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Samstag, 2. August 2014

Rezension: Das Gedankenexperiment von Jonas Winner

Gestern gabs das LeseExperiment für den August, heute ein Buch, dass sich mit Experimenten anderer Art beschäftigt. Ein echter Spontankauf, der sich überraschend zu einem wahren Pageturner entpuppt hat. Eigentlich wollte ich damals ganz gezielt ein Buch kaufen und schnell wieder aus dem Buchladen raus (Büchernarrengelächter aus dem Off) als mich "Das Gedankenexperiment" so neckisch von der Seite anlachte. Da ich so herzlos nicht sein konnte, habe ich es gekauft. Und was soll ich sagen? Manchmal sind spontane Entscheidungen einfach die Besten! Ein Aufruf zu weiteren LeseExperimenten ;-).

„Das Gedankenexperiment“ von Jonas Winner
400 Seiten
19,99 € (Hardcover)









Der junge Philosoph Karl Borchert hat lange Zeit auf eine eigene Experimentenreihe hingearbeitet und möchte dafür ein Stipendium an seiner Uni erhalten. Obwohl das Experiment als vielversprechend gehandelt wurde, scheitert sein Stipendienantrag und Karl muss sich einer neuen Tätigkeit widmen. Da wird ihm angeboten den Vorlass (Nachlass vor dem Ableben) des berühmten Professor Leonard Habich zu ordnen. Da sich Karl davon auch für seine philosophische Karriere neue Anreize erhofft, sagt er zu und reist auf das Anwesen des Professors. Dort begegnen ihm allerdings nicht nur wissenschaftliche Arbeiten, sondern auch seltsame Erscheinungen.

„Das Gedankenexperiment“ ist ein philosophischer Krimi, der eine spannende Handlung mit einer Menge wissenschaftlicher und philosophischer Themen verknüpft und dadurch eine ganz besondere Sogwirkung entfaltet. Diese Mischung aus spannender Handlung und philosophischen bzw. wissenschaftlichen Einschüben hat mich an Klassiker wie Mary Shelleys „Frankenstein“ erinnert und mir deshalb besonders gut gefallen. Manche der beschriebenen Theorien sind schon weit verbreitet (z.B. „das Ziegenproblem“), andere Abschnitte waren (zumindest mir) neu und gehen etwas tiefer als die allgemein gebräuchliche Westentaschenpsychologie. Durch diese Tiefe wirkte das Buch sehr überzeugend und besonders authentisch.
Neben der offenkundig guten Recherche, die hinter diesem Buch steckt, hat mich die Entwicklung der Charaktere besonders überzeugt. Fast drängt sich auf, dass die Beschäftigung mit dieser Thematik zu einem gewissen Wahn führen muss, denn sowohl Karl Borchert als auch der Professor verlieren sich zunehmend in ihren Theorien. Beide kämpfen mehr und mehr mit Wahnvorstellungen, hervorgerufen durch das stringente fortdenken des Gedankenexperiments. Die durchgehende Entwicklung der Protagonisten trägt hauptsächlich zur Spannung des Buches bei.
Auf dem Anwesen des Professors begegnet Karl Borchert auch einigen unerklärlichen Erscheinungen, das Buch erhält dadurch einige Spannung, wenn nicht gar Horror. Für meinen Geschmack waren diese Effekte für das Vorantreiben der Handlung nicht wirklich nötig und haben mich eher gestört. Nicht schön war außerdem, dass neben den ganzen gut recherchierten Theorien und "Gedankenexperimenten" einige Thesen so krude und verrückt konstruiert wirken, dass die Glaubwürdigkeit manchmal ein bisschen leidet. Diese kleinen Kritikpunkte lassen sich aber neben der durchgehend spannenden Handlung, dem angenehm detaillierten Schreibstil und den interessanten Charakteren gut verschmerzen.
Für mich war das Buch eine tolle Abwechslung, Krimi und Thriller können mich im Moment nur wenig begeistern, auf Spannung hatte ich trotzdem unbändige Lust. Dafür ist „Das Gedankenexperiment“ toll geeignet. Ich vergebe 4 von 5 Leseratten für einen sehr guten philosophischen Krimi, der mich toll unterhalten hat.


Das Buch in einem Tweet: "Das Gedankenexperiment" ist ein philsophischer Krimi der Spannung bietet und unterhält. Nicht immer ganz realistisch aber immer fesselnd.

Freitag, 31. Januar 2014

Rezension: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

Dieses Buch war eine echte Challenge: Aufmerksamen Beobachter(inne)n ist nicht entgangen, dass es den ganzen Monat unter "Im Moment" stand. Das lag zum einen an der Seitenzahl, zum anderen an außerbloggigem Stress und zum wiederum anderen an einem schlechten Start in die Geschichte.


"Die unwahrscheinliche Pilgerreise von Harold Fry" von Rachel Joyce Fischer Verlage

378 Seiten

9,99 € (Taschenbuch)







Harold Fry ist vor Kurzem in Rente gegangen, nachdem er fünfundvierzig Jahre lang für dieselbe Firma gearbeitet hat. Seine Ehe dauert bereits noch länger an und seine Frau scheint sich nur um die Sauberkeit und Ordnung des Hauses zu kümmern, während sie ihren Sohn mehr schätzt als ihren Mann.

In diese verfahrene Vorstadtsituation platzt ein Brief einer alten Kollegin von Harold. Sie liegt in einem Hospiz im Sterben und möchte sich von ihm damit verabschieden. Harold verfasst einen kurzen Antwortbrief und macht sich auf den Weg zum Briefkasten. Unsicher lässt er einen Briefkasten nach dem anderen liegen, weil er das Gefühl hat, es wäre nicht genug. Bis er entscheidet, er wird quer durch Großbrittanien laufen, um seine Kollegin durch diesen Akt der Willensstärke vor dem Tod zu retten. Auf diese Idee hatte ihn eine junge Frau an einer Tankstelle gebracht. Hier beginnt Harolds Reise zur Grenze Schottlands und zu seiner Vergangenheit. Denn beim Laufen ist man mit seinen Gedanken allein.

Es hat sehr lange gebraucht, bis ich an dem Buch etwas besonderes finde konnte. Harold läuft und erinnert sich. Seine Erinnerungen sind jedoch stets nur Andeutungen und scheinen im Widerspruch zu den Beschreibungen seiner Frau zu stehen, deren Erleben parallel zu seiner Reise beschrieben werden. Es war etwas ermüdend und für mich ohne weitere Highlights.

Beim ersten Bruch in seiner Reise erfasste mich jedoch eine gewisse Begeisterung: Seine mentale Entwicklung schien im Einklang mit dem Geschehen zu stehen. Eine für mich eher klassische Technik in der Literatur, die ich aber sehr gut umgesetzt fand. Dadurch bekam die Geschichte etwas an Dynamik, während ich weiter ungeduldig darauf wartete, endlich die Wahrheit über Harolds Vergangenheit herauszufinden.

Die kam auch irgendwann - plötzlich, direkt, ohne Vorwarnung. Wenn auch nicht überraschend. Da es der einzige Spannungsbogen im Buch war, war es mir leider etwas zu wenig. Die Entwicklung von Harold fand ich gut, wenn auch nicht immer nachvollziehbar und etwas mystisch. Wer läuft auch einfach so los?

Seine Frau Maureen fand ich besser - das konnte ich nachempfinden und fand es realistisch. Insgesamt gefiel mir auch die Kernbotschaft (nach meiner Interpretation): Wer aus seinen Gewohnheiten ausbricht, hat die Chance sich mit sich und seinem Leben auseinander zu setzen und dabei glücklicher zu werden. Wir dämpfen viele Gedanken und Gefühle in der Geschäftigkeit des Alltags, die nicht gedämpft sondern gedacht und gefühlt werden sollten.

Insgesamt fand ich das Buch dennoch - für mich ganz persönlich - nett. Nach einigem Abwegen und hier und her überlegen, habe ich mich dennoch für vier von fünf Leseratten entschieden. Wegen der wunderbaren Einheit von Inhalt und Botschaft.