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Sonntag, 9. Februar 2014

Rezension: Die Listensammlerin von Lena Gorelik

"Die Listensammlerin" von Lena Gorelik habe ich mir in der Bibliothek vorbestellt und jetzt Dank des "Rückgabe-Drucks" und der tollen Geschichte schnell verschlungen.

"Die Listensammlerin" von Lena Gorelik
Rowohlt Berlin Verlag
352 Seiten
19,95 € (Hardcover)










Sofia macht sich schon immer ihre Gedanken zur Welt, zu ihrer Familie und dem Leben... und notiert die Ergebnisse in ihren Listen. Sie führt Listen über Bücher, die noch geschrieben werden müssen, Listen über die Redewendungen ihrer Großmutter oder die filmreifen Szenen in ihrem Leben. Sofia glaubte immer, die Einzige mit dieser Leidenschaft zu sein, bis sie eines Tages unter den Sachen ihrer Großmutter auf die Listen ihres Onkels Grischa stößt und sich diesem unbekannten Verwandten sehr verbunden fühlt.
"Die Listensammlerin" ist ein berührendes Buch. Es werden die Geschichten von Sofia und dem ihr unbekannten Onkel Grischa, in der ehemaligen Sowjetunion, parallel erzählt. Grischa war genau so ein Querkopf wie Sofia und hatte doch mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Ich kann im Nachheinein gar nicht sagen, welcher der beiden Handlungsstränge, Sofias in der Gegenwart oder Grischas mit seinem Kampf im kommunistischen Russland, mich mehr bewegt hat. Vermutlich war die Kombination der beiden ungewöhnlichen Geschichten genau das, was den Reiz des Buches für mich ausgemacht hat.
Die an einigen Stellen eingeschobenen Listen haben gut zur Handlung gepasst und die Eigenarten der Protagonisten toll unterstrichen. Ehrlich gesagt habe ich kaum genug davon bekommen können und hätte gern mehr von diesen wirrren Gedankensammlungen gelesen. Sie wirkten immer authentisch und fast hat man das Gefühl, in den Aufzeichnungen eines Freundes zu blättern. 
Wie Sofia von ihrer Leidenschaft Listen anzulegen und zu pflegen erzählt kann ich mir richtiggehend vorstellen, wie sie mit Notizbuch und Stift wild vor sich hinschreibt. Manchmal habe ich auch angefangen selbst in Listen zu denken...

Gründe, "Die Listensammlerin" zu mögen
  • tolle Charaktere
  • viele, witzige Listen ;-) das lockert die Handlung auf und zeigt die Eigenarten der Protagonisten wirklich toll
  • viel Gefühl (Humor aber auch Tragik haben sich in diesem Buch vereint)
  • ein ungewöhnlicher Erzählstil (Listen, Dialoge, genaue Beschreibungen, Zeitsprünge) ein wilder aber stimmiger Mischmasch
  • ein Buch voller kleiner und großer Weisheiten
  • Liebe und Mut
"Die Listensammlerin" erzählt davon wie anstrengend aber auch schön Familie sein kann und dass man seine Eigenarten als Stärke akzeptieren sollte. Es berichtet von kleinen und großen Schicksalsschlägen und wie wichtig der Mut ist, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Das Buch hat mich sehr bewegt, aber auch eine Menge Gründe zum Lachen geboten und sich einfach "gut" angefühlt. Wie der Apfelkuchen-Duft, den Sofia in der Wohnung ihrer Großmutter riechen konnte, auch wenn diese gar keinen Apfelkuchen gebacken hatte, hat das Buch eine Menge Wärme und Liebe verströmt.

Unterm Strich, schlicht und ergreifend 5 von 5 Leseratten.

Freitag, 13. Dezember 2013

Rezension: Ein ganzes halbes Jahr

Eine liebe Kollegin hat zu Hause ausgemistet und ich hatte das Glück mich exklusiv gleich auf dieses Buch werfen zu können, um das ich schon so lange im Laden herumgeschlichen bin. "Aber das ist ein Buch zum weinen", sagte sie zu mir. Das ist ja erst mal kein Hinderungsgrund!

"Ein ganzes halbes Jahr" von Jojo Moyes rowohlt Verlag

520 Seiten

14,99 € (Broschiert)








Will ist erfolgreich, sexy, reich, abenteuerlustig: Bis ein Motorradfahrer ihn überfährt und er ab dem Brustwirbel gelähmt ist. 

Louisa lebt in einer winzigen englischen Stadt zusammen mit ihren Eltern, ihrem Großvater, ihrer Schwester und deren kleinem Sohn in einem Haus. Die finanziellen Bedingungen zwingen sie dazu. Dann verliert sie ihren Job als Kellnerin in einem Café und ihr bescheiden eingerichtetes Leben gerät aus den Fugen. Ohne Ausbildung und allein mit dieser Berufserfahrung kann sie in der ländlichen Umgebung kaum einen Job finden.

An diesem Punkt treffen sie sich: Louisa wird vom Jobcenter zu einem Bewerbungsgespräch bei Wills Familie geschickt. Sie soll für ein halbes Jahr befristet eingestellt werden, um Will Gesellschaft zu leisten. Da die Bezahlung unwiderstehlich ist, sagt sie zu, obwohl Will offensichtlich deutlich macht, dass sie nur auf Wunsch seiner Mutter da ist.

Ab hier beginnt sich eine besondere Beziehung zwischen Will und Louisa zu entwickeln. Sie erkennt immer noch den faszinierenden Mann ihn ihm und er erweitert ihren Horizont über ihre bisher beschränkte Welt hinaus.

Endlich wieder ein Buch, das ich nicht aus der Hand legen konnte! Ich las morgens, abends, bis in die Nacht hinein und dennoch am morgen wieder weiter. Es ist spannend, witzig, intelligent und charmant. Ich liebe, liebe den Prolog. Wie Jojo Moyes es schafft in nur fünf Seiten Will als Figur vor seinem Unfall zu beschreiben und lebendig zu machen, fand ich wundervoll.

Bei aller Begeisterung: Es ist ein einfaches, nettes Buch, aber mit einer mutigen Botschaft, die gut vermittelt wird. Und deswegen musste ich auch nicht weinen zum Schluss. Na ja, vielleicht auch nur, weil es im Zug etwas peinlich gewesen wäre und weil ich das ganze nicht zu Ende denken wollte. Weil ich es einerseits verstand, aber andererseits mir genau vorstellen konnte, wie es einen zerreißen würde. Noch eine besondere Leistung von Jojo Moyes, das sie genau das schaffte.

Für alle, die schöne Liebesgeschichten, mit sympathischen Figuren mögen, die auch noch Tiefgang haben darf. Ich vergebe vier von fünf Leseratten, aber nur weil - wie treue Leser wissen und Alex immer bemeckert - die fünf für ganz besondere Bücher vorenthalten ist. Was dazu gefehlt hat? Manchmal war die Geschichte für mein Empfinden etwas klischeehaft und die Erzählung etwas seicht. Obwohl es sich genau deswegen so federleicht weglesen lies. Entscheidet selbst!


Freitag, 18. Oktober 2013

Rezension: Der Wolkenatlas von David Mitchel

Ich hatte von dem Film gehört, dass er nicht so gut sein sollte und da lag der ursprüngliche Roman vor mir auf meinem geliebten Hugendubel-Empfehlungstisch. Und da dachte ich mir: Warum Geld für den Film ausgeben, wenn man das Original haben kann? Ein weiser Gedanke, der zu einer guten Kaufentscheidung führte.

"Der Wolkenatlas" von David Mitchell Rowohlt Verlag

668 Seiten

9,99 € (Taschenbuch)









Ich wil gar nicht so viel zum Inhalt sagen - denn das spannendste an dem Buch ist nicht zu wissen, wohin es mit einem will. Nur so viel: Es geht um sechs verschiedene Leben, sechs verschiedene Geschichten, sechs verschiedene Welten. Und sie gehören zusammen.

Der Inhalt ist auch nicht das eigentlich Entscheidende und auch nicht das, was dieses Buch zu etwas Besonderem macht. Es ist die Art, wie David Mitchell einen immer wieder gefangen nimmt. Die Geschichten gehen abrupt ineinander über und sind geprägt von verschiedenen Orten, Zeiten ja sogar Schreibstilen und Sprachen. Es verärgert einen regelrecht, wenn man wieder in die nächste Welt gestoßen wird. Aber es dauert keine fünf Seiten und man ist wieder gefangen und ganz drin in der neuen Geschichte. Und das fand ich unheimlich beeindruckend. Der Autor benötigt nicht viele Beschreibungen oder Erklärungen und man weiß dennoch genau, wie diese neue Welt funktioniert. Man muss einfach nur lesen und in die jeweiligen Abenteuer eintauchen und genau das macht die Qualität das Buches aus! Es ist so überzeugend, dass man nie aus diesen Geschichten erwachen kann, denn es gibt nichts, was einen daran zweifeln lassen könnte, dass es nur ein Traum ist. Und dabei ist es witzig, spannend, tragisch, interessant, anregend, philosophisch und unheimlich echt.

Dieses Buch sind eigentlich sechs Bücher und voller Ehrfurcht erstarrt man vor so viel Kreativität und ernsthafter Literatur. In der heutigen kurzlebigen Welt nimmt man sich kaum noch die Zeit für ein richtiges Buch, David Mitchel hat gleich sechs für eins geschrieben.

"Der Wolkenatlas" ist perfekt für alle, die gute Geschichten mögen, gerne stundenlang schmökern und in andere Welten abtauchen. Ich fand es toll so sehr in dem Buch und seinen Figuren verschwinden zu können. Es tut mir wirklich unheimlich Leid bei meinem harten Bewertungsmaßstab nur vier von fünf Leseratten vergeben zu können, aber das liegt lediglich daran, dass ich mich trotz der Schönheit nur in eine der sechs Geschichten wirklich verliebt habe. Davon hätte ich so gerne so viel mehr gehabt.