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Samstag, 19. Juli 2014

Rezension: Das Mädchen mit den blauen Augen von Michel Bussi

Trotz des tollen Wetters hänge ich immer noch ziemlich in den Seilen und verbringe den Tag mit Erkältungstrank und Paracetamol. Deswegen gibt es heute eine Rezension "aus der Retorte" für euch, ein Buch dass ich erst lange beobachtet habe und dessen Rezension jetzt schon ein Weilchen auf die Veröffentlichung wartet. Entdeckt habe ich es auf dem Stand des Aufbau Verlags zur Leipziger Buchmesse. Unzählige tolle Bücher haben mich dort (und später auf der Website des Verlags) angesprungen und sind direkt auf dem Wunschzettel gelandet. Einige habe ich schon gelesen, dann war endlich „Das Mädchen mit den blauen Augen“ an der Reihe.

„Das Mädchen mit den blauen Augen“ von Michel Bussi
416 Seiten
14,99 € (Klappbroschur)








Ein Flugzeugabsturz im Jura-Gebirge. Alle Passagiere sterben, einzig ein kleines Baby überlebt den Absturz. Die tragische Ironie des Schicksals: die Passagierliste verzeichnet zwei Säuglinge. Beides Mädchen, beide fast exakt gleich alt. Die große Frage ist nun, ob Emilie Vitral oder Lyse-Rose Carville dem Tod entkommen ist. Das verzweifelte ringen der Familien um das Baby beginnt und findet erst 18 Jahre später seinen tragischen Abschluss.

„Das Mädchen mit den blauen Augen“ war eine absolute Überraschung für mich, denn es war mal wieder ein Buch, das ich nicht aus der Hand legen konnte. Trotz seines nicht ganz geringen Umfanges habe ich es an zwei Abenden beendet. Irgendwann übermannt mich normalerweise immer die Müdigkeit und ich schlafe mit meinem Buch ein, bei diesem habe ich bis spät in die Nacht gelesen, um das Ende noch zu erfahren. Ich finde, eigentlich sagt das alles Wichtige aus.

Aber um nochmal ein bisschen auszuholen…

Bei diesem Buch stimmt einfach alles. Der Erzählstil ist wunderbar bildreich und gibt die Stimmung der Handlung toll wieder. Von der ersten Seite mit dem tragischen Flugzeugabsturz über dem Jura, bis zu Lylies verzweifelter Suche nach der Wahrheit war die Handlung fast filmisch beschrieben und wirkte trotzdem authentisch, ohne große Effekthascherei. Der Aufbau des Romans fügt sich dazu sehr schön. Die Handlung wird wechselweise aus den Aufzeichnungen des Privatdetektivs der Familie Carville mit Berichten aus der Vergangenheit und den Geschehnissen um den 18. Geburtstag des Mädchens erzählt.
Dazu kommt, dass die Handlung extrem gut konstruiert ist. Die Geschichte wurde perfekt mit der Zeit und dem Ort der Handlung verknüpft. So bleibt das Geschehen zwar durchgehend unwahrscheinlich, aber immer in sich logisch. Selbst die Entwicklung von technischen und medizinischen Möglichkeiten wurde bedacht und für einen spannenden Teil der Handlung verwendet.
Ich habe permanent mit gerätselt in welche Familie das Kind wohl gehören wird und nach verräterischen Anzeichen gesucht, wie sich all die Widersprüche auflösen lassen. Diese Art von „mitfiebern“ habe ich länger nicht mehr erlebt und hatte meine helle Freude daran.
Wem das alles nicht reicht für den bietet das Buch noch eine Menge menschlicher Dramen, Liebe und Konflikte. Die Handlung war dadurch nicht nur platt auf das Rätsel um die Identität des Kindes gerichtet, sondern hat auch alle beteiligten Personen toll einbezogen.

Da ich nichts zu meckern habe mach ich es ganz einfach: 5 von 5 Leseratten für dieses tolle Buch.


Das Buch in einem Tweet: Ein spannender, mitreißender Identitätssuche-Roman für Hobby-"Miss Marples" und "Hercule Poirot"-Azubis.

Freitag, 23. Mai 2014

Rezension: Ich koch dich tot von Ellen Berg

Ich habe angekündigt, dass ich mich in diesem Jahr auch mal öfter an neuen Genres probieren möchte. Mein Versuch im Bereich Fantasy war nicht sonderlich erfolgreich, bessere Tipps von euch habe ich schon auf meiner Liste und werde dort noch einen nächsten Versuch wagen.
Heute möchte ich euch von einem eigentlich klassischen „Frauenroman“ erzählen. In diese Richtung lese ich verdammt selten, weil mich die Themen häufig einfach nicht ansprechen. Auf dieses Buch bin ich aber auf der Leipziger Buchmesse aufmerksam geworden, der morbide Humor ist schon eher meins als rosa Kitschwölckchen und Shoppingtrips! Und es ist mal wieder ein Buch, das meine Mama und mich sofort gleichermaßen interessiert hat.

„Ich koch ich tot“ von Ellen Berg
Aufbau Taschenbuch Verlag
315 Seiten
9,99 € (Taschenbuch)








Vivi ist zwar erst Anfang 30, der Ehe mit ihrem Mann Werner ist aber schon deutlich die Luft ausgegangen. Als Werner beim Abendessen plötzlich vornüber ins Gulasch kippt, ändert sich für Vivi alles. Werners Ableben war zwar eigentlich ein Unfall, doch Vivi merkt dass eine gesunde Portion Rattengift so manches Problem lösen kann. Sie baut sich ein neues Leben ohne Werner auf und überwindet dabei auch so manches männliche Hindernis.

„Ich koch dich tot“ ist ein Buch das Spaß macht. Die Szene direkt zu Beginn des Buches ist super gewählt und irgendwie geht die Geschichte damit so skurril und spritzig los, dass man gleich mitten in der Geschichte steckt.
Vivi ist als Charakter sehr sympathisch, obwohl ich irgendwie irritiert war, als sie so jung und hübsch beschrieben wurde. Die Ehe mit ihrem Werner wurde so grau und eintönig dargestellt, dass ich es mir eher für ein deutlich älteres Paar vorstellen konnte. Auch das Cover hatte bei mir den Eindruck vermittelt, es würde durch den Tod des Gatten der „zweite Frühling“ einer nicht mehr ganz jungen Frau eingeläutet. Ich weiß nicht warum, aber für mich hätte das auch deutlich besser zur Handlung gepasst, als das Setting mit der jungen und attraktiven Vivi. Trotzdem hat die Geschichte am Ende Spaß gemacht  und spricht durch die Charaktere vielleicht sogar noch mehr Leser an, als es die Geschichte „Ü60“ getan hätte.

Eigentlich hat mir der Humor des Buches gut gefallen, es steckt viel Situationskomik und morbide Scherze darin, abgerundet durch die tolle Kombination seltsamer Charaktere. Leider kamen mir dazwischen einige der „spannenden“ Szenen etwas holperig in der eigentlich lustig-lockeren Handlung vor.

Eine Bewertung von „Ich koch dich tot“ fällt mir wirklich schwer, klar hat es neben den literarischen Perlen in meinem Regal seine Schwächen in Sachen Handlung oder Logik. Trotzdem hat mir das Buch Spaß gemacht und mich gut unterhalten, obwohl ich mit Büchern dieses Genres sehr kritisch bin. Mit Büchern seines Genres möchte ich es auch vergleichen. Perfekt ist es aber auch in seinem Genre nicht, da man aus der Handlung einfach noch mehr hätte machen können und z.T. falsche Erwartungen geweckt wurden.
Unterm Strich komme ich (nach langem hin und her) trotzdem auf 4 von 5 Leseratten. Das überrascht mich selbst ein bisschen, freut mich aber umso mehr. Ich habe einfach Spaß daran auch immer wieder neue Genres zu probieren und mich nicht von alten Abneigungen bremsen zu lassen. So kann es ab und an klappen, wieder positive Exemplare der sonst nicht mehr beachteten Genres zu entdecken.

Freitag, 9. Mai 2014

Rezension: Nachts kommt die Angst von Gabriela Gwisdek

Mein Challengebuch für den April war ein voller Erfolg. Ein Buch mit einer Protagonistin zu finden, die meinen Namen trägt, war (wie für viele andere) nicht ganz einfach. Trotzdem habe ich schnell einen Favoriten gefunden und das Buch hat mir am Ende richtig viel Spaß gemacht. So habe ich ganz zufällig einen tollen Thriller entdeckt.

„Nachts kommt die Angst“ von Gabriela Gwisdek
Aufbau Taschenbuch Verlag
318 Seiten
9,99 € (Taschenbuch)









Die Malerin Alexandra zieht vom turbulenten Frankfurt in ein beschauliches Dorf in der Uckermark. Nach einer gescheiterten Beziehung und einer langen Phase beruflichen Misserfolgs möchte sie sich in der Abgeschiedenheit endlich wieder sich selbst und dem Malen widmen. Schnell merkt Alexandra, dass in diesem Dorf trotz aller Abgeschiedenheit nicht nur Ruhe und Frieden herrschen. Die Vormieterinnen ihres kleinen Häuschens verschwanden spurlos und auch während Alexandras Aufenthalt verschwinden dann noch einige Mädchen aus dem Dorf.

Ich muss mal vorab sagen, dass ich mir kein besseres Buch für dieses Experiment aussuchen hätte können. Es ist so schon sehr leicht sich der gruseligen und schaurigen Atmosphäre des Buches hinzugeben, wenn man sich dann aber noch so in die Hauptfigur hineinversetzt wird es richtig spannend. Ich habe das Buch vor allem abends gelesen und hatte so genau die richtige Stimmung. Große Teile des Buches beschäftigen sich mit der subtilen Angst der Protagonistin, die sich bedroht fühlt in ihrem Häuschen, aber keine konkrete Gefahr ausmachen kann. Jedes Knarren im Haus und jedes Rascheln im Garten versetzen die Protagonistin in Aufregung und diese Ruhelosigkeit hat sich sehr schnell auf mich übertragen. Die Gefahr bleibt dabei zwar immer gegenwärtig aber auch eigentümlich konturlos, eine interessante Mischung und wunderbar um die Spannung zu halten.
Die Handlung wiederum war eine schöne Mischung aus Krimi/Thriller und Horror-Roman. Da es immer wieder Hinweise darauf gibt, dass Alexandras Haus ein Spukhaus sein soll, es jedoch auch ganz reale Verbrechen in diesem Dorf zu verzeichnen gibt, habe ich beim Lesen immer ein bisschen hin und her geschwankt, wie sich das am Ende unter einen Hut bringen lässt. Ohne zu viel zu verraten: die Handlung ist bis zum Ende spannend und wird schlüssig aufgelöst. Sowas ist mir bei einem Buch in diesem Genre besonders wichtig, es gibt nichts schlimmeres als unschlüssig konstruierte Enden. Bei "Nachts kommt die Angst" fügt sich das Ende aber super zum Rest des Buches ein und rundet die Geschichte wunderbar ab.
Die einzige Schwäche des Buches war (für mich) die etwas willkürlich gesetzte Liebesbeziehung zwischen Alexandra und dem „Dorfsheriff“ des Ortes. Irgendwie schien diese Beziehung für die Handlung nötig und wurde daher sehr schnell „gegründet“, richtig nachvollziehbar war die Beziehung und die Handlung der Personen für mich in dieser Hinsicht nicht.
Trotzdem ist „Nachts kommt die Angst“ ein Buch, dass von der ersten bis zur letzten Seite Spannung bietet, basierend auf einer dichten Atmosphäre, irgendwo zwischen Krimi und Horror, also genau mein Fall.
Insgesamt vergebe ich 4 von 5 Leseratten.
 

Samstag, 11. Januar 2014

Rezension: Das Museum der Stille von Yoko Ogawa

Bei unserem letzten Weihnachtsbummel habe ich mir spontan "Das Museum der Stille" von Yoko Ogawa gegönnt und es mittlerweile durchgeschmökert.

"Das Museum der Stille" von Yoko Ogawa
Aufbau Taschenbuch Verlag
352 Seiten
9,99 € (Taschenbuch)










Der namenlose Protagonist in "Das Museum der Stille" ist ein Museumsexperte, der für einen ganz besonderen Auftrag in ein kleines Dorf in den Bergen Japans gekommen ist. Für eine schrullige Alte soll er ein Museum gestalten, dass Erinnerungsstücke von allen verstorbenen Dorfbewohnern des Örtchens vor dem Vergessen bewahrt.
"Das Museum der Stille" ist ein durch und durch ruhiges Buch. Passend zum Titel und dem langwierigen, anstrengenden Aufbau des Museums fügt sich sowohl der Erzählstil als auch die vielen detaillierten Beschreibungen wunderbar zur Geschichte.
Yoko Ogawa nutzt eine sehr bildreiche, feine Sprache und das Buch lebt von der dadurch entstehenden fast magischen Atmosphäre. Normalerweise lese ich recht schnell, an diesem Buch jedoch habe ich lange verweilt, einzelne Passagen mehrmals gelesen und oft pausiert. Nicht, weil es langweilig war, sondern weil man bei den schönen Beschreibungen verweilen möchte und am liebsten im Buch abtauchen würde. Dazu kommt, dass die Handlung einem viele Fragen aufgibt. Warum die Alte so ein Museum bauen und wahren möchte, wer die Menschen sind von denen ständig neue Erinnerungsstücke hinzukommen und was es mit all dem auf sich hat.
Und obwohl die Geschichte so ruhig und gleichmäßig ist, gibt es auch einige Nebenhandlungen, die dem ganzen die nötige Tiefe verleihen und einen noch mehr hineinziehen in die Geschichte.
"Das Museum der Stille" ist, trotz all dieser Qualitäten kein Buch, dass einen unbedingt sofort begeistert. Ich habe nach dem Ende des Buches eine ganze Weile gebraucht um es zu verdauen, ehe ich seine Qualitäten erkannt habe und ehe ich gemerkt habe, wie sehr sich diese kleine Geschichte in meinen Kopf gefressen hat. Erst daran habe ich wirklich gemerkt, wie besonders dieses Buch ist.
Trotzdem bleiben mir zu viele Fragen offen, auf zu vieles gibt es nichteinmal Hinweise, wo es doch in der Geschichte eine Rolle zu spielen scheint. Das Buch wirkte in dieser Hinsicht ein kleines bisschen unvollständig.
Insgesamt muss ich diesem Buch aber 4 von 5 Leseratten geben, da es mich lang beschäftigt hat, mir die Szenerien noch vor dem inneren Auge stehen und ich davon noch eine Weile zehren werde.

Mittwoch, 13. November 2013

Rezension: Jeder stirbt für sich allein von Hans Fallada

Vor etwa zwei Jahren las ich die Biografie von Hans Fallada "Mehr Leben als eins" von Jenny Williams. Auch ein sehr gutes, beeindruckendes Buch. Es war unter anderem deswegen so interessant, weil es kurze Buchbesprechungen aller Romane von Hans Fallada enthält und so machte es mich neugierig auf "Jeder stirbt für sich allein", das vor einigen Jahren vor allem in den USA eine Renaissance erlebt hatte.


"Jeder stirbt für sich allein" von Hans Fallada Aufbau-Verlag

704 Seiten

12,99 € (Taschenbuch)

(Ich bin ehrlich: Ich selbst besitze es nicht, sondern habe es mir damals von meinen Eltern als Hardcover ausgeliehen.)




Das Buch erzählt die wahre Geschichte des Ehepaares Otto und Anna Quangel (eigentlich Hampel), das 1940 beginnt Postkarten mit Antinazi-Parolen in Berlin zu verteilen, um damit Widerstand gegen das Regime zu üben, in der Hoffnung, dass es anderen die Augen öffnet und es den Krieg beendet.

Doch das Buch besteht aus vielen weiteren kleinen Geschichten und ebenso vielen Figuren und Charakteren. Damit zeichnet es ein umfassendes Bild des alltäglichen Lebens zur damaligen Zeit. Ob Trudel Hergesell, die Verlobte des im Krieg gefallenen Quangel Sohnes, die in einer kommunistischen Widerstandszelle aktiv ist, diesen Widerstand aber aufgibt, als es um ihr Leben, das ihres Mannes und ungeborenen Kindes geht. Oder der Kommissar Escherich von der Gestapo, der auf der Suche nach dem Postkartenverteiler die Methoden der Nazis am eigenen Leib zu spüren bekommt, weil er anderen Mitgliedern der Gestapo zu überheblich erscheint.

Es gibt noch etliche Figuren mehr: Nazitreue, stille Mitläufer, Widerständler, kleine Kriminelle, Intellektuelle, aber vor allem ganz normale Menschen. Der Terror, die Willkür und die ständige Angst, die damals zum Alltag gehörten, werden mit Händen greifbar. Es macht einen ehrfürchtig und begreiflich, wie schwierig es war, Widerstand zu leisten und ist gleichzeitig eine Ehrung für alle, die irgendwie und wenn auch nur im Kleinen Widerstand geleistet haben.

Das Buch fesselt einen mit seinen vielen Schicksalen und Geschichten, wird dabei jedoch niemals unübersichtlich. Es ist keine schwere Kost, trotz des ernstes Themas, es ist ebenso wie das Leben in jeder schweren Stunde immer noch gelegentlich amüsant, spannend und liebenswert. Es lässt einen nicht wieder los, wenn es auch manchmal schwierig war, wieder zum Buch zu greifen, weil es einen mit so lebendigen Worten und Bildern in diese Zeit bringt, in der keiner von uns hätte leben wollen.

Es ist für mich ebenso wie "Die Unsichtbare Brücke" von Julie Orringer eine Pflichtliteratur. Ich habe sehr viel über die NS-Zeit gelesen, gesehen, gesprochen, nachgedacht, debatiert Doch nichts hat mir so wie dieses Buch vor Augen geführt, was diese dunkelste Stunde der Geschichte wirklich für den Einzelnen bedeutete. Deswegen gibt es von mir voller Ehrfurcht vor diesem Werk fünf von fünf Ratten und einen Platz auf der Liste meiner Lieblingswerke.


Dienstag, 1. Oktober 2013

Rezension: Madame Hemingway von Paula McLain

Ich lese gern die Biografien und Geschichten von Schriftstellern und deren Frauen. Madame Hemingway war meine bisher zweite Chance das Leben einer Schriftstellerehefrau kennenzulernen und dabei viel über den Charakter einer früheren Zeit zu erfahren. 




„Madame Hemingway“ von Paula McLain 
Aufbau-Verlag 


436 Seiten (plus 16 Seiten Zusatzmaterial und Pariskarte)
9,99 € (Paperback)





Hadley Richardson ist nach den Begriffen ihrer Zeit zu Beginn der Geschichte schon fast eine alte Jungfer: Sie ist 29 Jahre alt, als sie den acht Jahre jüngeren Ernest Hemingway trifft. Noch ist er kein weltbekannter Schriftsteller, noch arbeitet er auf den großen Durchbruch zu und verbringt seine Abende mit trinken und Faustkämpfen. Schnell entwickelt sich eine besondere Beziehung zwischen den beiden, die nach wenigen Tagen in Chicago hauptsächlich aus einem regen, täglich stattfindenden und intimem (und damit meine ich intim im eigentlichen Sinne des Wortes und nichts anrüchiges) Briefwechsel besteht. Ernest macht ihr bereits nach kurzer Zeit einen Heiratsantrag. Wenig später entscheiden sich beide nach Paris zu gehen, um Ernest Traum Schriftsteller zu werden näher zu kommen.
Die Geschichte umfasst vor allem die gemeinsame Zeit in Paris und ist damit erfüllt mit dem Zeitgeist der Zwanziger Jahre. Man bekommt jedoch auch einen sehr guten Eindruck in die empfindliche Seele eines Künstlers, seiner speziellen Bedürfnissen und der großen Aufgabe, die daraus für eine Ehefrau erwächst.
Das Buch ist eher ein Roman als eine Biografie, dadurch liest es sich leicht und flüssig, fast wie eine Liebesgeschichte. Doch auch wenn unbekannte Details und die die Dialoge durch die Fantasie der Autorin gefüllt werden, weiß man instinktiv (und dieses Gefühl wird beim Lesen des Zusatzmaterials bestätigt), dass die Autorin viel Zeit und Recherche investiert hat, um uns die wahre Hadley und den wahren Ernest zu präsentieren. Dafür hat sie u. a. deren umfangreiche Korrespondenz gelesen und kommt so wahrscheinlich sehr nahe an die wahren „Stimmen“ der Figuren heran.
„Madame Hemingway“ ist ein Buch für alle Romantiker, Literaturfans, Künstlerfaszinierte oder Parisliebhaber – alles das bietet einem dieses Buch. Da ich fünf von fünf Leseratten nur für jene Bücher vergeben möchte, die ich am liebsten jedes Jahr aufs Neue lesen möchte, erhält Madame Hemingway von mir vier: Als sehr empfehlenswertes Buch zum lesen und behalten, um irgendwann doch wieder in diese zauberhafte Zeit zurückzugehen, in der eine Schiffsreise nach Paris noch ein echtes Abenteuer war.