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Samstag, 30. August 2014

Rezension: Das Dorf der Mörder von Elisabeth Herrmann

Nach meinem letzten Problem mit Skoobe „einfach wild drauflos lesen“ habe ich diesmal gezielt nach einem Wunschlistenbuch gesucht und hatte Glück! „Das Dorf der Mörder“ hat mich im Urlaub begleitet und bildete trotz der anhaltenden Thriller- und Krimimüdigkeit wiedermal einen schönen Höhepunkt.

„Das Dorf der Mörder“ von Elisabeth Herrmann
480 Seiten
19,99 € (Hardcover)









Im Berliner Tierpark werden die Besucher von einem furchtbaren Anblick geschockt: im Gehege der Pekaris (quasi brasilianische Wildschweine) wird eine menschliche Leiche von den wütenden Tieren zerfetzt. Mitten im Trubel erreicht die Streifenpolizistin Sanela Beara den Ort des Geschehens. Statt nur die Situation zu sichern, wird sie von dem Fall unglaublich angezogen und ermittelt weit über ihre Kompetenzen hinaus. Dabei lässt sie nicht locker obwohl schnell eine Verdächtige ausgemacht wird.

Nicht nur die Ermittlungen von Sanela Beara sondern auch die psychologische Arbeit zweier Gutachter mit der Verdächtigen machen den Hauptteil des Buches aus. Dabei gehen die Psychologen von der bewiesenen Tat aus, während die junge Streifenpolizistin immerwährend nach weiteren Möglichkeiten forscht. Auch die Kapitel werden aus diesen wechselnden Perspektiven erzählt und halten so die Handlung immer spannend. Denn natürlich wird die Perspektive immer genau dann gewechselt, wenn gerade eine spannende Entdeckung bevorsteht. Das ist gemein, macht aber unglaublich süchtig. Vor allem da die Kapitel angenehm kurz, aber nicht zu knapp sind, entsteht ganz schnell dieser „nur noch ein Kapitel“-Sog. Ihr kennt das.
Die Mordmethode in diesem Krimi ist ungewöhnlich, ziemlich blutig und steht zur angenehmen Abwechslung nicht im Zentrum des Buches. Es gibt keine langen, grausamen Beschreibungen sondern zwar einige brutale Szenen, aber eine recht sachliche Darstellung der Geschehnisse. Dadurch wirkt das ganze auf mich deutlich authentischer als diese Aufmerksamkeit-heischenden Krimis und Thriller, von denen mein Opa sagen würde „die musst du gerade halten, sonst tropft das Blut raus!“.
Von der Streifenpolizisten, über den Psychologen bis hin zur Verdächtigen Charlotte Rubin sind außerdem alle Charaktere interessant beschrieben, haben nachvollziehbare Stärken und Schwächen und geben trotzdem nicht alle Geheimnisse sofort preis. Eine angenehme Mischung.
Besonders angetan hat  es mir die düstere Symbolik innerhalb der Geschichte. Schnell kommen die Erinnerungen der Verdächtigen an ihre Kindheit in einem einsamen brandenburgischen Dorf ins Zentrum der Ermittlungen. Die Bilder dieser Abschnitte sind deutlich und düster: bellende Hunde, Blut, Schweine, ein verfallener Hof. Es ergeben sich verschiedene Verbindungen durch diese Symbole und alles zusammen bildet eine spannende Atmosphäre. Der Schreibstil ist passend dazu bildreich und kurzweilig, trägt die Atmosphäre schön weiter und greift die Symbolik auf.
Negativ aufgefallen sind mir lediglich einige Ungereimtheiten beim Verhalten der Protagonisten. Zwar war ihre Motivation immer klar, ab und zu wirkte ihr Verhalten aber einfach konstruiert und etwas unglaubwürdig. Vor allem die junge Ermittlerin hätte wohl eine andere Position innehaben müssen, um so zu agieren.
Insgesamt vergebe ich 4 von 5 wirklich zufriedenen Leseratten. Von der beklemmenden Atmosphäre und tollen Spannung möchte ich sofort MEHR. Ich habe mir auf Skoobe also gleich ihre übrigen Bücher vorgemerkt.


Das Buch in einem Tweet: Ein angenehm strukturierter, spannender und düsterer Krimi mit leichten Schwächen. "Das Dorf der Mörder" hat mich trotzdem begeistert.

Mittwoch, 12. März 2014

Rezension: Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar von Louise Welsh

„Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar“ ist eines dieser Bücher, dessen Titel mich sofort angesprochen und neugierig gemacht hat. Das musste ich einfach lesen.
Ich selbst wohne in Frankfurt, in einem recht großen Wohngebiet. Obwohl es hier zum Teil sehr anonym zugeht kennt man doch mit der Zeit seine Nachbarn und hat Lieblingsnachbarn (Hallo Kathi, Hallo Martin!) und welche, bei deren seltsamen Verhalten man vielleicht sogar ins Grübeln kommt. Im Buch von Louise Welsh dreht sich alles um ein Berliner Wohnhaus und seine seltsamen Mieter.

„Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar“ von Louise Welsh
288 Seiten
19,95 € (Sondereinband)








Jane zieht zu ihrer Partnerin Petra nach Berlin. Die gebürtige Schottin ist schwanger und möchte gemeinsam mit der Frau ihrer Träume in Berlin ein neues Leben anfangen. Was für Jane so verheißungsvoll begann wird bald zu einer frustrierenden Zeit. Petra ist eingespannt in ihre Arbeit, die Stadt und Sprache sind Jane fremd und sie findet kaum Anschluss. In dieser schwierigen Phase beginnt sie zu beobachten, dass ein junges Mädchen in ihrem Haus sich seltsam verhält. Jane vermutet, dass ihr Nachbar seine Tochter missbraucht. Bald beobachtet sie immer unheimlicheres Geschehen in diesem seltsamen Wohnhaus.

Mir ist bisher noch kein Buch begegnet, das sich so perfekt mit dem alltäglichen Horror und dem Grusel der Vorstellungskraft beschäftigt. Janes Beobachtungen und Gefühle werden in einer knappen und trotzdem ungemein bildreichen Sprache beschrieben. Die Situationen kommen mir nur allzu bekannt vor. Jeder kennt wohl Tage an denen er auf dem Heimweg auf einer dunklen Straße in jedem Schatten ein Monster und in jedem Geräusch die Schritte eines Unbekannten erkennt. In Louise Welshs Buch ist diese Stimmung perfekt eingefangen. Die Schilderungen scheinen fließend zwischen Realität und überhöhten Phantasien zu wechseln. Ich habe genauso an Janes Wahrnehmung gezweifelt wie die Protagonistin selbst. Später fühlt man die starke Einsamkeit, die Jane empfinden muss, als sie merkt, dass keiner ihr Glauben schenkt quasi am eigenen Leib. Fühlt sich vom düsteren Haus im Hinterhof genauso beobachtet und leidet mit der Protagonistin.

Wer Alfred Hitchcocks Film „Fenster zum Hof“ mag liegt mit „Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar“ genau richtig. Bei beiden handelt es sich um spannende „Kriminalgeschichten“ mit einem reduzierten Personenkreis und engen Handlungsgebiet, die nur durch ihre erzählerische Qualität „funktionieren“. Ich persönlich genieße diese Erzählkunst sehr und (das habt ihr sicher schon gemerkt) mag die Art von Büchern, die ohne Effekthascherei auskommen und dennoch Spannung und Horror bieten.

Ich habe wirklich lang überlegt, was mich an „Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar“ gestört hat, gefunden habe ich nichts. Ich wollte das Buch ungern beenden weil ich die Stimmung so besonders fand, es sich so flüssig lesen lies und auch die Charaktere allesamt äußerst ungewöhnlich waren. Für die Thematik hat das Buch aber wiederum die genau richtige Länge. Und wer würde schon wollen, dass eine Geschichte nur um ihrer selbst willen aufgebläht wird?
Ja, ihr ahnt es... 5 von 5 Leseratten für „Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar“ weil es ein stilles, kraftvolles Buch ist, das mich gefesselt hat.

Sonntag, 26. Januar 2014

Rezension: Und Gott sprach: wir müssen reden! von Hans Rath

Nicht nur, weil es mein 1. Challengebuch für dieses Jahr war, auch weil ich schon so unheimlich gespannt war, habe ich „Und Gott sprach: Wir müssen reden!“ unter meinem SUB hervorgezogen und direkt losgelegt. Weil es so toll geschrieben, so witzig und schön war, konnte ich es dann nicht mehr weglegen und hab es ganz schnell verschlungen. Während Susi noch mit Harold Fry pilgert, kann ich euch heute schonmal unser erstes Challengebuch vorstellen.


„Und Gott sprach: Wir müssen reden!“ von Hans Rath
Rororo Verlag
272 Seiten
8,99 € (Taschenbuch)









Jakob ist ein erfolgloser Psychotherapeut. Nach und nach sind ihm seine Patienten weggelaufen, der neue Mann seiner Exfrau bricht ihm aus Eifersucht die Nase und dann, völlig am Boden, trifft er im Krankenhaus auf Gott. Also besser, auf Abel Baumann, der sich für Gott hält und Jakob um eine Gesprächstherapie bittet. Da Jakob knapp bei Kasse ist und auch irgendwie nichts Besseres vor hat, willigt er ein.
Die Story klingt vielleicht ein bisschen platt und nach reinem Klamauk, aber Hans Rath schafft in „Und Gott sprach: Wir müssen reden!“ einen unglaublichen Spagat. Das Buch ist herrlich komisch und bringt einen immer wieder zum Lachen. Später dann stachelt es einen still und heimlich dazu an, über „Gott und die Welt“ nachzudenken. Einfach so, ohne lange philosophische Abhandlungen, einfach durch die simple Gesprächstherapie mit einem Menschen, der sich für Gott hält… oder es vielleicht ist?
Jakobs Gespräche mit Abel sind locker und leicht geschrieben, ohne große Hintergrundinformationen zu Religion oder Glauben und dennoch haben sie mich berührt. Natürlich gibt es bessere Bücher, um etwas über die Weltreligionen zu erfahren, aber dieses Buch spricht den Leser auch auf einer ganz anderen, viel privateren Ebene an. Und (vielleicht bin ich da auch einfach zu empfänglich) es hat mich wirklich traurig gemacht zu erfahren, wie Gott langsam aber sicher die Puste ausgeht, weil niemand mehr an ihn glaubt, keiner mehr in ihn vertraut und keiner Verständnis hat für sein Dilemma. „Wenn es einen Gott gäbe, dann würde er xy nicht zulassen!“ ist ein oft gehörter Spruch in Diskussionen zum Thema Glaube. In „Und Gott sprach: Wir müssen reden!“ klagt nun Gott einmal sein Leid, von einer Menschheit die ihm außer Kontrolle geraten ist.
Ich möchte nicht zu viel verraten, aber mir haben die Ansätze in diesem Buch zu denken gegeben und mich beschäftigt, ganz ohne dass die Moralkeule geschwungen wurde. Am Ende war ich traurig, dass es so schnell vorbei war, es gab noch so viele Themen, über die ich Gott gerne sprechen gehört hätte.

Da mich die Idee begeistert hat, das Buch wirklich witzig ist (Gott im Haus wäre unheimlich praktisch, denn neben Wasser und Wein kann er prima Kaffee machen) und die Geschichte so warmherzig war, möchte ich 5 von 5 Leseratten verteilen.


Und wer nach der erfolgreichen Gesprächstherapie noch ein paar Informationen über die Religionen sammeln möchte, kann direkt mit „Theos Reise“ von Catherine Clement weitermachen.

Mittwoch, 8. Januar 2014

Angehört: Wäre ich du, würde ich mich lieben von Horst Evers

Ich liebe Horst Evers! Bisher habe ich jedes Hörbuch und Buch von ihm verschlungen und kann einige Texte förmlich mitsprechen. Wenn ich mal wieder Probleme mit dem Drucker habe schaue ich mir dieses Video hier an und auch sonst hat Horst Evers schon viel für mich und meine Freunde getan. Zum Beispiel hat er uns die „Horst Evers Methode zum Tragen schwerer Gegenstände“ (wie Küchenarbeitsplatten) gelehrt. (Anm. d. Redaktion: Leider funktioniert diese Methode nur, wenn ein ambitionierter Dieb in der Nähe ist.)

"Wäre ich du, würde ich mich lieben" von Horst Evers
Argon Hörbuchverlag
5 Stunden, 28 Minuten
16,99 € 







„Wäre ich du, würde ich mich lieben“ ist auch diesmal wieder ein Feuerwerk skurriler Ideen. 
Es geht um das Alter, echten Berliner Bubble Tea mit Buletten, Campingausflüge bei Windstärke 8, Wurstbrote per Mail, Salami per Post (man sieht, Horst Evers hat eine enge Beziehung zu Wurstwaren), Rückenschäden beim Umzug, das Konzept Berge, schlimme Grippe und modernes Theater.
Ein Hörbuch, das themenmäßig eine ganze Reihe anderer Bücher oder Hörbücher ersetzen kann.
Natürlich bin ich ein bisschen voreingenommen, aber ich habe das Hörbuch von der Ersten bis zur Letzten CD einfach genossen. Der besondere Alltags-Humor von Horst Evers, zusammen mit seinen tollen Formulierungen und der witzigen Erzählweise haben das Hörbuch für mich zu einem riesen Spaß gemacht. Es muss ein seltsamer Anblick für meinen Mann gewesen sein, wie ich die letzten Abende seltsam kichernd oder unwillkürlich losprustend vor Lachen auf dem Sofa gelegen habe.

„Wäre ich du, würde ich mich lieben“ erzählt keine einzelne große Geschichte, sondern besteht aus vielen kleinen Episoden und Begebenheiten, welche Mal mehr, Mal weniger thematisch zusammenhängen. Allen Geschichten ist gemein, dass Horst immer irgendwie vom Pech verfolgt und vom Schicksal gebeutelt scheint, dabei die Welt aber äußerst schön analysiert und fast schon poetische Schlüsse zieht. Auch seine Gedankenspiele und „Erfindungen“ wie z.B. der „Ich-hör-gar-nicht-mehr-zu-Sack“ sind einfach zum Schreien komisch.

Ich möchte gar nicht viel mehr verraten, möchte aber Horst Evers dringend allen ans Herz legen, die einen Hang zu Ironie und Sarkasmus, skurrilen Ideen und kleinen Geschichten haben.
Horst Evers macht süchtig, wer noch nichts von ihm kennt sollte auch noch in „Die Welt ist nicht immer Freitag“ reinhören, am besten gemeinsam mit eurem Glücksbrötchen!

Natürlich gibt es von mir 5 von 5 kichernden Leseratten für Horsts neues Buch!



Noch ein kleines philosopisches Video von Horst Evers von euch aus dem Programm "Schwitzen ist, wenn Muskeln weinen"

Mittwoch, 13. November 2013

Rezension: Jeder stirbt für sich allein von Hans Fallada

Vor etwa zwei Jahren las ich die Biografie von Hans Fallada "Mehr Leben als eins" von Jenny Williams. Auch ein sehr gutes, beeindruckendes Buch. Es war unter anderem deswegen so interessant, weil es kurze Buchbesprechungen aller Romane von Hans Fallada enthält und so machte es mich neugierig auf "Jeder stirbt für sich allein", das vor einigen Jahren vor allem in den USA eine Renaissance erlebt hatte.


"Jeder stirbt für sich allein" von Hans Fallada Aufbau-Verlag

704 Seiten

12,99 € (Taschenbuch)

(Ich bin ehrlich: Ich selbst besitze es nicht, sondern habe es mir damals von meinen Eltern als Hardcover ausgeliehen.)




Das Buch erzählt die wahre Geschichte des Ehepaares Otto und Anna Quangel (eigentlich Hampel), das 1940 beginnt Postkarten mit Antinazi-Parolen in Berlin zu verteilen, um damit Widerstand gegen das Regime zu üben, in der Hoffnung, dass es anderen die Augen öffnet und es den Krieg beendet.

Doch das Buch besteht aus vielen weiteren kleinen Geschichten und ebenso vielen Figuren und Charakteren. Damit zeichnet es ein umfassendes Bild des alltäglichen Lebens zur damaligen Zeit. Ob Trudel Hergesell, die Verlobte des im Krieg gefallenen Quangel Sohnes, die in einer kommunistischen Widerstandszelle aktiv ist, diesen Widerstand aber aufgibt, als es um ihr Leben, das ihres Mannes und ungeborenen Kindes geht. Oder der Kommissar Escherich von der Gestapo, der auf der Suche nach dem Postkartenverteiler die Methoden der Nazis am eigenen Leib zu spüren bekommt, weil er anderen Mitgliedern der Gestapo zu überheblich erscheint.

Es gibt noch etliche Figuren mehr: Nazitreue, stille Mitläufer, Widerständler, kleine Kriminelle, Intellektuelle, aber vor allem ganz normale Menschen. Der Terror, die Willkür und die ständige Angst, die damals zum Alltag gehörten, werden mit Händen greifbar. Es macht einen ehrfürchtig und begreiflich, wie schwierig es war, Widerstand zu leisten und ist gleichzeitig eine Ehrung für alle, die irgendwie und wenn auch nur im Kleinen Widerstand geleistet haben.

Das Buch fesselt einen mit seinen vielen Schicksalen und Geschichten, wird dabei jedoch niemals unübersichtlich. Es ist keine schwere Kost, trotz des ernstes Themas, es ist ebenso wie das Leben in jeder schweren Stunde immer noch gelegentlich amüsant, spannend und liebenswert. Es lässt einen nicht wieder los, wenn es auch manchmal schwierig war, wieder zum Buch zu greifen, weil es einen mit so lebendigen Worten und Bildern in diese Zeit bringt, in der keiner von uns hätte leben wollen.

Es ist für mich ebenso wie "Die Unsichtbare Brücke" von Julie Orringer eine Pflichtliteratur. Ich habe sehr viel über die NS-Zeit gelesen, gesehen, gesprochen, nachgedacht, debatiert Doch nichts hat mir so wie dieses Buch vor Augen geführt, was diese dunkelste Stunde der Geschichte wirklich für den Einzelnen bedeutete. Deswegen gibt es von mir voller Ehrfurcht vor diesem Werk fünf von fünf Ratten und einen Platz auf der Liste meiner Lieblingswerke.