Stil haben mich an das Buch gefesselt, aber die Qualitäten wurden zum großen Teil nicht genutzt. Die Auflösung der Handlung ist bei so einer Art von Roman einfach entscheidend und ist hier in meinen Augen nicht gut gelungen, undramatisch aufgelöst und „kurz und schmerzlos“ abgehandelt steht das Ende etwas schwach gegen den langen und starken Aufbau des Buches. Insgesamt vergebe ich 3 von 5 Leseratten.


Das Buch in einem Tweet: "Die stille Frau" ist die Stelle im Horrorfilm, bei der nach der tollen drohenden, zirpenden Spannungsmusik einfach... nichts passiert.

Sonntag, 6. Juli 2014

Rezension: Mutters letzte Worte von Esther Gerritsen

Es gibt Themen, mit denen möchte man sich nicht beschäftigen. Dazu gehört auch der Tod der eigenen Eltern. Funktioniert dann aber ein Buch, das sich genau darum dreht? Es funktioniert, kleine Schwachstellen gibt es trotzdem.

„Mutters letzte Worte“ von Esther Gerritsen
208 Seiten
18,99 € (Hardcover) oder 14,99 € (Kindle Edition)









Elisabeth und ihre Tochter Coco haben nicht im klassischen Sinne ein schlechtes, aber auch kein enges Verhältnis. Die Treffen sind sporadisch und geplant, viel „unnötigen“ Kontakt haben die beiden sonst nicht. Sie treffen sich zufällig in der Stadt, als Elisabeth ihrer Tochter offenbart, dass sie krank ist. Totkrank. Plötzlich ist sie mit diesem Wissen nicht mehr allein, erhält ungewohntes Mitgefühl von der eigenen Tochter, muss sich aber auch mit ihren eigenen Gefühlen neu auseinandersetzen.

Ich habe dieses Buch entdeckt, als ich eigentlich auf der Suche nach spannenden Titeln in der Herbstvorschau war. Ein kurzer Blick in die Leseprobe hat gereicht um mich zu fesseln. Die Situation beginnt unvermittelt und ist so packend beschrieben, dass man genauso daran festhängen bleibt, wie Mutter und Tochter auf der Straße aneinander hängenbleiben.
Trotz des schweren Themas ist auch von Anfang an ein gewisser Humor zu spüren, das Buch lädt ein statt abzuweisen und macht es dem Leser leicht, sich auch auf so ein Terrain zu wagen, das man sonst eher meiden würde. Für mich eine besondere Qualität des Buches und der Schlüssel dazu, diese Geschichte frei entdecken zu wollen.
Die Geschichte ist nicht im eigentlichen Sinne spannend, aber psychologisch interessant. Besonders der Kontrast in Elisabeths Verhalten, die mit ihrem Friseur ganz frei sprechen kann und im Umgang mit ihrer Tochter so gehemmt wirkt, war für mich interessant. Die einfache Gleichung „nicht mehr allein = glücklich“ geht für die kranke Frau nicht auf, bloße Anwesenheit zaubert eben keine Nähe. So erlebt man mit Mutter und Tochter den schweren Weg, die letzte Zeit gemeinsam zu verbringen und sich dabei noch ein kleines Stück näher zu kommen.
Störend und unnötig habe ich die Nebenhandlung um Coco empfunden. Natürlich muss auch die Tochter einen Weg finden, mit dem Sterben der Mutter umzugehen. Aber die Verhaltensweisen Cocos waren im Buch schwer nachvollziehbar beschrieben, wirkten übersprunghaft und passten nicht zu ihrem sonstigen Charakter. Vor allem die Eskapaden in den Kneipen wirkten etwas eingeschoben in die eigentliche Handlung, zusammenhanglos zum Rest.

Obwohl die Handlung für mich einige störende Punkte aufweist, hebt der wunderschöne Schreibstil diesen Eindruck doch nochmal an, so komme ich auf 4 von 5 recht zufriedenen Leseratten.


Das Buch in einem Tweet: Eine Geschichte um das Sterben der eigenen Eltern, trotzdem nicht überdramatisch sondern sympathisch. Ein schweres Thema leicht behandelt.

Montag, 30. Juni 2014

Rezension: Binewskis - Verfall einer radioaktiven Familie von Katherine Dunn

Ich habe mich ja regelrecht gewehrt „Binewskis: Verfall einer radioaktiven Familie“ zu lesen. Also klar, der Titel hat mich von Anfang an angezogen, ein erster kurzer Blick in die Leseprobe wirkte mir aber zu wirr… „Geek“, „Traumkindchen“ … huch, was ist das denn? Dann hat aber der Berlin Verlag auf Twitter derart viel über den Roman erzählt und mir so den Mund wässrig gemacht, dass ich nicht anders konnte, als es doch zu lesen. Ein Glück!

„Binewskis: Verfall einer radioaktiven Familie“ von Katherine Dunn
Berlin Verlag
512 Seiten
22,99 € (Hardcover)









Der Wanderzirkus Binewski läuft nicht mehr so gut, als Vater Binewski auf die Idee kommt, sich eine eigene Freakshow zu züchten. Gesagt getan: er und seine Frau Lil beeinflussen ihre Schwangerschaften mit radioaktiven Substanzen, Pestiziden und Drogen. Immer in der Hoffnung echte Freaks zu bekommen. Die Ergebnisse sind nicht zu verachten. Da haben wir Arturo („Arty“), den sogenannten „Aqua Boy“, der ohne Arme und Beine dafür mit vier kräftigen Flossen zur Welt kam. Die siamesischen Zwillinge Electra („Elly“) und Iphigenia („Iphy“), der telekinetisch begabte Fortunato („Chick“) und die Erzählerin der Geschichte: Olympia („Oly“), eine bucklige Kleinwüchsige mit Albinomutation. Olympia ist es schließlich auch, die die Geschichte vom Auf- und Untergang des Wanderzirkus Binewski erzählt, von den großen Erfolgen zu den menschlichen Dramen.
„Binewskis“ ist kein Roman in den man mal so einfach nebenbei starten kann, dafür ist er am Anfang doch ein wenig störrisch. Aber keine Angst: mehr als 20 - 30 Seiten braucht es nicht, bis man endgültig in der Geschichte steckt. Sobald ich mit den Charakteren und der Erzählsituation einigermaßen vertraut war, lief die Geschichte wie ein Film vor mir ab.
Olympia erzählt die Geschichte ihrer Familie im Nachhinein, verwebt dabei geschickt ihr gegenwärtiges Leben mit den Erinnerungen an die glorreiche Zeit der Familie. Toll ist, dass beide Zeitebenen sich parallel spannend entwickeln und nicht wie in anderen Büchern ein Handlungsstrang störend oder uninteressant wirkt. Die Themen „Normalität“ und „Schönheit“ (bzw. Schönheitswahn) verbinden beide Erzählebenen und treten offen oder zum Teil versteckt immer wieder im Roman auf. Ich habe mich häufig in der witzigen, absurden Handlung verloren, ohne viel zu hinterfragen, was dahinter steckt. Meist kommt dann unvermittelt doch wieder ein Moment, der einem die Wahrheit hinter dem Spaß vor Augen führt. Manchmal schleichen sich kleine Erkenntnisse mitten ins Herz, manchmal springt einen die große Botschaft geradezu an. Wirklich beeindruckend. Die Momente in denen ich „Ja, genau so ist das.“ gedacht habe, konnte ich nicht wirklich zählen.


Neben all dem Spaß und Witz sind es dabei einfach immer wieder die traurigen und dramatischen Szenen gewesen, die mich die Protagonisten (allen voran die Erzählerin Oly) sehr ins Herz haben schließen lassen. Wie die Umwelt z.T. auf die Binewskis reagiert, hat mich unfassbar traurig gemacht, die Liebe die aber innerhalb der Familie immer wieder durchscheint war einfach anrührend.
Neben all der erzählerischen Qualität: Erzählweise, Charaktere, Spannung, Herz, Witz(!) hat mich auch die sprachliche Qualität des Buches schwer beeindruckt. Die Sätze wirken manchmal verwinkelt, manchmal kurz und drängend, immer passend zum Handlungsverlauf. Und schon durch die gewählte Sprache wirkt das Buch einfach wertvoll und macht keine billige Freakshow aus der Handlung.


Ich finde es unfassbar schwierig (und sitze jetzt seit ungefähr 3 Stunden an dieser kleinen Rezension) alle Facetten des Buches irgendwie in einem Text zu erfassen. Deswegen schreibe ich heute auch etwas freier von der Leber weg, kann weniger „analysieren“ oder erklären, als ich das sonst versuche.
„Binewskis“ ist für mich ein Buch, das man gelesen haben muss, um diese Faszination zu verstehen. Vorher klang es für mich einfach nach einer schrägen Geschichte, vielleicht sogar etwas zu hochtrabend geschrieben. Ich habe mich geirrt. Und jetzt, nach der Lektüre, ist es mir auch kein so großes Rätsel mehr, warum das Buch in Amerika, zum ursprünglichen Erscheinen, so einen Hype auslöste. 1989 erschienen, hat das Thema auch heute nichts von seiner Aktualität verloren, im Gegenteil: Schönheitswahn und der Kampf der „Unnormalen“ in einer auf Äußerlichkeiten ausgerichteten Gesellschaft sind heute so allgegenwärtig wie nie zuvor.

Dieses Buch zu bewerten ist (für mich) nahezu unmöglich. Rein objektiv müsste ich vielleicht für den schweren Start und den etwas hölzernen ersten Eindruck einen „Punkt“ abziehen. Allein, das kann ich nicht. „Binewskis“ hat mich überzeugt und bewegt, zum Grübeln gebracht und mir nebenbei noch Spaß gemacht. 5 von 5 Leseratten 


Das Buch in einem Tweet: Die "Binewskis" passen nicht in einen Tweet! Einfach völlig unmöglich. Zu viel wichtige Botschaft, Herz, Witz und Spannung für 140 Zeichen.


Eine schöne Rezension zum Buch, die noch dazu mit tollen Zitaten aufwartet, hat auch Buzzaldrin verfasst. Hier entlang.

Sonntag, 8. Juni 2014

Rezension: Die Geschichte von Zeb von Margaret Atwood

Es ist hoffentlich angemessen klar geworden, dass ich mich „Oryx und Crake“ und „Das Jahr der Flut“ extrem begeistert haben. Meine Wartezeit zwischen dem Ende von „Das Jahr der Flut“ und meinem Start mit „Die Geschichte von Zeb“ betrug daher genau so lange, wie es dauerte die Schutzfolie abzufummeln und das Buch aufzuschlagen.

„Die Geschichte von Zeb“ von Margaret Atwood
Teil 3 der MaddAddam Trilogie
480 Seiten
22,99 € (Hardcover)







„Die Geschichte von Zeb“ führt die Handlung der beiden Vorgänger vereint fort und beginnt genau dort, wo „Oryx und Crake“ und „Das Jahr der Flut“ endeten. Dieses Buch lässt uns nun also den Überlebenskampf in der zerstörten Welt erleben. Wir treffen Schneemensch und Toby wieder, lernen die Craker und MaddAddamiten besser kennen und hören „Die Geschichte von Zeb“. Im Verlaufe des Buches bekommen die Craker eine immer komplexer ausgearbeitete Schöpfungsgeschichte erzählt und es zeigen sich erste Entwicklungen in ihrem Verhalten.

Die „Craker“, die von Crake geschaffene, völlig friedliche und optimierte Menschenrasse, bilden in diesem Band einen zentralen Aspekt der Geschichte. Sie treffen erstmals auf eine größere Gruppe normaler Menschen und die Konflikte der beiden „Spezies“ treten umso deutlicher hervor. Faszinierend ist die Darstellung der Entwicklung dieser „idealisierten“ Menschen, welche durch den Kontakt mit uns fehlerbehafteten und vergleichsweise schwachen Kreaturen ausgelöst wird. Die Craker wurden ursprünglich als möglichst perfekter Ersatz für „uns“ geschaffen: Gewalt und Kunst sollten ihnen fremd sein, Liebe sollten sie nicht kennen. Alles was möglicherweise Konflikte hervorruft, sollte den Crakern unbekannt bleiben. Von diesem „Ideal“ beginnen die Craker im Laufe der Geschichte ganz leicht abzuweichen, sie wirken zum Teil fast „menschlich“.
Nachdem die beiden Vorgänger eher von der Verzweiflung und dem Untergang der Gesellschaft dominiert wurden, zeigt „Die Geschichte von Zeb“ erste Hoffnung. Wie eine Pflanze, die nach langer Dürre erste kleine grüne Triebe zeigt, wird auch in dieser Geschichte erstmals Aufbau und Regeneration gezeigt. Natürlich ist das Leben nicht plötzlich leicht, auch in dieser Geschichte ist der Überlebenskampf von Mangel und Gewalt gezeichnet, aber man beginnt einen Blick auf „später“ zu werfen. Das es überhaupt ein „später“ geben könnte, ist dabei schon der gravierendste Unterschied zu den Vorgängern. Wo vorher nur das „jetzt“ war, ist nun auch Platz für Planung und Zukunft. Eine Zukunft, die so lang auf der Kippe stand.
Auch diesmal bietet der Aufbau der Geschichte wieder seine Besonderheiten. Was im ersten Band die Rückblenden in die Vergangenheit und im zweiten Band die Predigten von „Adam Eins“ waren, ist in „Die Geschichte von Zeb“ die Schöpfungsgeschichte für die Craker. Jeden Abend bekommen sie von Toby einen Teil der Geschichte von Zeb erzählt, so sollen ihnen Stück für Stück menschliche Phänomene wie Wut oder Liebe erklärt werden. Diese Einschübe wirken manchmal ein bisschen zusammenhangslos und naiv, bilden für die verängstigten Craker aber einen Anker und Trost. Sie zu lesen macht einfach Spaß.

Ich möchte es diesmal kurz machen: „Die Geschichte von Zeb“ bildet einen gelungenen Abschluss der Trilogie und hat mich völlig zufrieden zurück gelassen. Die Handlung ist geschlossen genug, um nicht verloren zu wirken und offen genug, um selbst „weiterdenken“ zu dürfen.
Diese Trilogie war ein echtes Highlight in meinem Lesejahr. Selten habe ich drei so gleich starke, konstant spannende und perfekt verwobene Bücher gelesen: 5 von 5 Leseratten auch hier.


Das Buch in einem Tweet: "Die Geschichte von Zeb" ist der gelungene Abschluss einer grandiosen Trilogie. Erstmals Hoffnung und Zuversicht für eine kaputte Welt.

Samstag, 7. Juni 2014

Rezension: Das Jahr der Flut von Margaret Atwood

Eigentlich mag ich Buch-Reihen nicht so gern. Nur einige Wenige habe ich wirklich komplett gelesen. Meist geht mir (oder dem Autor) ja doch vorher irgendwie die Luft aus. Bei der MaddAddam-Trilogie dagegen habe ich eine Sucht entwickelt, die seines Gleichen sucht. Nachdem ich „Oryx und Crake“ beendet hatte, war ich richtiggehend deprimiert. Häufig wollte ich nochmal schnell nachlesen was denn nun mit Schneemensch weiter passiert. Bis mir jedesmal wieder einfiel: „Ach, stimmt. Das Buch ist ja doch zuende!“. Nachdem mir klar wurde, dass diese akute Sucht nur durch mehr von MaddAddam gelindert würde, habe ich schnell weitergemacht mit „Das Jahr der Flut“.

„Das Jahr der Flut“ von Margaret Atwood
Teil 2 der MaddAddam Trilogie
Berlin Verlag
480 Seiten
10,95 € (Taschenbuch) oder 8,49 € (Kindle Edition)







 „Das Jahr der Flut“ spielt in derselben Zeitebene wie zuvor „Oryx und Crake“. Das heißt wir beginnen in einer zwar angeschlagenen, aber noch intakten Welt und erleben den Untergang der Gesellschaft noch einmal mit. Diesmal wird die Geschichte aus der Perspektive einzelner Mitglieder der „Gottesgärtner“ berichtet, einer religiösen Gruppe, die sich auf die wasserlose Flut vorbereitet und nach einer eventuellen Katastrophe die Erde befreien möchte.

Das Konzept, in zwei Büchern dieselbe Zeitschiene aus verschiedenen Winkeln zu betrachten ist mir bisher noch nicht begegnet und macht für mich den besonderen Reiz dieses Buches aus. Während in „Oryx und Crake“ quasi hinter den Kulissen berichtet wird, wie es zur Katastrophe kam, wird in „Das Jahr der Flut“ eine ganz andere Seite des Geschehens dargestellt. Die Auswirkungen auf die Gesellschaft kommen in den Schilderungen der Gottesgärtner noch viel direkter herüber. Anfangs mag man die Gärtner noch belächeln, wie sie auf Hausdächern Kartoffeln anbauen und Notfall-Lager anlegen, später werden ihre Prophezeiungen traurig war. Und alles kommt dabei noch schlimmer, als es selbst die Gärtner erwartet hätten.
Die Gottesgärtner wirken wie ein Haufen gutmütiger und manchmal realitätsferner Hippies. Ihre Glaubensmaximen lehren Friedlichkeit und Zusammenhalt, es wird gemeinsam gearbeitet und möglichst energisch demonstriert. Jedes Kapitel wird durch eine Predigt von „Adam Eins“, dem Glaubensführer der Gruppe, und einem Lied des Blumenblütenchors eingeleitet. Das ist umso spannender, weil man merkt, wie sich auch die Gottesgärtner den wandelnden Bedingungen stellen müssen. Das die Ansprachen von Adam Eins zum Teil sehr skurril wirken und die Glaubenssätze auf Biegen und Brechen den aktuellen Umständen angepasst werden, hat mich besonders unterhalten. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sich hier eine Metapher auf die skurrile Wirkung, die wohl jede Religion auf Außenstehende hat, findet. Das hat mich neben vielen herzhaften Lachern auch immer wieder zum Grübeln gebracht. Ich hoffe ich interpretiere nicht einfach zu viel in diese Passagen hinein.
Da die Geschichte völlig neue Charaktere begleitet und auch deren Lebensgeschichten wieder wunderbar mit der Gesamtgeschichte verwoben werden, hatte ich nicht erwartet bekannte Gesichter aus „Oryx und Crake“ wieder zu treffen. Umso begeisterter war ich, als sich viele lange vorbereitete Handlungsfäden beider Bücher verbanden und ich immer mehr Beziehungen zwischen Menschen und Handlungssträngen aus beiden Büchern entdeckte. Diese Verwebungen werden zum Ende des Buches hin immer stärker und stärker. Bis „Das Jahr der Flut“ schließlich exakt in derselben Szene mündet, in der schon „Oryx und Crake“ endete und mich vor Spannung kaum zu Atem kommen lies. Ich musste also sofort zu „Die Geschichte von Zeb“ greifen um zu erfahren was weiter passiert.
Ohne Abstriche kann ich sagen, dass „Das Jahr der Flut“ genauso stark wie „Oryx und Crake“ ist, mich von der ersten Seite gefesselt und unterhalten hat und mich dabei ganz nebenbei immer wieder zum nachdenken bringt. 5 von 5 jubelnden, begeisternden Leseratten auch für „Das Jahr der Flut“.


Das Buch in einem Tweet: Zurück auf Anfang in "Das Jahr der Flut". Mit den Gottesgärtnern erleben wir die Katastrophe erneut. Wieder Spannung & großartige Atmosphäre.

Freitag, 6. Juni 2014

Rezension: Oryx und Crake von Margaret Atwood

Im Bücher-Magazin habe ich vor einer Weile von der MaddAddam-Trilogie von Margaret Atwood gelesen und war sofort fasziniert. Aus Angst enttäuscht zu werden, habe ich mit dem Lesen noch eine Weile gewartet. Kurz: ich hätte sofort loslegen sollen!

„Oryx und Crake“ von Margaret Atwood
Teil 1 der MaddAddam Trilogie
384 Seiten
10,99 € (Taschenbuch)








Die Welt, in der Jimmy und Crake aufgewachsen sind, ist schon sehr befremdlich. Die Eliten leben in abgeschirmten Bereichen und werden von dem „einfachen Volk“ strickt getrennt, sie genießen höhere Bildung und gesonderte Privilegien. Doch die Welt, in der Jimmy jetzt lebt, ist noch um einiges härter. Aus den anfangs zukunftsträchtigen Forschungen einiger Wissenschaftler entwickelt sich Stück für Stück eine apokalyptische Vision.
Die Geschichte die Jimmy (alias Schneemensch) erzählt, ist die einer globalen Katastrophe und einer ganz persönlichen Liebesbeziehung. Ich fand diese Verbindung von Anfang an sowohl ungewöhnlich, als auch äußert gelungen. Da ist einmal der dystopische Teil des Buches. Ich habe bisher kaum eine so kluge, realistische und darum so beängstigende Dystopie gelesen wie „Oryx und Crake“. Alle Entwicklungen scheinen so nah im Bereich des Möglichen und spiegeln tatsächliche Entwicklungen unserer Welt, dass ich diesen Schilderungen fassungslos folgen musste. Besonders überzeugt hat mich, dass alle Entwicklungen, vom Organschwein über die politischen Konflikte wegen einer nur auf Gewinn ausgerichteten Argrarkultur, so ehrlich beschrieben schienen. Nichts ist einfach nur schlecht, weil es neu ist. Aber es passiert, dass auch kleine Eingriffe in die Natur oder gut gemeinte Forschungen in schlimme Folgen münden.
Der Teil über die Beziehungen von Oryx, Crake und Schneemensch ist dagegen deutlich leiser und privater. Crake und Schneemensch sind beide in die schöne aber geheimnisvolle Oryx verliebt, wirklich haben kann sie keiner. Und auch die Lebensgeschichten der drei Protagonisten sind schon, jede für sich, besonders erzählenswert. Alles verwebt sich in diesem Buch zu so einer dichten Handlung, dass ich völlig von der Geschichte gefangen war.
Wen „Oryx und Crake“  jetzt nicht schon allein wegen der Thematik und der grandiosen Szenerie in seinen Bann zieht, der sollte spätestens von der tollen Atmosphäre und dem grandiosen Schreibstil gefangen werden. Die Stimmung hat von der ersten Seite gestimmt und die Erzählweise aus Jimmys Sicht ist perfekt gewählt. Alle Beschreibungen sind so stimmungsvoll und detailliert, dass sich ein genaues Bild dieser Welt entwickelt. Dabei wird man nicht mit einer langen Vorgeschichte in die Szenerie eingeführt, sondern erfährt nur Stück für Stück, was dazu führte, dass sich Schneemensch nun ganz allein durchschlagen muss. Dieser Aufbau der Geschichte war für mich deutlich spannender als lange, konstruierte und im schlimmsten Fall unglaubwürdig beschriebene Vorgeschichten, die in anderen Dystopien auf Krampf für Stimmung sorgen sollen.
„Oryx und Crake“ ist mein zweites absolutes Highlight in diesem Jahr und hat mich restlos begeistert. Ich konnte das Buch in keiner freien Minute zur Seite legen, bis ich es ausgelesen hatte. Und auch die Tage danach hing ich noch völlig in der Welt von Oryx und Crake fest. Das Buch bietet so viel Unterhaltung, aber auch so viele ernste Themen, denen man sich selbst stellen muss, dass ich es nur unbedingt jedem empfehlen kann.
Ganz eindeutige 5 von 5 Leseratten und ein Platz auf meiner Top-20-Liste.


Das Buch in einem Tweet: "Oryx und Crake" ist eine realitätsnahe, kluge Dystopie und darum umso beängstigender! Spannend geschrieben und toll konstruiert. Lesen!

Mittwoch, 21. Mai 2014

Ein Blick in die Verlagsvorschau von... Berlin Verlag

Verlagsvorschauen sind wieder so eine Sache, mit der wir uns vor dem Bloggen nicht beschäftigt haben. Es reichen ja wohl die vielfältigen Verlockungen in Buchläden, in Buch-Communities, auf Amazon oder der Spiegel-Bestsellerliste... Mittlerweile schauen wir uns die Vorschauen unserer Lieblingsverlage aber sehr gern an und nutzen sie auch, um uns spannende Bücher für die nächsten Wochen oder sogar Monate herauszusuchen oder Beiträge für den Blog zu planen.

Heute stelle ich euch meine drei absoluten Favoriten aus dem Sommerprogramm des Berlin Verlags vor. Das ist bei diesem Verlag besonders schwer, da ich eigentlich die kompletten Neuerscheinungen so unglaublich spannend und abwechslungsreich finde, dass ich mich kaum entscheiden konnte. [Anm: ungelogen, die Auswahl dieses Beitrags habe ich 4 mal hin und her getauscht]

Diese drei Vertreter zeigen gut die Vielfalt des Verlags und machen Lust auf mehr.


"Die Stille Frau" von A.S.A. Harrison
Erschienen am 12.05.2014

In Jodis und Todds Ehe kriselt es. Viel steht auf dem Spiel, auch das angenehme Leben, das sich die beiden aufgebaut haben in ihrem luxuriösen Apartment mit Seeblick in Chicago. Doch ihre Beziehung rast geradewegs auf einen mörderischen Abgrund zu: Er, der systematische Betrüger und sie, die stillschweigende Verletzte. Die schwindelerregend fesselnde Geschichte einer verhängnisvollen Partnerschaft, die in den USA zu einem großen Überraschungserfolg wurde.

Ich bin ein bisschen spät dran, denn eine richtige "Vorschau" ist dieses Buch nicht mehr. Aber ich wollte es unbedint vorstellen, denn es klingt unheimlich spannend und intelligent. Gerade der Vergleich zu "Gone Girl" macht mich neugierig. Die Struktur der Geschichte gefiel mir gut, die Ausführung hatte aber noch einige Schwächen. Die Beschreibung zu "Die Stille Frau" klingt, als könnte diese Geschichte ganz anders ansetzen. Das verspricht Spannung.


"Sommer in Maine" von J. Courtney Sullivan
Erscheint am 28.07.2014

Ein romantisches Ferienhäuschen an der Küste Neuenglands, vier Frauen, die zusammen den Sommer verbringen: eigentlich paradiesisch, aber zwischen Grandma Alice, Tochter Kathleen, Enkelin Maggie und Schwiegertochter Ann Marie knirscht es gewaltig, denn eine jede bringt die Geister ihrer Vergangenheit mit. Während Alice alles dafür geben würde, eine einzige tragische Nacht in ihrem Leben ungeschehen zu machen, haben auch Maggie, Kathleen und die scheinbar so perfekte Ann Marie Angst, dass ihre gut gehüteten Geheimnisse ans Licht kommen könnten. Doch in diesen paar Wochen werden die Karten auf den Tisch gelegt…und es wird ein wunderschöner Sommer.

Susi hat vor Kurzem "Die Verlobungen" von J. Courtney Sullivan vorgestellt und war restlos begeistert. Ich habe dieses Buch aber nicht nur deswegen aus der Vorschau gepickt. Es scheint endlich mal eine Sommerlektüre zu sein, die Flair verbreitet und dabei trotzdem nicht zu seicht ist. Danach habe ich schon länger gesucht.


"Die Ewigen" von Martin Caparrós
Erscheint am 10.06.2014

uan Domingo Remondo, genannt Nito, erblickt genau an jenem Tag das Licht der Welt, an dem sich ganz Argentinien nur für eines interessiert: den Tod seines Namensvetters Juan Domingo Perón. Ein bloßer Zufall? Als Nito herausfindet, dass sein verschwunden geglaubter Vater bei einem Autounfall starb, sinnt er auf Rache. Er schreibt dem verantwortlichen Fahrer einen anonymen Brief – und erläutert ihm darin, wann und auf welche Weise er ums Leben kommen wird. Ein einzigartiges Talent zeigt sich: Nito kann vom Sterben erzählen wie kein Zweiter. Seine Fähigkeit bleibt nicht lange unentdeckt. Ein ehrgeiziger Pastor will sie sich zunutze machen, um abtrünnige Gemeindemitglieder Todesangst und Gottesfurcht zu lehren. Ein alternder Performance-Künstler indes verfolgt ein ganz anderes Ziel: Er möchte die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Lebenden und von der Bildfläche verschwundenen Toten aufheben.

Philosophisch, spannend, unterhaltsam. "Die Ewigen" klingt nach einer ganz besonderen Geschichte und verspricht einiges zu bieten. Vielleicht keine leichte Lektüre, aber ein Buch das mich defnitiv schon vorab beschäftigt und neugierig macht.

Ich schaff' es einfach nicht... Ich wollte mich auf drei Bücher beschränken, muss euch aber noch ein kleines Schmankerl zeigen:


"Mutters letzte Worte" von Esther Gerritsen
Erschienen am 12.05.2014 


Als Elisabeth ihre Tochter auf der Straße trifft, teilt sie es ihr unverblümt mit. Sie stirbt. Nur wenige Wochen, vielleicht Monate wird sie noch zu leben haben. Coco, die ihre Mutter lange nicht gesehen hat, beschließt in einem Reflex, zu ihr zu ziehen und für sie da zu sein. Eine unmögliche Konstellation, die zwei Menschen, die sich fern sind, abrupt zusammenführt und einem fatalen Wechselspiel von Nähe und Zurückweisung aussetzt.
Esther Gerritsen hat einen Mutter-Tochter-Roman geschrieben, der radikal von dem lebensnotwendigen Bedürfnis nach Nähe erzählt, von den extremen Kräften, die eine extreme Situation hervorbringt.
Ich konnte mir nicht viel unter diesem Buch vorstellen und habe den Fehler gemacht in die Leseprobe herein zu schauen. Ein Fehler, seitdem geistert mir diese Geschichte durch den Kopf. Die Situation klingt so hart und gnadenlos, dass ich ein wirklich bedrückendes Buch erwartet hatte. Die Leseprobe lässt aber auch schon einen Hauch Humor und zwei sehr sympathische Charaktere erkennen. Mal etwas ganz anderes.