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Sonntag, 5. Oktober 2014

Rezension: Gebete für die Vermissten von Jennifer Clement

„Gebete für die Vermissten“ von Jennifer Clement hat mir die liebe Antonie ausgeliehen, um meine Meinung zum Buch zu hören. Obwohl mich die ersten Seiten sofort gefangen nahmen und ich das Buch schnell beendet hatte, habe ich mit der Rezension immer noch echte Schwierigkeiten.

„Gebete für die Vermissten“ von Jennifer Clement
228 Seiten
19,95 € (Hardcover)









Ladydi wächst in einem Dorf in den mexikanischen Bergen auf, da wo es wenig von allem gibt: wenig Arbeit, wenig Hoffnung, wenig Zukunft. Als Mädchen ist es für sie besser unscheinbar zu sein, vielleicht sogar hässlich, dann wird man von den Gangs der Drogenhändler in Ruhe gelassen. Was passiert, wenn man als hübsches Mädchen ins Visier der Gangs gerät, sieht Ladydi an ihrer Freundin Paula, diese wird verschleppt und missbraucht. Ladydi selbst ist aber zum Glück unscheinbar genug, um unentdeckt zu bleiben und kann später sogar eine Anstellung als Kindermädchen in der Stadt annehmen. Ob sie dort ein besseres Leben erwartet?

„Gebete für die Vermissten“ ist ein Buch, dessen unglaublich starke erste Absätze mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Sie wirkten auf mich so erschreckend und fesselnd, dass ich sofort mehr wissen musste. Die Kunst innerhalb eines Absatzes sofort das Thema des Buches einzuleiten und die Stimmung für die gesamte Handlung vorzugeben, hat mich schwer beeindruckt. Diese ersten, wenigen Sätze fangen komplett den Geist des Buches ein.

„Jetzt machen wir dich hässlich, sagte meine Mutter. […] In Mexiko ist es das Beste, ein hässliches Mädchen zu sein.“ S.9

Über Bandenkriege und Drogenkartelle in Mexiko hört man in den Nachrichten viel, über die Auswirkungen auf die Bevölkerung und die damit einhergehenden Probleme denkt man dabei nicht unbedingt lange nach. Wie die Frauen unter der Gewalt der Drogenbanden leiden, aber auch darunter leiden, dass sie viele ihrer Männer nach Amerika verlieren und die Zurückgebliebenen frustriert sind, hat mich sehr erschreckt und berührt. Die trostlose und ziellose Stimmung, die das Buch dadurch transportiert wirkt authentisch, leider fehlt der Geschichte dadurch ein echter Spannungsbogen.
Vielleicht geht es nur mir allein so, aber bei aller Bitterkeit und Traurigkeit, die „Gebete für die Vermissten“ versprüht, ist auch immer ein Quäntchen Humor, ein bissiger Witz in den Zeilen versteckt. Ob es Ladydis Name ist, der dem bitteren Humor ihrer Mutter entsprang, oder die trockenen Anmerkungen, die von der erzählenden Stimme in die Beschreibungen eingewoben werden, immer wieder provoziert es ein trauriges Lachen.

Ich schwanke immer noch sehr, wie ich „Gebte für die Vermissten“ bewerten soll oder kann. Die Atmosphäre des Buches ist so authentisch, dass es mir ab und zu den Atem geraubt hat. Die Handlung ist dabei manchmal so träge, dass ich mich fragte wo das alles hin zielt (und es wird leider auch nicht von einem großen Clou gelöst). So habe ich beim Lesen zwischen den verschiedenen Extremen geschwankt. Das Buch hat mir selbst zum Teil nur mittelmäßig gefallen, ist aber keineswegs ein mittelmäßiges, sondern eher bemerkenswertes Buch!
Da ich insgesamt von der Wucht des Themas und der Erzählung beeindruckt bin, kann ich das Buch einfach nicht nur mittelmäßig bewerten und lande ganz knapp bei 4 von 5 Leseratten.
 

Das Buch in einem Tweet: "Gebete für die Vermissten" ist bitter komisch und unterhaltsam traurig zugleich. Ein Buch das bewegt, obwohl manchmal Spannung fehlt.

Sonntag, 24. August 2014

Thank God it was Sneakday: Mit ganzer Kraft

Alex und ich hatten beide eine harte Arbeitswoche. Bis Freitag haben wir es nur dank einem sehr lustigen Mittwoch geschafft. Erst haben wir Burger im Alex gegessen, während neben an im Metropolis-Kino Starauflauf wegen der Premiere von "Doktorspiele" war. Wir hatten viel Spaß dabei, den Security-Kräften und den zum Teil schillernden Gestalten zuzusehen, während wir nur dank des Filmplakats die Schauspieler von den Zuschauern unterscheiden konnten.

Der Film in der Sneak hatte dann eine ganz andere Grundstimmung:

„Mit ganzer Kraft“ polyband medien GmbH

Kinostart: 04.09.2014

Spiellänge: 86 Minuten
FSK 0

Website zum Film



Julien ist 17 und seit seiner Geburt auf den Rollstuhl und die Pflege seiner Mutter angewiesen. Sein Vater ist die meiste Zeit abwesend, weil er für immer wieder wechselnde Handwerkerjobs ständig unterwegs ist, was ihm auch sehr recht zu sein scheint. Als er wieder arbeitslos wird und für eine Weile zu Hause ist, versucht Julien eine Verbindung zu seinem Vater aufzubauen.

In der Garage entdeckt er alte Bilder von seinem Vater, die zeigen, dass er früher am Iron Man teilgenommen hat. Da sein bester Freund trotz einer körperlichen Behinderung mit seinem Vater joggt und Fahrrad fährt, möchte Julien das auch. Er drängt seinen Vater, der zunächst abblockt. Als Julien jedoch Reißaus nimmt, überdenkt er seine Haltung und baut sein Fahrrad so um, dass Julien in einem Sitz vor dem Lenker Platz nehmen kann. Er hofft, dass es damit genug ist, doch Julien träumt von der Teilnahme an einem echten Iron Man.

Alex und ich haben eine geteilte Meinung zu dem Film. Alex findet es übertrieben, wie der Vater dazu gedrängt wird den Iron Man zu absolviern, dass es ein zu hoch gestecktes Ziel ist. Ich finde, es geht lediglich um eine übersptitzte Darstellung. Der Film ist von wahren Begebenheiten inspiriert. Natürlich ist es im wahren Leben zu viel verlangt, dass der Vater, um eine Beziehung zu seinem Sohn aufzubauen, gleich einen Iron Man mit ihm absolvieren muss. Ich denke, in der Realität wäre es das Ergebnis von einem gemeinsamen Hobby und jahrelangem Training. Aber dramaturgisch gesehen, hat der Vater viele Jahre verpasst und holt so schneller in der Beziehung zu seinem Sohn wieder auf. Und schließlich dauert jeder Film nur anderthalb bis zwei Stunden. Da muss es etwas übertrieben schnell gehen.

Je nachdem, wie man dazu steht und wie sehr man sich auf den Film trotz seiner Schwächen einlässt, erlebt man die emotionalen Szenen im Film: als etwas pathetisch, übertrieben und realitätsfern oder als herzerwärmend. Dementsprechend ist er für mich einer dieser typischen Samstag-Nachmittags-Filme, wenn es draußen regnet und man etwas leichtes, aber nichts seichtes fürs Herz braucht. Davon habe ich auch Alex überzeugen können.

Der Sneak-o-Mat zeigte eine wesentlich bessere Tendenz:


Dennoch bleiben wir dabei: Unsere Eintrittskarten für "Mit ganzer Kraft" sind im mittleren Glas gelandet und wir von uns mit drei von fünf Kinoratten bewertet.


Der Film in einem Zwitschern:
"Mit ganzer Kraft" ist ein leichter Film für's Herz über Vater-Sohn-Beziehungen & Willenskraft mit einem leichten Hang zur Übertreibung.

Samstag, 16. August 2014

Rezension: Das Glück, wie es hätte sein können von Véronique Olmi

Diese Rezension ist schon überüberfällig. Ich denke, demnächst wird mich vorablesen auf irgendeine schwarze Liste setzen, wenn ich dieses Buch nicht bald rezensiere. Also los, los!


"Das Glück, wie es hätte sein können" von Véronique Olmi Antje Kunstmann Verlag

224 Seiten

19,95 € (Gebundene Ausgabe)

Die Leseprobe von vorablesen findet ihr hier.





Suzanne ist über vierzig, verheiratet und Klavierspielerin. Sie führt ein einfaches, bescheidenes Leben in Paris. Bis sie Serge trifft. Er ist sechzig, reicher Immobilienmakler, mit einer Frau in den Zwanziger verheiratet und zweifacher Vater. Serge ist zufrieden mit seinem Erfolg, den er daran misst, dass er reich ist, eine junge Frau und zwei wundervolle Kinder hat. Aber wirklich glücklich scheint er nicht zu sein.

Das Buch beschreibt, wie zwischen Suzanne und Serge scheinbar ohne Sinn und Verstand eine herzzereißende Leidenschaft entsteht. Die Intensität ist in jedem Wort spürbar und erstaunlich authentisch, auch wenn man es nicht verstehen kann. Ein Mann, eine Frau, ein Blick und wenig später steht er im Regen vor ihrem Haus, stundenlang. Ehe er bei ihr klingelt und sie einfach küsst und sie es einfach geschehen lässt.

Das Buch liest sich leicht und dennoch berührt es Herz und Hirn. Fast jeder Satz lässt einen nachdenken. Leider hat das Ende einiges davon zerstört. Natürlich musste es noch ein lang gehegtes Familiengeheimnis geben. Insgesamt war am Ende des Buches nur eines wieder klar: In Frankreich ist Liebe gleich körperliche Anziehung und zerstörerisch.

Bis zur Hälfte des Buches war es fünf Ratten wert. Danach stürzte es ab. Nach langem hin und her finde ich, dass das Buch dennoch vier von fünf Leseratten verdient hat. Vielleicht finden andere das Ende auch überraschend und spannend. Kreativ war es auf jeden Fall.





Das Buch in einem Zwitschern: 
"Das Glück, wie es hätte sein können" beschreibt eine leidenschaftliche Liebe intensiv & authentisch, doch das Ende zerstört den Zauber.

Freitag, 8. August 2014

Angesehen/Filmfreitag: Dallas Buyers Club


Die niemals still stehende Alex hat sich schon wieder etwas neues für euch ausgedacht: Den Filmfreitag! An diesem Tag werden wir euch Filme vorstellen, die wir euch ans Herz legen oder vor denen wir euch warnen wollen. Da mein Mann und ich uns letztens seit langem mal wieder einen Videoloadabend gegönnt haben, drängel ich mich heute vor. Die Filmfreitagpremiere soll schließlich gebührend gefeiert werden: Mit einem oscarpremierten Film, der vor Kurzem auf DVD erschienen ist:

"Dallas Buyers Club"

Produktionsjahr: 2013
Erscheinungstermin DVD/Blu-ray: 22.07.2014

Spiellänge 117 Minuten

FSK: 12

12,99 € (DVD) oder 15,99 € (Blu-ray)


Oscar: Bester Hauptdarsteller, Bester Nebendarsteller, Bestes Make-Up & Hairstyling

Ron Woodroof (Matthew McConaughy) ist das Negativklischee eines texanischen Cowboys: Er liebt Rhodeo, kokst, hurrt, trinkt und kennt keine Toleranz gegen irgendeine Randgruppe. Eines Tages erleidet er auf der Arbeit einen Stromschlag und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Die Diagnose - Aids. Wir schreiben das Jahr 1985 und die Ärzte geben ihm noch 30 Tage zu leben. Ron akzeptiert es nicht und denkt, es kann sich nur um einen Irrtum handeln. Schließlich ist der Testosteronmacho alles andere als homosexuell. Bis sein schlechter Gesundheitszustand ihn dazu bringt zu recherchieren und er herausfindet, dass besonders Drogensüchtige und Menschen, die ungeschützten Sex haben gefährdet sind. Da sein Dealer ihm gelegentlich in dunklen Ecken Kundinnen von ihm angeboten hatte, wird Ron klar: Es ist wahr - er wird sterben.

Als er nach einem weiteren Zusammenbruch im Krankenhaus landet, lernt er den Transsexuellen, ebenfalls aidskranken Rayon (Jared Leto) und die Ärztin Dr. Eve Saks (Jennifer Garner) kennen und erfährt, dass die neueste Hoffnung der Pharmaindustrie auf Besserung bei Aids-Patienten AZTheißt. Da er an der aktuellen Studie nicht teilnehmen kann, besorgt sich der erfahrene Dealer Ron das Medikament auf illegalen Wegen. Als seine Quelle erschöpft ist, reist er nach Mexiko zu einem amerikanischen Arzt, der seine Zulassung verloren hat. Dort erhält er zwar nicht, was er erwartet hat, aber echte Hilfe: Dank Vitaminpräperaten und Tipps zu gesunder Lebensführung geht es ihm immer besser. Dieses Wissen will er nutzen - ganz nach alter Manier naürlich um Geld zu verdienen. Er schmuggelt so viele Präperate, wie er tragen kann, in die USA und beginnt den Verkauf auf der Straße. Als homophober Cowboy blühen seine Geschäfte jedoch erst richtig auf, als er mit dem Transsexuellen Rayon gemeinsame Sache macht. Derweil kommen Dr. Saks immer mehr Zweifel an der Wirksamkeit von AZT auf ...

Es gäbe noch so viel mehr zu erzählen: Wieso Schmuggel - es sind doch nur Vitamine? Wieso Dallas Buyers Club? Werden es Ron und Rayon schaffen? Was wird aus Dr. Saks? Aber dafür müsst ihr den Film gucken und aus sooo vielen Gründen mehr. Dallas Buyers Club ist sicher keine leichte Kost, doch niemals emotional manipulierend, sondern eine unglaublich präzise, spannende, authentische Darstellung einer wahren Geschichte. Alle drei Oscars sind unglaublich verdient - nicht nur weil beide Schauspieler so viel für die Rollen abgenommen haben. Sie scheinen ihre Figuren geworden zu sein. Dabei ist der Film auch unterhaltsam, witzig und lebensbejahend - und zwar wirklich. Nicht aller Precious! Deswegen muss man meiner Ansicht nach keine Berührungsängste haben, muss nicht besonders in der Stimmung für schwere Kost sein - diesen Film kann man immer gucken. Er ist einfach sehr gut und kann unumwunden jedem empfohlen werden. So etwas gibt es ganz selten bei Filmen, deswegen auch verdiente 5 von 5 Kinoratten.




Der Film in einem Zwitschern:
Dallas Buyers Club zurecht oscarpremiert: authentisch & lebensbejahend - ein Cowboy im Kampf gegen Aids, Pharmaindustrie & eigene Homophobie

Sonntag, 6. Juli 2014

Rezension: Mutters letzte Worte von Esther Gerritsen

Es gibt Themen, mit denen möchte man sich nicht beschäftigen. Dazu gehört auch der Tod der eigenen Eltern. Funktioniert dann aber ein Buch, das sich genau darum dreht? Es funktioniert, kleine Schwachstellen gibt es trotzdem.

„Mutters letzte Worte“ von Esther Gerritsen
208 Seiten
18,99 € (Hardcover) oder 14,99 € (Kindle Edition)









Elisabeth und ihre Tochter Coco haben nicht im klassischen Sinne ein schlechtes, aber auch kein enges Verhältnis. Die Treffen sind sporadisch und geplant, viel „unnötigen“ Kontakt haben die beiden sonst nicht. Sie treffen sich zufällig in der Stadt, als Elisabeth ihrer Tochter offenbart, dass sie krank ist. Totkrank. Plötzlich ist sie mit diesem Wissen nicht mehr allein, erhält ungewohntes Mitgefühl von der eigenen Tochter, muss sich aber auch mit ihren eigenen Gefühlen neu auseinandersetzen.

Ich habe dieses Buch entdeckt, als ich eigentlich auf der Suche nach spannenden Titeln in der Herbstvorschau war. Ein kurzer Blick in die Leseprobe hat gereicht um mich zu fesseln. Die Situation beginnt unvermittelt und ist so packend beschrieben, dass man genauso daran festhängen bleibt, wie Mutter und Tochter auf der Straße aneinander hängenbleiben.
Trotz des schweren Themas ist auch von Anfang an ein gewisser Humor zu spüren, das Buch lädt ein statt abzuweisen und macht es dem Leser leicht, sich auch auf so ein Terrain zu wagen, das man sonst eher meiden würde. Für mich eine besondere Qualität des Buches und der Schlüssel dazu, diese Geschichte frei entdecken zu wollen.
Die Geschichte ist nicht im eigentlichen Sinne spannend, aber psychologisch interessant. Besonders der Kontrast in Elisabeths Verhalten, die mit ihrem Friseur ganz frei sprechen kann und im Umgang mit ihrer Tochter so gehemmt wirkt, war für mich interessant. Die einfache Gleichung „nicht mehr allein = glücklich“ geht für die kranke Frau nicht auf, bloße Anwesenheit zaubert eben keine Nähe. So erlebt man mit Mutter und Tochter den schweren Weg, die letzte Zeit gemeinsam zu verbringen und sich dabei noch ein kleines Stück näher zu kommen.
Störend und unnötig habe ich die Nebenhandlung um Coco empfunden. Natürlich muss auch die Tochter einen Weg finden, mit dem Sterben der Mutter umzugehen. Aber die Verhaltensweisen Cocos waren im Buch schwer nachvollziehbar beschrieben, wirkten übersprunghaft und passten nicht zu ihrem sonstigen Charakter. Vor allem die Eskapaden in den Kneipen wirkten etwas eingeschoben in die eigentliche Handlung, zusammenhanglos zum Rest.

Obwohl die Handlung für mich einige störende Punkte aufweist, hebt der wunderschöne Schreibstil diesen Eindruck doch nochmal an, so komme ich auf 4 von 5 recht zufriedenen Leseratten.


Das Buch in einem Tweet: Eine Geschichte um das Sterben der eigenen Eltern, trotzdem nicht überdramatisch sondern sympathisch. Ein schweres Thema leicht behandelt.

Sonntag, 29. Juni 2014

Angesehen: Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger

Alex hatte mir von Anfang an versprochen, dass sie mit mir nach dem Buch "Schiffbruch mit Tiger" die Verfilmung schauen würde. Ich hatte den Film bisher nicht gesehen, weil ich davon ausging, dass er mir nicht gefallen würde und nachdem mich das Buch schon nur zu einem gewissen Teil erreichen konnte, machte ich mir wenig Hoffnung.

"Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger" Twentieth Century Fox

Produktionsjahr: 2012

Spiellänge: 127 min

FSK: 12

7,47 € (DVD) bzw.9,99 € (Blue-Ray)
(Bei Alex gab es die abgebildete 3D-Sonderedition, auch wenn wir uns die 3D-Brillen gespart haben - 28,99 €)

Ich möchte es kurz machen: Der Film kann ebenso wie das Buch mit wenig Handlung aufwarten. Das hat man versucht durch eine Dramatisierung der wenigen Details und übergroße, schillernd bunte Bilder auszugleichen, die mir persönlich nicht gefallen haben. Sicher sind sie für manchen beeindruckend, inspirierend, einfach nur schön - mir war es leider zu viel.

Was mir gut gefallen hat, war, dass man die Erzählperspektive (Pi berichtet einem Schriftsteller zu Hause von all seinen Erlebnissen) beibehalten hat. Enttäuschend fand ich allerdings, dass man das im Buch so schön beschriebene Haus voller Anzeichen seiner drei Religionen in einen modern und farblos eingerichteten Raum verwandelt hat. Da hat man der Geschichte etwas der Mystik beraubt.

Alles, was den Film gut macht, ist die Endaussage des Buches. Dafür fand ich aber schon die 527 Seiten zu lang, die wenigstens noch spannend und zum Teil witzig waren und auf die Endaussage vorbereiteten. Die 127 Minuten Film waren endgültig ein reines Warten auf den springenden Punkt.

Wenn man ruhige Filme mit schöner Musik und farbenfrohen Bildern mag, kann man zu Life of Pi greifen. Wenn man sich von der Geschichte aber wirklich inspirieren lassen will, sollte man das Buch lesen. Es ermöglicht einen viel eher in einen Diskurs mit sich selbst und anderen zum Thema Religion, Glauben und Sinn des Lebens zu treten - 2 von 5 Kinroatten.


Der Film in einem Zwitschern: 
"Bunte Bilder und hollywoodtypische Übertreibung, die Botschaft wird traurig simpel präsentiert. Das Buch ist eher zu empfehlen."

Sonntag, 18. Mai 2014

Rezension: Glückliche Ehe von Rafael Yglesias

„In guten, wie in schweren Tagen“ füreinander einzustehen, auch das bedeutet Ehe. So schön, wie die guten strahlenden Tage sind, so schlimm können auch die schweren Tage sein. Doch sie gemeinsam durchzustehen gibt Kraft. Zum Abschluss unserer Ehe-Woche also nochmal ein zwar sehr trauriges, aber auch sehr kraftvolles und romantisches Buch, bei aller Härte.

„Glückliche Ehe“ von Rafael Yglesias
426 Seiten
22,95 € (Hardcover)
ISBN 978-3-608-93707-7









Margaret und Enrique sind seit knapp dreißig Jahren verheiratet, als Margaret den Kampf gegen den Krebs verliert, an dem sie vor zwei Jahren erkrankte. In wechselnden Kapiteln erzählt das Buch die Geschichte vom Beginn und dem Ende einer Ehe.
Die Geschichten vom Anfang der Ehe berichten vom ersten Treffen, über die ersten Dates und das Auf und Ab der jungen Beziehung. Die Kapitel des Endes der Ehe erzählen eine Geschichte von einem schweren Abschied nach einem Leben, dass man Großteils gemeinsam verbracht hat, von Aufopferung und Liebe am Ende einer glücklichen Ehe.

„Selbst im Sterben, tröstete er sich, gab sie ihm etwas Kostbares: die Zeit, sich anständig voneinander zu verabschieden.“ (S. 73)

Diese Wechsel haben mich beim Lesen sehr mitgenommen. Der Beginn der Ehe so romantisch und zart, dass ich kaum damit aufhören konnte zu Lesen, steht im harten Kontrast zu den Kapiteln über das Ende der Ehe. Margarets Krankheit hat mich mitten ins Herz getroffen und obwohl ich manchmal Pausen einlegen musste, weil ich nicht lesen wollte wie es ihr Seite für Seite immer schlechter geht, steckt auch in diesen Kapiteln eine Menge Trost und Kraft. Wie Enrique seinem eigenen Schmerz zum Trotz liebevoll für seine Frau sorgt, war auf seine Art wunderschön.

„Vielleicht hatten sie ja nicht begriffen, dass sie für ihn schon lange an erster Stelle gestanden hatte, dass sie die Heimat seines Herzens und der Anker seines Denkens war und dass der Kampf darum, sie am Leben zu erhalten, unerlässlich für die Erhaltung seiner eigenen Seele war.“ (S. 138)

Cover und Titel von „Glückliche Ehe“ wirken locker, leicht und sprechen von Glück und Zufriedenheit. Doch auch in einem an sich glücklichen Leben gibt es natürlich Schatten und manchmal auch Leid. So gibt es auch in der Geschichte von „Glückliche Ehe“ Probleme und Streits. Margaret und Enrique waren in einiger Hinsicht ein perfektes Paar und dennoch gab es auch eine Menge Reibungspunkte in ihrem Leben. Diese waren für mich beim Lesen nicht immer leicht hinzunehmen, doch im Verlauf der Handlung wird einem immer deutlicher bewusst, dass der Titel „Glückliche Ehe“ dennoch sehr ehrlich ist. Das Überwinden von Problemen macht eine Beziehung doch um einiges stärker.

„In den neunundzwanzig Jahren seit seinem ersten desaströsen Geschenk war so viel passiert. Waren so viele Illusionen zerplatzt. Hatten sie beide sich als so stark erwiesen. Sie hatte die grausamsten Dinge zu ihm gesagt, die man ihm nur hätte sagen können, und er war zu ihr mehr als einmal noch grausamer gewesen. Sie hatten sich Liebe geschworen, hatten Hass ausgehalten. Als Kinder hatten sie Kinder hervorgebracht, von denen jetzt eins schon ein Mann war und das andere nur zu schnell einer wurde.“ (S. 192)

Glückliche Ehe hat mich ursprünglich wegen seines Titels angezogen. Ich hatte mir eine perfekte Geschichte über eine perfekte Beziehung gewünscht, gewürzt vielleicht mit einem Hauch Melancholie. Bekommen habe ich viel mehr: ich weine so gut wie nie, bei „Glückliche Ehe“ konnte ich es nicht verhindern, die Geschichte hat mich zu sehr mitgenommen. Ich habe geweint vor Glück bei den Liebeserklärungen im Buch und geweint vor Trauer um Margaret.
Zusätzlich hat mich der wunderschöne Schreibstil ständig dazu gebracht, einzelne Passagen mehrmals lesen zu wollen und mich in der Sprache des Buches zu verlieren.

Diese erzählerischen und sprachlichen Qualitäten, zusammen mit einer für jede Beziehung wertvollen Botschaft machen für mich die Bedeutung dieses Buches aus. Ich vergebe 5 von 5 Leseratten für „Glückliche Ehe“.

„Dabei hatte er die meiste Zeit seines Lebens damit verbracht, an die Zukunft zu denken: Die Vergangenheit hatte er immer hinter sich lassen, die Gegenwart möglichst schnell besser gestalten wollen.“ (S. 143)

Donnerstag, 8. Mai 2014

Rezension: Die Wahrheit über Ivy von Kathy Stinson

Es gibt Rezensionen, die mir wirklich schwer fallen. Weil es zu viel oder zu wenig über ein Buch zu sagen gibt zum Beispiel. Manchmal aber, wie bei „Die Wahrheit über Ivy“, liegt es auch am Thema des Buches, dass mir wahrhaftig die Sprache verschlägt.

„Die Wahrheit über Ivy“ von Kathy Stinson
192 Seiten
7,99 € (Taschenbuch)







Alles in Davids Familie dreht sich um Ivy. Seine kleine Schwester ist an „infantiler Zerebralparese“ erkrankt. Dieser frühkindliche Hirnschaden hat bei Ivy zur Folge, dass das Mädchen kaum sprechen kann und motorisch stark eingeschränkt ist. Das Leben mit Ivy bringt viele Tiefs aber auch immer wieder Freude für David mit sich. Ein Leben ohne Ivy ist für den Jungen trotz aller Schwierigkeiten kaum vorstellbar. Eines Tages passiert dann das Tragische: als sein Vater mit Ivy in einem See badet, erleidet Ivy einen Krampfanfall und stirbt.

Das Buch ist aus Davids Sicht erzählt und die Autorin hat für mich damit genau die richtige Perspektive gewählt, denn Davids Erlebnisse wirken schlicht und ergreifend authentisch. Das Thema ist schwierig und die aufgeworfenen Fragestellungen und Überlegungen sind zum Teil hart. Ein belehrender oder moralisierender Erzähler hätte da (für mich) die falsche Botschaft transportiert. So aber wirkte das ganze Buch ehrlich und berührend.
Ich kann mir die Situation, die Davids Familie erlebt, kaum vorstellen. Es ist einfach unheimlich schwierig sich in derartige Lebensumstände herein zu versetzen. Der Autorin ist es in diesem Buch dennoch sehr gut gelungen, dass man eine Beziehung zu allen Figuren aufbauen kann und dadurch anfängt eine Ahnung davon zu bekommen, wie sich Menschen in einer solchen Situation fühlen: zwischen Liebe und Angst, Überforderung und Hingabe. Trotz aller Liebe zu seiner Schwester kommen nämlich bei David auch immer wieder Frustration und Wut über die Situation der Familie auf.
Neben der berührenden Handlung zu Beginn des Buches bringt die Situation rund um Ivys Tod dann eine ganze Menge harter Fragestellungen und Überlegungen mit sich, die mich bis jetzt sehr beschäftigen. Das Buch endet für mich in dieser Hinsicht dann auch zu abrupt. Das soll vermutlich so sein und dem Leser die Möglichkeit geben, für sich gedanklich die möglichen Alternativen durchzuspielen. Ich fühlte mich irgendwie grausam aus der Geschichte gerissen und mir fehlte die Möglichkeit, mit dieser Handlung abzuschließen.

Insgesamt vergebe ich 4 von 5 Leseratten für ein tolles Jugendbuch, das mich sehr beschäftigt und berührt hat, aber durch die sympathischen Figuren auch gut unterhalten hat. Ein weniger abruptes Ende hätte das Ganze noch etwas besser abrunden können.


P.S. Ich habe bewusst versucht Formulierungen wie „Ivy leidet unter“ oder „das Problem der Familie“ zu vermeiden. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Art von Formulierungen (genau wie zum Beispiel „an den Rollstuhl gefesselt“) einfach ein falsches Bild transportieren. Trotzdem finde ich es schwierig für die beschriebene Situation im Buch die richtigen Worte zu finden. Ich hoffe es ist mir annähernd gelungen.

Dienstag, 6. Mai 2014

Rezension: Das Mädchen mit dem Haifischherz von Jenni Fagan

„Das Mädchen mit dem Haifischherz“ von Jenni Fagan hat mich auf der Verlagsseite des Antje Kunstmann Verlags sofort angesprungen: dieser Titel ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe mich permanent gefragt, was sich dahinter verbirgt und musste das Buch einfach lesen. Nachdem wir es jetzt zum Welttag des Buches auch noch verlost haben, möchte ich euch endlich meinen Eindruck zu dieser Geschichte schildern.

„Das Mädchen mit dem Haifischherz“ von Jenni Fagan
320 Seiten
19,95 € (Hardcover)

Anais Hendricks ist fünfzehn, als ihr vorgeworfen wird eine Polizistin derart verprügelt zu haben, dass diese nun im Koma liegt. Für Anais beginnt dadurch eine wohlbekannte Prozedur: das Mädchen wird von der Polizei in das Gewahrsam eines neuen Heims gegeben. Im Panoptikum soll sie unter Kontrolle gebracht werden, bis ihr der Prozess gemacht wird. Anais ist ein Waisenkind und kennt die verschiedensten Stellen der staatlichen Fürsorge zur Genüge. Sie kennt Drogen und Gewalt. Eine Familie und Geborgenheit hat sie dagegen noch nicht kennen gelernt. Erst im Panoptikum mit seinen seltsamen Bewohnern findet Anais das erste Mal so etwas wie eine Familie.

Ich muss vorab sagen, dass ich mit völlig falschen Erwartungen an dieses Buch herangegangen bin. Eine etwas düstere Geschichte, abgründiges und harte Passagen hatte ich zwar vermutet, habe das Ganze jedoch als eine Art düsteres Jugendbuch gesehen. Ein Jugendbuch ist „Das Mädchen mit dem Haifischherz“ aber nun nicht wirklich. Die Sprache ist vulgär und ziemlich hart, manchmal brutal. Die Figuren stehen eigentlich durchgehend unter Drogen, alle sind ganz unten in der Gesellschaft angekommen und positive Entwicklungen schimmern nur ganz schwach durch eine ganze Menge Unrat.
Es hat eine Weile gedauert, bis ich mit Anais wirklich warm geworden bin. Fast ein Drittel des Buches hat mich die Hauptfigur und erzählende Stimme dieses Buches eher verschreckt. Anais hegt seltsame Thesen, laut denen sie Teil eines obszönen „Experiments“ ist. Vom Experiment fühlt sich Anais beobachtet und verfolgt. Erst spät bin ich dieser seltsamen Hauptfigur näher gekommen. Man merkt im Verlauf der Geschichte, dass in Anais auch ein weicher Kern steckt, ein eigentlich nur einsames Mädchen.
Für mich war es schließlich auch diese Thematik, die „Das Mädchen mit dem Haifischherz“ so besonders macht. Die Dramatik eines Lebens, das völlig ohne Wurzeln und Identität eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, hat mich sehr beschäftigt. Anais und die anderen Bewohner des Panoptikums sind Opfer einer Gesellschaft, in der sie keinen Platz finden. Man erwartet Schlechtes von ihnen und behandelt sie auch so. Keines der Kinder hat wirklich eine Chance, sich aus dieser Rolle zu befreien. Ich glaube für dieses Thema musste die Autorin einfach auf die harte Sprache und krassen Beschreibungen zurückgreifen.
„Das Mädchen mit dem Haifischherz“ ist kein im klassischen Sinne spannendes Buch, auch kein Buch mit einer schön vorbereiteten „Moral“ oder Botschaft. Es ist aber ein Buch, das einen so schnell nicht mehr loslässt. Es ist weniger die Handlung, als die Figuren, die einen verfolgen.

Ich kann „Das Mädchen mit dem Haifischherz“ nicht bewerten. Ganz einfach weil es für fast alle „Noten“ gute Begründungen gäbe: ich könnte aus vollem Herzen 5 Ratten vergeben, weil mich die erstaunliche Entwicklung, die Anais im Buch macht, beeindruckt hat.
Ich könnte aus vollem Herzen 4 Ratten vergeben, weil mir die Stimmung des Buches zwar gefallen hat, das Ganze aber doch stellenweise zu hart war für mich war.
Ich könnte 3 Ratten vergeben, weil die Handlung zum Teil unstrukturiert und chaotisch wie Anais Gedanken wirkt und man sich als Leser darin verlieren kann....

Ich glaube alle, die Spaß an ungewöhnlichen Büchern haben und sich nicht an einer harten Sprache und Thematik stören, sollten sich einfach selbst ein Bild machen.

Dienstag, 22. April 2014

Angelesen: Das Glück, wie es hätte sein können von Véronique Olmi

Endlich hab ich wieder Zeit für vorablesen und konnte auch wieder was finden, was mich begeistern konnte: Liebe und Lebensveränderungen. Dieses Buch schreit ja gerade zu nach mir.


"Das Glück, wie es hätte sein können" von Véronique Olmi Antje Kunstmann Verlag

224 Seiten

19,95 € (Gebundene Ausgabe)

Die Leseprobe von vorablesen findet ihr hier.





Suzanna ist Klavierstimmerin und scheint ein kleines bescheidenes Leben zu führen. Sie ist zufrieden und glaubt nicht, dass ihr etwas außergewöhnliches passieren könnte. Doch dann stößt sie auf dem Weg zu einem Auftrag mit Serge zusammen.

Mehr kann man aus der Leseprobe nicht herauslesen. Suzanna erzählt die Geschichte aus der Rückblende, scheinbar völlig überrascht und fasziniert darüber, wie sich das Leben durch etwas so banales wie ein Zusammenstoßen in einem Hausflur verändern kann. Inwiefern es sich ändern wird, wird noch nicht klar.

Die Sprache ist nachdenklich, etwas hochtrabend, fast philosophisch. Und dennoch nimmt es einen direkt mit auf diese kleine Reise. Dank dem Schreibstil habe ich auch das erste Mal an dem Zitat der Woche bei vorablesen teilgenommen. Mal sehen, ob ich das Überraschungspaket gewinnen kann:

"Ich verstehe nicht, dass man keine Lust haben kann, den Atem der Zeit zu spüren, dem Leben den Puls zu messen, zu sehen, was es uns bietet."

Mittwoch, 9. April 2014

Rezension: Wir müssen über Kevin reden von Lionel Shriver

„Wir müssen über Kevin sprechen“ von Lionel Shriver hat mir Petzi ans Herz gelegt. Sie hat es mir so nachdrücklich schmackhaft gemacht, dass ich nicht anders konnte als es gleich zu Kaufen und zu Lesen. Jetzt kann ich nochmal „Danke“ sagen für diesen tollen Tipp!

„Wir müssen über Kevin reden“ von Lionel Shriver
Ullstein Taschenbuch Verlag
560 Seiten
9,99 € (Taschenbuch)*
* Anmerkung: im Moment gibt es neu nur noch die „Filmbuch“ Version dieses Buches. Die spricht mich vom Cover her so gar nicht an und ich habe mir daher die vorherige etwas neutralere Ausgabe gebraucht bestellt.







Kevin läuft Amok. Der 15jährige richtet in seiner Schule ein gut vorbereitetes Blutbad an und schlägt damit auch das Leben seiner Familie in Scherben. In „Wir müssen über Kevin reden“ arbeitet Eva, die Mutter des Attentäters, die Gründe für diese Tat aus ihrer Sicht auf. Eva wendet sich in Briefform an ihren Exmann und erzählt beginnend bei den Anfängen ihrer gemeinsamen Beziehung, über Kevins Kindheit bis hin zu dem tragischen Geschehen viele sehr persönliche Erlebnisse aus dem Leben der Familie.
Erst haben mich die besondere Thematik und die Erzählweise des Buches angesprochen. Ich mag Bücher in Brief- oder Tagebuchform. Diese Erzählart nimmt den Leser oft direkt mit und kann Geschichten ganz anders, viel näher darstellen als zum Beispiel Geschichten aus der dritten Perspektive. Bei „Wir müssen über Kevin reden“ verbindet sich diese Erzählform zusätzlich noch toll mit dem wunderbaren Schreibstil von Lionel Shriver. Dieser Schreibstil war es dann auch, der mich wirklich, ganz und gar für das Buch eingenommen hat. Lionel Shriver baut lange Sätze, die kunstvoll Evas Gedanken spiegeln und sich mit ihren Überlegungen winden.  Sätze, die sich in den Himmel schrauben aber deren Wahrheit manchmal auch ins Herz schneidet.
Die Protagonistin Eva erzählt unverblümt von ihrer Angst vor dem Kinderkriegen, von einigem Befremden im Umgang mit ihrem neu geborenen Sohn und der Verzweiflung später nicht an das Kind heranzukommen, das sie auf die Welt gebracht hat. Eva berichtet von Liebe und Angst, Verlusten und Hoffnung. Ich habe selten bei einem Buch so mit geschwankt und mit gelitten, ich mochte die Protagonistin unheimlich gern, habe aber zum Teil an ihren Empfindungen gezweifelt, so extrem waren ihre Berichte. Später habe ich ihren Blickwinkel immer besser nachvollziehen können und bekam richtiggehend Angst vor dem unberechenbaren Jungen.
„Wir müssen über Kevin reden“ ist ein Buch dessen Thematik hochaktuell ist und dass sich ohne Effekthascherei mit Schuld und Verantwortung beschäftigt. Natürlich ist das Buch an sich kein Tatsachenbericht und erhebt auch nicht den Anspruch das zu sein. Trotzdem hat „Wir müssen über Kevin reden“ für mich eine gewisse Wahrheit enthalten, der ich mich nicht entziehen konnte. Die Frage nach dem „Warum“ beschäftigt uns Menschen immer nach tragischen Ereignissen, denn oft sind sie so unbegreiflich wie schrecklich.

Schon allein auf Grund der Tatsache, dass „Wir müssen über Kevin reden“ seit Langem wieder ein Buch war über das ich ständig sprechen wollte, dass ich anfing zu zitieren und das mir ganz schön zu Denken gegeben hat vergebe ich 5 von 5 Leseratten.

Samstag, 22. März 2014

Rezension: Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung von Valentina D'Urbano


Ein weiterer kleiner Schatz von vorablesen. Ich hab mich zunächst etwas vor diesem Buch gedrückt, weil ich Angst hatte, es könnte zu düster sein, aber es ist einfach nur kraft- und gefühlvoll.

"Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung" von Valentina D'Urbano dtv

280 Seiten

14,90 € (Taschenbuch)

(Eine Leseprobe von vorablesen findet ihr hier.)






Beatrice hat ihren Freund Alfredo verloren. Er ist mit nur 21 Jahren in dem Elendsviertel, in dem sie zusammen aufgewachsen sind, gestorben. Man nannte sie die Zwillinge, weil sie unzertrennlich waren, wenn auch die Art der Beziehung, die sie geführt haben, ein Rätsel ist, das die Spannung des gesamten Buches ausmacht.

Beatrice erzählt ihre gemeinsame Geschichte. Von dem trinkenden, gewalttätigen Vater von Alfredo, den Schwierigkeiten im Viertel, wie es ist an einem solchen Ort aufzuwachsen, wo man für das Leben abgestempelt ist, wo die Polizei sich nicht hintraut und man sich dennoch heimisch und geborgen fühlt. Sie erzählt, wie es ist, in der Pubertät festzustellen, dass man den Jungen, der wie ein Bruder mit einem aufgewachsen ist, liebt und begehrt. Wie man jemanden hassen und gleichzeitig lieben kann.

Bereits bei der Leseprobe war ich von der Kraft und Authentizität der Sprache beeindruckt. Und jetzt, wo ich das Buch komplett gelesen habe, bin ich noch mehr beeindruckt. Denn Valentina D'Urbano hat es geschafft diesen Ton und diese Sprache das ganze Buch durchzuhalten. Man ist völlig gefangen von Beatrice und ihrer Geschichte. Ich habe das Buch fast in einem Zug gelesen.

Gleichzeitig hat mich die Tiefe der Gefühle, die sie nur durch den Subtext rübergebracht hat, sehr beeindruckt. Eigentlich streiten, schlagen, beleidigen, quälen sich Beatrice und Alfredo nur. Aber in der Art, wie Valentina D'Urbano darüber schreibt, ist die immense Leidenschaft und Tiefe der Gefühle beider Charaktere zu spüren. Bis zur letzten Seite war eigentlich nicht klar, wie genau die Beziehung der beiden aussieht. Ich war der Autorin sehr dankbar, als sie mit derselben subtilen Art diese quälende Frage auch noch beantwortet hat. Und das sie es erst dann getan hat, war gut und gerecht gegenüber dieser einmaligen Hass-Liebes-Geschichte gewesen.

Es ist ein starkes, beeindruckendes Buch. Insbesondere wenn man bedenkt, dass es ein Erstlingswerk für ein Gewinnspiel ist. Valentina D'Urbano hat ganz zurecht mit dem ersten Platz die Veröffentlichung  dieser besonderen Geschichte gewonnen.

Ich möchte dem Buch gerne vier von fünf Leseratten vergeben. So wunderbar und perfekt die Schilderungen, die Darstellung der Charaktere und ihres Gefühlslebens auch ist, es ist im Verhältnis zu anderen Werken eine kleine Geschichte, wenn auch mit so viel Kraft und Leidenschaft geschrieben.


Freitag, 13. Dezember 2013

Rezension: Ein ganzes halbes Jahr

Eine liebe Kollegin hat zu Hause ausgemistet und ich hatte das Glück mich exklusiv gleich auf dieses Buch werfen zu können, um das ich schon so lange im Laden herumgeschlichen bin. "Aber das ist ein Buch zum weinen", sagte sie zu mir. Das ist ja erst mal kein Hinderungsgrund!

"Ein ganzes halbes Jahr" von Jojo Moyes rowohlt Verlag

520 Seiten

14,99 € (Broschiert)








Will ist erfolgreich, sexy, reich, abenteuerlustig: Bis ein Motorradfahrer ihn überfährt und er ab dem Brustwirbel gelähmt ist. 

Louisa lebt in einer winzigen englischen Stadt zusammen mit ihren Eltern, ihrem Großvater, ihrer Schwester und deren kleinem Sohn in einem Haus. Die finanziellen Bedingungen zwingen sie dazu. Dann verliert sie ihren Job als Kellnerin in einem Café und ihr bescheiden eingerichtetes Leben gerät aus den Fugen. Ohne Ausbildung und allein mit dieser Berufserfahrung kann sie in der ländlichen Umgebung kaum einen Job finden.

An diesem Punkt treffen sie sich: Louisa wird vom Jobcenter zu einem Bewerbungsgespräch bei Wills Familie geschickt. Sie soll für ein halbes Jahr befristet eingestellt werden, um Will Gesellschaft zu leisten. Da die Bezahlung unwiderstehlich ist, sagt sie zu, obwohl Will offensichtlich deutlich macht, dass sie nur auf Wunsch seiner Mutter da ist.

Ab hier beginnt sich eine besondere Beziehung zwischen Will und Louisa zu entwickeln. Sie erkennt immer noch den faszinierenden Mann ihn ihm und er erweitert ihren Horizont über ihre bisher beschränkte Welt hinaus.

Endlich wieder ein Buch, das ich nicht aus der Hand legen konnte! Ich las morgens, abends, bis in die Nacht hinein und dennoch am morgen wieder weiter. Es ist spannend, witzig, intelligent und charmant. Ich liebe, liebe den Prolog. Wie Jojo Moyes es schafft in nur fünf Seiten Will als Figur vor seinem Unfall zu beschreiben und lebendig zu machen, fand ich wundervoll.

Bei aller Begeisterung: Es ist ein einfaches, nettes Buch, aber mit einer mutigen Botschaft, die gut vermittelt wird. Und deswegen musste ich auch nicht weinen zum Schluss. Na ja, vielleicht auch nur, weil es im Zug etwas peinlich gewesen wäre und weil ich das ganze nicht zu Ende denken wollte. Weil ich es einerseits verstand, aber andererseits mir genau vorstellen konnte, wie es einen zerreißen würde. Noch eine besondere Leistung von Jojo Moyes, das sie genau das schaffte.

Für alle, die schöne Liebesgeschichten, mit sympathischen Figuren mögen, die auch noch Tiefgang haben darf. Ich vergebe vier von fünf Leseratten, aber nur weil - wie treue Leser wissen und Alex immer bemeckert - die fünf für ganz besondere Bücher vorenthalten ist. Was dazu gefehlt hat? Manchmal war die Geschichte für mein Empfinden etwas klischeehaft und die Erzählung etwas seicht. Obwohl es sich genau deswegen so federleicht weglesen lies. Entscheidet selbst!


Samstag, 30. November 2013

Rezension: Liebe und andere Parasiten von James Meek

Ich bin dahin! Ja, manche Bücher schleichen sich einfach so an und bleiben dann in Herz und Kopf hängen. Da sitzen sie dann und lassen einen nicht mehr los. So ist es mir mit „Liebe und andere Parasiten“ gegangen.

„Liebe und andere Parasiten“ von James Meek
DVA Verlag
560 Seiten
22,99 € (Hardcover)









Ritchie Sheperd ist ein in die Jahre gekommener Rockstar, arbeitet mittlerweile als Fernsehproduzent und lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in einer schönen Villa. Er könnte einfach ein zufriedenes Leben führen, wäre er nicht eine Affäre mit einem jungen Mädchen aus seiner Fernsehshow eingegangen. Diese Affäre bringt Ritchie in Teufelsküche und sorgt für Verwicklungen nicht nur in seinem, sondern auch im Leben seiner Schwester Bec, einer talentierten und ehrgeizigen Biologin.
Die Geschichte von „Liebe und andere Parasiten“ zusammenzufassen ist nicht ganz einfach. Nicht, weil die Geschichte unstrukturiert oder unklar wäre, eher weil kein Teilaspekt allein das Buch passend beschreibt. Erst wer in diese facettenreiche Geschichte eintaucht, kann dem Buch auch gerecht werden. Aber da ich nicht zu viel verraten möchte, belasse ich es dabei, dass es um Malaria, Krebs, Liebe und andere Parasiten geht…
Dem Autor ist es in diesem Buch wunderbar gelungen große Fragen des Lebens perfekt in die eigentliche Handlung einzuweben. So werden das Ziel im Leben, Liebe, Geld, Moral, Treue und Verrat thematisiert. Dabei werden keine platten Klischees bedient, sondern die Probleme und Wünsche der Charaktere nachvollziehbar und ehrlich dargelegt. Bis zum Ende war ich gespannt, wie die verschiedenen Konflikte wohl gelöst werden, ob Moral oder Verrat sich durchsetzen, ob Religion oder Wissenschaft den Vorrang haben. Am Ende hat sich die Handlung einfach toll gefügt. Schön fand ich, dass auch bei den moralischen Fragen und Problemen deutlich wurde, dass es im Leben nicht immer ein klares Richtig und Falsch gibt. Die Handlung hatte dadurch etwas sehr Echtes und Wahres.
Ein Roman, der sich mit diesen zum Teil schwierigen Themen beschäftigt, könnte den Leser leicht erschlagen. „Liebe und andere Parasiten“ hat aber trotz einer Menge Denkanstöße leicht und locker gewirkt, durch eine große Portion britischen Humor hat die Geschichte nämlich vor allem immer Spaß gemacht. Das Buch hat mich ein bisschen an Irvings „wilde Geschichte vom Wassertrinker“ erinnert, aber meiner Meinung nach ist „Liebe und andere Parasiten“ noch einmal stärker. Die Charaktere und Begebenheiten sind zwar ähnlich skurril, die Handlung aber für mich viel mitreißender.
Ich könnte noch eine ganze Weile schwärmen, über den Erzählstil, die Dialoge, den Humor, die Charaktere und die vielen interessanten Themen des Buches. Für mich ist „Liebe und andere Parasiten“ ein absolutes Highlight, von daher möchte ich dieses Buch allen ans Herz legen, die ein Buch lesen möchten, das Futter für Herz und Verstand bietet und dabei einfach eine Menge Spaß macht. 5 von 5 Leseratten und ein Platz in meiner Top 20 Liste, da es eines der Bücher ist, die ich definitiv noch einmal lesen werde und das mir lange im Herzen bleiben wird.
 

Vielen Dank an den DVA Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Sonntag, 17. November 2013

Rezension: Das Verschwiegene von Linn Ullmann

Kennt ihr das? Manchmal nachdem man ein Buch schließt, weiß man einfach nicht, was man da gerade gelesen hat. So ging es mir leider mit meinem vorerst letzten Buchmesse-Fund 2013 „Das Verschwiegene“ von Linn Ullmann.

„Das Verschwiegene“ von Linn Ullmann
Luchterhand Literaturverlag
352 Seiten
19,99 € (Hardcover)









„Das Verschwiegene“ erzählt die Geschichte einer Familie, in der jeder allein mit sich selbst kämpft. Das Ehepaar Siri und Jon hat sich voneinander entfernt, Jon betrügt seine Frau und diese ist nur damit beschäftigt ihrer Mutter Jenny näher zu kommen. Jenny wiederum beginnt seit Jahren der Abstinenz wieder zu trinken und ist trotz aller Bemühungen der Tochter sehr distanziert zu ihrer Familie. Bei der Feier zum 75. Geburtstag von Jenny verschwindet dann auch noch das Au Pair Mädchen der Familie und man meint, dass sich auf dieser Familie eine schwere Last anhäuft.
Schon daran wie schwer es mir fällt, den Inhalt von „Das Verschwiegene“ zusammen zu fassen, merke ich, dass mir zu diesem Buch der Zugang fehlte. Ich hatte vermutlich eine falsche Erwartung an die Handlung. Ich glaubte, dass das verschwundene Au Pair Mädchen und die dramatische Kindheit von Siri im Zentrum der Geschichte stehen würden. Tatsächlich war die Handlung sehr reduziert, es geschah kaum etwas. Vielmehr wurden die Emotionen und Probleme der Charaktere in den Fokus der Geschichte gerückt. Auch das hätte mich begeistern können, wäre man dabei nicht immer nur an der Oberfläche geblieben. Warum hat sich Jenny so hoffnungslos in den Alkohol gestürzt und ihre Kinder von sich weg getrieben? Warum betrügt Jon seine Frau, liebt er sie offenbar doch immer noch von Herzen? Kein Mensch fühlt und handelt ohne Grund, ohne eine Geschichte die ihn zu dem machte was er ist.
Wirklich bedrückt hat mich außerdem, dass kein Charakter Trost oder auch nur eine Reaktion bei einem der Familienmitglieder oder anderswo finden konnte. Das Buch hätte mit den vielen, detailliert beschriebenen Charakteren und einem wunderschönen Schreibstil beeindrucken können. Die reduzierte Handlung hat es aber schwierig gemacht dem Lesefluss zu folgen. Die häufigen Wiederholungen bestimmter Probleme ohne für mich sichtbare Lösungen und Entwicklungen der Charaktere oder ihrer Beziehungen konnten mich einfach nicht packen. Ich hatte das Gefühl, dass im Buch eine gewisse Stagnation herrschte.
Unterm Strich kann ich dem Buch nur 2 von 5 Leseratten geben, obwohl mir die Sprache und der poetische Stil gut gefallen haben war ich am Ende enttäuscht von der Handlung und fehlenden Entwicklung der Charaktere.

Samstag, 2. November 2013

Rezension: Die unsichtbare Brücke von Julie Orringer

Neben dem Großen Los von Meike Winnemuth war dieses Buch mein literarisches Highlight dieses Jahr und es passte dazu noch zu den Reiseplänen, die ich nicht wahr gemacht, aber nicht vergessen habe und dem Hauptthema einiger Bücher, die ich dieses Jahr gekauft habe: Das Judentum.

"Die unsichtbare Brücke" von Julie Orringer Kiepenheuer&Witsch

815 Seiten

12,99 € (Paperback)








Das Buch beginnt wie eine ungehörig klingende, seichte Liebesgeschichte, die es doch so im wahren Leben niemals geben kann: Andras Lévi, ein junger Jude aus Budapest, geht 1937 nach Paris, um dort Architektur zu studieren, weil er es in seiner Heimat Ungarn aufgrund der Studentenquoten für Juden nicht kann. Er kennt die Sprache kaum und hat keinen weiteren Plan, es ist eine Reise ins Unbekannte. Doch er findet ein Zimmer und einen Mentor in einem seiner Professoren, der ihm die Sprache beibringt und Freunde. Und die Liebe: Klara Morgenstern ist Balettlehrerin mit einem Geheimnis, sie hat Ungarn aus unbekannten Gründen verlassen müssen. Eigentlich soll sich Andras in ihre Tochter verlieben, doch er interessiert sich mehr für die elegante und intelligente Claire. Er wird fast krank vor Liebe und Verlangen und es beginnt nach einer Weile beinahe schon eine amour fou. Doch das ist nicht alles: Die Weltgeschichte holt dieses ungewöhnliche Liebespaar ein. Der Zweite Weltkrieg bricht aus und Andras muss zurück nach Budapest, wo er zum Arbeitsdienst eingezogen wird.

Mehr möchte ich wirklich nicht verraten, es ist schon fast zu viel. Aber es ist wichtig zu wissen, dass dieses Buch mehr ist, als eine schnöde Liebesgeschichte mit Tücken und Hindernissen und mehr ist, als eine weitere tragische Geschichte zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges. Dieses Buch reißt einen mit und erschüttert einen bis ins Mark. Die Beschreibungen sind durchweg so lebendig und glaubwürdig, dass man den Schmerz und die Freude der Figuren am eigenen Leib spürt - ein Buch, dass einen auch wahrhaft zum Weinen bringt.

So ein intensives Zeitzeugnis habe ich bisher nur bei Hans Falladas "Jeder stirbt für sich allein" erlebt. Es beleuchtet ein anderes Kapitel dieser brutalen Zeit und lässt einen wahrhaft spüren, was es hieß, zu dieser Zeit zu leben. Darüber hinaus eröffnet es einem einen neuen Blick außerhalb der deutschen Schrecken, einen unverstellten Blick auf ein Europa, dass über Deutschland hinaus anitsemitisch war und gleichzeitig einen Blick in die jüdische Religion.

Alle Figuren und alle verschiedenen Schicksale sind sehr gut beschrieben und beleuchtet. Es gibt wirklich nichts, was man an diesem Buch kritisieren kann. Dazu kommt noch, was ich erst auf der letzten Seite erfuhr: Es ist wirklich alles wahr, es ist die Familiengeschichte der Autorin, all diese Dinge, in ihrer Schönheit, Besonderheit und ihrem Schrecken, sind wirklich passiert.

Ich möchte diesem Buch fünf von fünf Leseratten geben, weil ich finde, dass es einen unschätzbaren Wert hat und von jedem mindestens einmal gelesen werden muss. Um sich bewusst zu machen, was in Europa in diesen Jahrzehnten geschah und um zu verhindern, es je wieder geschehen zu lassen.


Samstag, 19. Oktober 2013

Rezension: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert von Joel Dicker

Nachdem ich euch schon „Shotgun Lovesongs“ vorgestellt habe möchte ich auch mein zweites Sommerhighlight noch nachträglich ins Rampenlicht schubsen „Die Wahrheit über den Fall des Harry Quebert“ von Joel Dicker. In meinem Urlaub habe ich diesen Schinken geradezu verschlungen und zwei Tage hintereinander bis spät in die Nacht gelesen.

„Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ von Joel Dicker
Piper Verlag
736 Seiten
22,99 € (Hardcover)








Die Hauptfigur des Romans Marcus Goldmann ist ein gefeierter Autor, der jedoch nach dem glänzenden Debüt in einer Schaffenskrise steckt und einfach keinen Nachfolgeroman liefern kann. Um Ruhe und Inspiration zu finden begibt er sich zu seinem ehemaligen Mentor Harry Quebert nach Aurora, einem kleinen Ort an der Ostküste der USA. Zeitgleich kommen nahezu unglaubliche Geschehnisse ins Rollen. Auf dem Grundstück von Harry wird die vergrabene Leiche von Nola, einem Mädchen das vor 33 Jahren im Ort verschwand, gefunden. Harry Quebert unterhielt damals eine Liebesbeziehung zu dem jungen Mädchen und gerät schnell zum Hauptverdächtigen. Marcus, der seinen Mentor nicht im Stich lassen will versucht aufzuklären was damals wirklich geschah. In vielen Gesprächen mit den Einwohnern des Ortes klärt er so nicht nur auf, wer Nolas Mörder war, sondern erfährt auch die Wahrheit über den Fall Harry Quebert.
Ich mag Bücher die „irgendwas mit Wahrheit“ zu tun haben, mit dem aufklären dunkler Geheimnisse und menschlicher Konflikte. Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert bietet all das. Besonders die thematische Mischung hat mir hierbei gefallen: die Suche nach dem Mörder von Nola, die Rückblenden zur Liebesbeziehung aber auch die literarischen Einschübe, nämlich Gespräche zwischen Marcus und seinem Mentor über das Schreiben eines perfekten Romans. Dazu kommen viele spannende Wendungen der Handlung und ab und zu eine Prise Humor. Für mich eine unwiderstehliche Mischung.  Ja, manchmal sind die Liebesszenen unverhältnismäßig Kitschig aber ihr Anteil war immer angenehm ausgewogen und hat mich so gar nicht gestört, im Gegenteil ich habe mich sogar davon begeistern lassen. Der Erzählstil ist angenehm, lässt sich flüssig lesen und ist dennoch nicht zu arm an genauen, stimmungsvollen Beschreibungen.
Richtig angetan haben es mir außerdem die Charaktere, die herrische Imbissbesitzerin mit ihrer einfachen Tochter und dem Mann, dem ständig der Mund verboten wird. Der Vater des verschwundenen Mädchens aber auch der Hauptprotagonist und sein Mentor. Alle Figuren haben toll zum großen Ganzen der Geschichte gepasst, konnten aber auch jeder für sich mit einer Menge kleiner Probleme oder Eigenarten überzeugen. So kam in den über 700 Seiten nie Langeweile auf, es blieb sowohl in der Haupthandlung als auch in allen Nebensträngen immer spannend.

Unterm Strich: 5 von 5 Leseratten von mir, der ein oder andere mag das Buch kritisieren weil die Wendungen nicht überraschend genug waren oder ihm der Anteil der Liebesszenen zu hoch war. Dem kann ich nicht zustimmen, mich hat die Geschichte einfach völlig überzeugt und vor allem richtig, richtig gut unterhalten!

Freitag, 11. Oktober 2013

Rezension: Das Licht zwischen den Meeren von M.L. Stedman

Ich mag es, wenn meine Bücher zur Jahreszeit passen. Im Moment hält der Herbst Einzug und hat neben strahlend goldenen Herbsttagen auch schon den einen oder anderen Regentag gebracht (so wie heute). Meine Lektüre führt mich deshalb jetzt auch langsam in stürmischere Regionen. Auch ein bisschen traurig und dramatisch darf es jetzt gern werden. Dabei kann man sich so herrlich auf dem Sofa einkuscheln und Lesen. Passend dazu habe ich mir ¨Das Licht zwischen den Meeren¨ von M.L. Stedman im Kindle Store gegönnt.

"Das Licht zwischen den Meeren" von M.L. Stedman
LIMES Verlag
448 Seiten
19,99 € (Hardcover) oder 15,99 € (Kindle Edition)










Das Licht zwischen den Meeren ist der Leuchtturm auf Janus Rock, einer winzigen Insel zwischen indischem Ozean und Nordpolarmeer. 150 Kilometer entfernt von der australischen Küste hilft der Leuchtturm Schiffen ihren sicheren Weg zum Hafen zu finden. Auf Janus lebt der Leuchtturmwärter Tom mit seiner Frau Isabel. Die beiden leben ein abgeschiedenes und doch idyllisches, glückliches Leben. Trotz allem Glück miteinander liegt bald ein dunkler Schatten über beiden. Isabell erleidet nacheinander mehrere Fehlgeburten und wünscht sich doch so sehnlichst ein Kind. Eines Tages wird dann ein Boot mit einem toten Mann und einem frierenden Säugling vor Janus an Land gespült. Isabel nimmt sich des Kindes an und überzeugt Tom den Vorfall trotz all seiner Bedenken nicht zu melden. Sie begraben den Toten und behalten das Mädchen als ihre eigene Tochter auf der kleinen Insel. Damit beginnt das größte Glück aber auch die größte Tragödie im Leben von Tom und Isabel. Die Auswirkungen dieser von Trauer und Verzweiflung getriebenen Entscheidung wird schlussendlich nicht nur das Ehepaar zu spüren bekommen.
„Das Licht zwischen den Meeren“ ist eine perfekte Herbstlektüre. Die Beschreibungen des Ozeans rund um Janus und der Stürme haben mich völlig in ihren Bann gezogen. Ich hatte das Gefühl die Seeluft förmlich zu riechen und den Sturm an meinen Fenstern rütteln zu hören. Hach! Irgendwie war dieses Buch damit für mich genau der richtige Einstieg in die kalte Jahreszeit.
Dazu passt wunderbar die melancholische Stimmung der Geschichte. Denn zwar beginnt es noch äußerst positiv mit der Liebesgeschichte zwischen Tom und Isabel, doch spitzt sich der Konflikt im Buch (ausgelöst durch das geliebte Findelkind) schnell immer deutlicher zu. Gerade der Kontrast zwischen der anfänglich so harmonischen und glücklichen Beschreibung und der späteren Tragödie hat mich an diesem Buch fasziniert. Die Beschreibung der Charaktere und ihrer Beweggründe waren dabei immer sehr authentisch und haben mich die Gewissensbisse selbst „durchzweifeln“ lassen. Besonders bewegend waren die Momente in welchen das Paar ständig zwischen dem neu erworbenen Familienglück und ihren nagenden Zweifeln schwankte.

Insgesamt möchte ich für „Das Licht zwischen den Meeren“ 4 von 5 Leseratten vergeben. Das Buch hat mich sehr berührt und die Thematik ist gut umgesetzt. Leider hat mich die Auflösung der Tragödie nach dem tollen Start nicht vollends überzeugen können. Das Ende wirkte etwas schnell „vorgesetzt“ und nicht so schön entwickelt wie der Rest der Geschichte. Trotz dieses kleinen Wermutstropfens ist "Das Licht zwischen den Meeren" ein tolles, gefühlvolles Buch welches vor allem durch seine Stimmung überzeugen kann (und mir sogar ein kleines Tränchen entlockt hat).

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Rezension: Sehnsucht nach Mill River von Darcie Chan

Über Vorablesen hat mich vor Kurzem „Sehnsucht nach Mill River“ von Darcie Chan erreicht. 


"Sehnsucht nach Mill River" von Darcie Chan
400 Seiten
16,99 € (Hardcover)
(eine Leseprobe von Vorablesen findet ihr hier)










In „Sehnsucht nach Mill River“ wird die Geschichte der alten Dame Mary McAllister erzählt. Mary lebt allein und krank in ihrem großen Haus, auf einem Hügel über dem Örtchen Mill River. Der Krebs hat sie deutlich geschwächt und sie möchte ihrem Leben ein Ende setzen, solange sie noch selbst die Möglichkeit dazu hat. Marys Leben war von einem tragischen Ereignis in ihrer Jugend und ihrer grausamen Ehe überschattet. Durch diese Geschehnisse hat sich bei ihr eine ausgeprägte Sozialphobie entwickelt, welche sie zur Gefangenen ihrer Ängste machte. Sie war nicht in der Lage ihr Haus zu verlassen und fremden Menschen zu begegnen. Über ihren einzigen Freund, den Pfarrer des Ortes, nahm Mary Anteil am Leben der Menschen in Mill River und möchte nach ihrem Tod einiges verändern.
Die Geschichte wird erzählt in der Gegenwart kurz nach Marys Tod sowie in Rückblenden auf Marys Leben. Ich hatte das Gefühl, dass die gesamte Handlung sich nur auf einige wenige Ereignisse beschränkt und man an vielen Stellen zu wenig über Mary erfährt. Schade war hierbei vor allem, dass das groß angedeutete Geheimnis um Marys Leben nicht im Laufe der Handlung schrittweise enthüllt wird, sondern im Verlauf des Buches kaum Beachtung findet und erst am Ende plötzlich gelüftet wird (richtig überraschend war es leider trotzdem nicht).
Ich war sehr berührt von der Traurigkeit und Einsamkeit im Leben der alten Dame. Auch die Gefühle der übrigen Charaktere konnte die Autorin gut transportieren. Insgesamt hat jedoch für mich immer etwas gefehlt, das Buch hat mich nicht begeistern können. Zwar bemüht sich die Autorin durch viele individuelle Nebencharaktere und einige Nebenhandlungen Leben in das Buch zu bringen, die Geschichte wirkt dennoch unvollständig.
Mir haben das Thema und die Grundstimmung des Buches gefallen, ich konnte Marys isolierte Situation gut nachvollziehen und finde ihre Sehnsucht nach Mill River nur zu verständlich. Auch die Botschaft sich mit Respekt und Hilfsbereitschaft zu begegnen und Andersartige nicht auszugrenzen wurde liebevoll herausgearbeitet.

Leider ist das Buch insgesamt betrachtet zu wenig mitreißend und wird mir sicherlich nicht lang in Erinnerung bleiben. Die angedeuteten dunklen Geheimnisse wirkten aufgesetzt und haben sich schließlich verflüchtigt. Ich kann dem Buch nur 3 von 5 Leseratten geben. Es war eine angenehme Lektüre in einem leichten Schreibstil und hatte viele gute Ansätze, leider konnte es mich aber nicht begeistern und die Geschichte war sehr unausgereift.



Vielen Dank an Vorablesen und den Marion Schröder Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!