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Donnerstag, 16. Oktober 2014

Der Herbst wird spannend bis tragisch...

Auf Twitter hat die liebe Iris neulich festgestellt, dass Sie eine Jahreszeiten-Leserin ist. Ich konnte mich da spontan anschließen und habe gleich ein bisschen nach passenden Herbstbüchern für mich gestöbert.


Im Herbst soll es für mich spannend sein, gern auch ein bisschen tragisch, nicht zu viel Action. Das regnerische Wetter passt einfach zu gut, zu düsteren und traurigen Geschichten. Für die goldenen Herbststunden darf es dazu noch ein Hauch Romantik und Gefühl sein.

Mein absoluter Favorit im Moment ist "In Zeiten von Liebe und Lüge" von Héléme Grémillon aus dem Hoffmann und Campe Verlag.

Zum Inhalt:
Lisandra ist jung und wunderschön, Lisandra ist eine begnadete Tangotänzerin - und Lisandra ist tot. Hat ihr Ehemann, der Psychiater Vittorio, sie aus dem Fenster gestoßen?
Im August ist es Winter in Buenos Aires, Lügen und Verrat bestimmen das Leben der Menschen um Lisandra und Vittorio. Doch Eva Maria, Patientin von Vittorio und heimlich in ihn verliebt, macht sich auf die Suche nach der Wahrheit.


Das Cover allein schreit für mich schon nach Herbst, aber auch diese Mischung aus einem tragischem Todesfall (Mord?) garniert mit Lügen, Verrat und Eifersucht macht so richtig Lust auf spannende, verregnete Leseabende. Da die Handlung in Buenos Aires im Winter spielt, kann ich mich ganz leicht in die Atmosphäre einer grauen Großstadt hineinversetzen.

Schon angelesen und für gut befunden habe ich "Die Lebenden und die Toten von Winsford" von Hakan Nesser aus dem btb Verlag.

Zum Inhalt:
Exmoor, eines Abends im November. Über dem kleinen Dorf Winsford in der südenglischen Moorlandschaft liegt dichter Nebel. Die mysteriöse Frau, die sich unter dem Namen Maria Anderson mit ihrem Hund im abseits gelegenen Haus auf der Heide niederlässt, bietet Stoff für Spekulationen. Was hat sie hier draußen in der Einöde zu suchen? Was hält ihr Mann von ihrem Aufenthalt an diesem Ende der Welt? Wo ist er überhaupt? Tatsächlich auf Reisen?

Da die Protagonistin Maria eigentlich ständig im Nieselregen spazieren geht, passt das Buch wunderbar zu verregneten Wochenenden. Noch ist die Handlung recht beschaulich und ruhig, ich hoffe aber, dass sich auch in dieser Geschichte noch eine Portion Spannung entwickelt. Mal schauen, ob ich dran bleiben werde...


Da ich mich im Moment auch viel mit Social Media und den Gefahren bzw. Nutzen des Internet beschäftige, reizt mich "Mona" von Dan T. Sehlberg aus dem Kiwi Verlag für den Herbst besonders. Da verspreche ich mir angenehme, psychologische Spannung und interessante Zukunftsentwürfe.

Zum Inhalt:
Eric Söderqvist, Informatikprofessor aus Stockholm, hat »Mind Surf« erfunden – ein gedankengesteuertes System, das die Bedienung von Computern von Grund auf verändern kann. Der Libanese Samir Mustaf ist ein früherer MIT-Professor, dessen Tochter Mona von einer israelischen Splitterbombe getötet wurde. Er hat den komplexesten Computervirus – Mona genannt – entwickelt, den die Welt je gesehen hat. Mit ihm soll ein Cyberangriff auf Israels Finanzsystem unternommen und das Land destabilisiert werden. Eric ist, auch wenn alle ihn für verrückt erklären, davon überzeugt, dass seine Frau, die für eine israelische Bank in Schweden arbeitet, von dem Computervirus infiziert wurde. 


Ganz zufällig bin ich über "Heilige Mörderin" von Keigo Higashino aus dem Klett Cotta Verlag gestoßen. Der Krimi verspricht Spannung trotz ruhiger Atmosphäre, eine mitreißende Story ohne große Gewalt. Solche stillen und doch spannenden Bücher sind für mich genau das richtige, wenn man langsam anfängt sich auf den stillen Winter vorzubereiten, wenn die Natur zur Ruhe kommt.

Zum Inhalt:
Auf den ersten Blick ist ein perfekter Mord geschehen: Der erfolgreiche Unternehmer Mashiba liegt tot in seinem Wohnzimmer. Kurz zuvor hatte er von seiner Frau die Scheidung verlangt. Erneut liefert Physik-Professor Yukawa mit Inspektor Kusanagi ein Kabinettstück an Kombination, um die Schuldige zu überführen.

Japanische Autoren interessieren mich übrigens generell. Nicht nur Haruki Murakami konnte mich schon überzeugen, auch Yoko Ogawa hat mich schon begeistert. Die ruhige und detaillierte Sprache dieser Autoren fasziniert mich ungemein.


Die angesprochene Ladung Gefühl und Tragik verspricht "Das Haus am Himmelsrand" von Bettina Storks aus dem Berlin Verlag. Ich habe in das Buch schon reingelesen und der angenehme Schreibstil verspricht entspannende Lesestunden.

Zum Inhalt:
Eigentlich ist Elisabeth „Lizzy“ Tanner eine glückliche Frau: Ihre reizende Tochter Thea macht ihr viel Freude, ihr Partner Tom ist zuverlässig und liebevoll, Geldsorgen kennt sie nicht – und wenn es mal knapp wird, springt Lizzys Großvater ein, der Patriarch einer Freiburger Uhrendynastie. Doch die Sorglosigkeit zerbröckelt, als der Großvater stirbt. Nicht nur, dass er den »Rosshimmel«, das Anwesen der Familie in den Vogesen, zwei gänzlich Fremden vermacht, zudem hat er noch einen schwerwiegenden letzten Wunsch an Lizzy: Finde die Wahrheit heraus! Sorge für Gerechtigkeit! 


So ein ganz normaler, ganz einfach packender Thriller muss zwischen aller Spannung und allem Gefühl eigentlich auch wieder sein. Hier bin ich etwas ratlos. Vermutlich ist das Angebot schon wieder zu groß, um einen echten Favoriten zu finden.

Habt ihr vielleicht noch Tipps für tolle Thriller in diesem Herbst?

Donnerstag, 11. September 2014

Rezension: Priscilla. Von Liebe und Überleben in stürmischen Zeiten von Nicholas Shakespeare

Susi hat mich mit „Madame Hemingway“ auf den Geschmack gebracht. Seitdem halte ich immer die Augen offen und suche nach guten, belletristisch aufbereiteten Biografien. Also Büchern, die das Leben eines Menschen nicht nur in Fakten erfassen, sondern auch die Geschichte eines Lebens erzählen.
Über „Priscilla“ bin ich beim Stöbern in der Mittagspause gestolpert. Beim Recherchieren habe ich mich dann gewundert, dass so gut wie keine Rezension zu diesem Buch zu finden war. Jetzt, nachdem ich das Buch beendet habe, wundert mich das umso mehr.

„Priscilla. Von Liebe und Überleben in stürmischen Zeiten“ von Nicholas Shakespeare
512 Seiten
22,99 € (Hardcover)








Nicholas Shakespeare lernte als kleiner Junge seine Tante Priscilla kennen. Sie war eine zurückgezogene, irgendwie geheimnisvolle Frau. Nach ihrem Tod erfuhr der Autor, dass auch für seine Mutter die eigene Schwester lange Zeit ein Geheimnis war. Er beschließt Nachforschungen über Priscillas Leben anzustellen, dabei kommt ihm eine Kiste voll Tagebücher, Briefe und Notizen zu Hilfe, die in Priscillas Nachlass gefunden wird. Priscilla selbst wollte ein Leben lang ihre Biografie niederschreiben und veröffentlichen, dies gelang ihr leider nie. Nicholas Shakespeare erfüllt seiner Tante nun postum diesen Wunsch. Zu Erzählen hatte Priscilla genug, das Leben der jungen Frau vor dem zweiten Weltkrieg und auch während der Zeit im besetzten Paris ist von vielen Hochs und Tiefs geprägt.
Obwohl der Autor seine Tante nur in jungen Jahren kennenlernte und zu ihren Lebzeiten nicht viel über sie erfuhr, ist diese Biografie voll Herz und Wärme geschrieben. Priscilla wird nicht als Heldin verklärt, sondern auch ihre Fehltritte und Schwächen werden besprochen, aber die Geschichte die er erzählt, lässt das Bild einer facettenreichen und empfindsamen Frau entstehen. Die vielen authentischen Dokumente, die in diese Biografie eingearbeitet wurden, lassen dabei das Gefühl aufkommen, dass Priscilla selbst zu Wort kommt. Und das ist auch tatsächlich häufig der Fall. Der Autor hat Teile von Priscillas selbst verfassten Erinnerungen wunderbar in seine Erzählung eingewoben und schafft dadurch einen noch direkteren Bezug zu seiner Tante. Diese fand gegen Ende ihres Lebens Trost im Schreiben.

„Nur im Geheimen, in ihrem Zimmer, versuchte Priscilla, ihr Leben in Ordnung zu bringen, indem sie das Geschehene aufzeichnete. Es war ein Akt der Selbstbestätigung, eine Form, zu sagen: ‚Ich bin noch da, ich bin nicht verschwunden!‘“ S. 449

Obwohl es die Biografie einer ganz normalen Frau ist, kommen viele Verbindungen zu schillernden Persönlichkeiten der damaligen Zeit zum Vorschein und haben mich ganz schön ins Schwärmen gebracht. Von Sugar Ray Robinson über Alfred Hitchcock haben Priscilla und ihre Freunde weitreichende Verbindungen.
Später kommen auch weniger glorreiche Kontakte zu bedeutenden Nazis dazu, aber auch das ist nun mal Teil ihres Lebens. Diese Abschnitte waren für mich besonders spannend. Das Leben der Frauen im besetzten Frankreich und generell das Leben der jungen Frauen zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges wird sonst wenig besprochen, bekommt aber in diesem Buch ein plastisches Gesicht. Welche Verbindungen Priscilla einging, um ihr Überleben zu sichern, oder auch weil sie sich nicht gegen Liebe wehren konnte (oder wollte), ist spannend zu erfahren.
Die vielen Fotos von Priscilla haben mich zusätzlich ins Herz getroffen. Auf den Fotos ist eine junge, hübsche Frau zu sehen, die einen über die Zeit hinweg direkt anzusehen scheint. Die vielen Verehrer, die sie während ihres Lebens verzauberte, kann man gut verstehen.
 
Obwohl die Jahre des zweiten Weltkriegs besonders thematisiert werden ist „Priscilla“ kein Buch über den Krieg. Es geht vor allem um Liebe und Treue, um die Suche nach Glück und die vielen kleinen und großen Entscheidungen, die am Ende ein Leben ausmachen.
Ich kann „Priscilla“ nur jedem ans Herz legen. Diese Biografie hat mich bewegt, wie keine andere zuvor und ich bin froh, dass Priscilla all die Dokumente ihres Lebens aufbewahrte und Nicholas Shakespeare sie nutzte, um Geschichte seiner Tante zu erzählen.

„Auf Boisgrimot hatte Priscilla gehört, wie ihr Vater im Radio erklärte, man dürfe niemals Briefe und Tagebücher vernichten, auch wenn sie vielleicht nur Klatsch und Tratsch enthielten: ‚Sie können unbezahlbar sein, unvergängliche Zeugnisse menschlichen Muts in Zeiten allgemeiner Mutlosigkeit.‘“ S. 418

Ich vergebe 5 von 5 Leseratten und einen Platz in meiner persönlichen Top-20-Liste.


Das Buch in einem Tweet: "Priscilla" zeigt eine junge Frau, die wir mit all ihren Fehlern aber auch Stärken kennenlernen. Die Biografie berührt, fesselt, fasziniert.

Samstag, 6. September 2014

Rezension: Der Poet der kleinen Dinge von Marie-Sabine Roger

Marie-Sabine Roger verzauberte mich erstmals mit „Das Labyrinth der Wörter“ mit ihrem unvergleichlichen Schreibstil und unglaublich liebenswerten Charakteren. Jetzt habe ich auch noch ihre beiden anderen Bücher gelesen und bin ihr endgültig verfallen. Ich hoffe, dass bald noch weitere tolle Geschichten von dieser wunderbaren Autorin folgen werden!

„Der Poet der kleinen Dinge“ von Marie-Sabine Roger
Hoffman und Campe Verlag
240 Seiten
18,99 € (Hardcover)









Die junge Alex reist rastlos umher und wandert von einer Stadt und einem Job zum nächsten. Als sie bei Marléne und Bertrand zur Untermiete einzieht, ist es für sie erst nichts weiter als eine neue Station auf ihrer langen Reise. Doch dort lebt auch Gérard, der behinderte Bruder von Bertrand. Er kann sich auf Grund seiner Behinderung nur schlecht artikulieren und dadurch entgeht seiner Familie, welcher wache Verstand in ihm steckt. Und vor allem: welcher Poet! Einzig Alex entdeckt dies und schließt Gérard schnell in ihr Herz. Neben Alex und Gérard ist auch Cedric ein ziemlicher Außenseiter in der trostlosen Kleinstadt. Kein Wunder, dass da sehr schnell eine besondere Freundschaft entsteht.
Die Handlung von „Der Poet der kleinen Dinge“ wirkt wie ein Ausschnitt aus einer eigentlich viel längeren Geschichte, der man auch nach Ende des Buches am liebsten weiter folgen würde. Manchmal sind mir schon Bücher begegnet, deren eigentlich banale Handlung weit ausgedehnt war und mich völlig das Interesse verlieren lies. Marie-Sabine Roger arbeitet nach dem gegenteiligen Prinzip. Dadurch, dass man nur einen kurzen Abschnitt der Geschichte erzählt bekommt, bleibt viel Raum für eigene Ideen und Träumereien. Obwohl man über das „danach“ viel träumen kann, ist die Handlung in sich aber wiederum abgeschlossen genug, um nicht frustrierend unabgeschlossen zu wirken. Perfekt!
Neben diesem besonderen Aufbau der Geschichte sind es aber vor allem die besonderen Charaktere, die mich so völlig verzaubert haben. Trotz der Kürze der Geschichte lernen wir vier besondere Personen, mit ihren Stärken, Schwächen und Träumen kennen. Der titelgebende „Poet der kleinen Dinge“ Gérard ist dabei natürlich eine Hauptfigur, die restlichen Freunde werden aber nicht weniger liebevoll charakterisiert.
Auch diese Geschichte versprüht, wie die übrigen von Marie-Sabine Roger, eine Menge Inspiration und Zuversicht. Es geht in ihren Geschichten immer wieder um besondere Lebenswege, die so unkonventionell und manchmal auch schwer sie auch sein mögen, doch für jeden Protagonisten eine irgendwie glückliche Wendung bieten, auch wenn diese vielleicht nicht den gesellschaftlichen Konventionen entspricht.
Bei aller emotionaler Tiefe und tollen Charakteren darf der Eindruck nicht trügen: „Der Poet der kleinen Dinge“ ist voll Humor und so gar kein schweres, philosophierendes Werk. Im Gegenteil Situationskomik und eine sehr witzige Sprache lassen die Geschichte leicht und locker wirken und bringen eine Menge Spaß.

Über die Bücher von Marie-Sabine Roger zu sprechen fällt mir schwer, man sollte sie einfach lesen! Es sind Geschichten fürs Herz, die mich einfach glücklich zurücklassen und mich ohne Zweifel 5 von 5 glücklichen Leseratten vergeben lassen.



Das Buch in einem Tweet: "Der Poet der kleinen Dinge" ist Soulfood in Buchform. Tolle Charaktere und eine leise aber wunderschöne Handlung. Einfach lesen.

Samstag, 26. Juli 2014

Rezension: Das Leben ist ein listiger Kater von Marie-Sabine Roger

„Das Leben ist ein listiger Kater“… so, bitte lasst diesen Titel mal auf euch wirken. Ja? Geht’s euch wie mir? Grinst ihr jetzt auch? Ich hatte in den letzten Wochen eine echt stressige Zeit (und das zum Teil trotz Urlaub, aber eben auch dank Krankheit…) aber immer, wenn ich das Buch auf dem Nachttisch liegen sah, musste ich trotzdem Lächeln. Bücher die sowas können sind besonders! Wenn es nach dem Lesen so bleibt, ist das umso besser. Jetzt, nachdem meine blöde Erkältung langsam abklingt, möchte ich euch endlich an diesem tollen Buch teilhaben lassen!

„Das Leben ist ein listiger Kater“ von Marie-Sabine Roger
224 Seiten
19,99 € (Hardcover)









Als Jean-Pierre im Krankenhaus erwacht, kann er sich kaum bewegen und an nichts erinnern. Er wurde bewusstlos aus der Seine gefischt und wäre dort um ein Haar ertrunken. Keine allzu schöne Situation. Der Rentner ist zwar auch sonst kein Sonnenschein, die Umstände seines Unfalls und der Zustände im Krankenhaus machen ihn aber endgültig zum Miesepeter. Obwohl er sich mit dem jungen Polizisten, der in seinem Fall ermittelt, und auch seinem Retter beginnt anzufreunden, ist und bleibt Jean-Pierre ein ziemlicher Griesgram, der erst langsam wieder Freude am Leben gewinnt.

Ich liebe Jean-Pierre! Der muffelige Opa mit seinen harschen Kommentaren und seinem meckrigen Wesen hat es mir einfach angetan. Entgegen aller Logik war er mir gerade durch sein mürrisches Gemüt von Anfang an sympathisch. Vor allem wie er den Klinikalltag beschreibt und dort einen „Don Quijote“-ähnlichen Kampf gegen ständig offene Zimmertüren kämpft, hat mich mehrmals herzlich zum Lachen gebracht. Und auch wie man aus Jean-Pierres Sicht die übrigen Charaktere kennenlernt ist wunderbar. Weder ist der Rentner gegenüber seinem Retter besonders dankbar, noch hält er mit seiner Meinung hinter den Berg, was er von dessen Weltsicht hält. Jean-Pierre ist immer schnell dabei sich eine Meinung über sein Umfeld zu bilden und lernt erst im Laufe der Geschichte die Personen, die ihm ihre Aufmerksamkeit schenken, zu schätzen.
Die Handlung beschränkt sich komplett auf den kurzen Zeitraum von Jean-Pierres Krankenhausaufenthalt. Durch viele Rückblenden (Jean-Pierre schreibt sicherheitshalber seine Memoiren) erfahren wir aber auch vieles über das Leben des Rentners.
Der Schreibstil ist sowohl in den Krankenhauspassagen als auch den Rückblenden flott und humorvoll, verwebt aber auch philosophische Gedanken ganz leicht mit in die Handlung. Und Gedanken über sein (teils trauriges) Leben macht sich Jean-Pierre jetzt wirklich ausgiebig, dazu hat er ja im Krankenhaus auch jede Menge Zeit. Als Leser merkt man, wie sich im Verlauf der Handlung ein Wandel in dem Rentner vollzieht und freut sich mit ihm. Natürlich wird aus dem Muffel kein Menschenfreund, aber sein Verständnis und Mitgefühl wächst. Es ist wunderschön diese Wandlung mit zu verfolgen.

Wie schon in „Das Labyrinth der Wörter“ zaubert Marie-Sabine Roger auch in diesem Buch eine Geschichte voll Herzlichkeit und Wärme. Das Buch hat mir beim Lesen und danach Kraft geschenkt und Freude bereitet. Ich kann das Buch nur jedem empfehlen, es ist einfach Lektüre für die Seele. 5 von 5 glücklichen Leseratten für „Das Leben ist ein listiger Kater“.


P.S. Die Geschichte hat nicht viel mit dem Titel zu tun, aber am Ende erschließt es sich doch und ich sag’s euch: ich finde diesen kleinen Clou sehr gelungen!

Das Buch in einem Tweet: In "Das Leben ist ein listiger Kater" lernt ihr den liebenswertesten bösen Opa kennen, den ihr euch vorstellen könnt. Ich versprechs!

Freitag, 20. Juni 2014

Rezension: Body Farm von Patricia Cornwell

Endlich habe ich eine weitere SUB-Leiche aus dem Stapel geholt und gelesen. „Body Farm“ von Patricia Cornwall hat mir meine Schweigermama ausgeliehen, nachdem wir uns begeistert über die echte Body Farm in Tennessee unterhielten. Da dem Buch der Schutzumschlag fehlt, dachte ich erst es wäre ein in sich abgeschlossener Thriller. Dass das Buch zur Kay Scarpetta Reihe gehört, habe ich erst später gemerkt.

„Body Farm“ von Patricia Cornwell
Kay Scarpetta Reihe Band 5
400 Seiten
9,99 € (Hardcover)








Ein kleines Mädchen wird in einer amerikanischen Kleinstadt ermordet aufgefunden, alle Spuren weisen auf den ersten Blick auf einen bekannten Mörder hin. Doch an der verstümmelten Leiche sind auch andere, seltsame Spuren zu finden. Als dann einer der ermittelnden Polizisten auf mysteriöse Weise ums Leben kommt, werden Kay Scarpetta und ihr Team zu dem Fall gerufen, um die Polizei der Kleinstadt bei den Ermittlungen zu unterstützen.

Für pathologische Krimis habe ich ja, anders als für Thriller der Marke „Nackt und Zerhackt“, noch immer etwas übrig. Akribische Spurensuche und die interessanten wissenschaftlichen Details machen für mich eine ganz besondere Faszination aus. Der Titel klang in dieser Hinsicht vielversprechend und Geschichten über die Body Farm begeistern mich sowieso. Leider hatte das Buch davon nur recht wenig zu bieten. Zwar war die Handlung spannend und die Ermittlungen interessant dargestellt, jedoch nehmen Kay Scarpettas persönliche Probleme einen viel zu großen Anteil des Buches ein.

Ich weiß nicht ob es mir allein so geht, aber ich möchte prinzipiell gerade bei Krimis und Thrillern in sich abgeschlossene Geschichten lesen. Die familiären oder gesundheitlichen Probleme der Ermittler können dabei Randthema sein, sollten aber innerhalb eines Buches wieder abgeschlossen werden. Auf Dauer finde ich es doch extrem anstrengend x Reihen zu verfolgen, in denen jeder Polizeibeamte, Pathologe oder Profiler andere psychische Zerwürfnisse, Affären und Süchte hat. Für die eigentliche Handlung sind diese Randthemen meist völlig unnötig und wenn man nicht gerade die Serie verfolgt, sind sie auch meist nicht sonderlich spannend. Der Hang zur Serie scheint bei vielen Krimiautoren aber ungebrochen und ich habe das Gefühl vor lauter Reihen kaum noch Einzelbände zu entdecken.


Patricia Cornwell mit Kay Scarpetta, Cody McFadyen mit Smoky Barrett, Tess Gerritsen mit Rizoli & Isles, Andres Franz/Daniel Holbe mit Julia Durant… Was sagt ihr zu Autoren mit dem Hang zur Serie?

Für „Body Farm“ von Patricia Cornwell eine Bewertung abzugeben gestaltet sich für mich wirklich schwierig, das Buch hat durch die schon angesprochene starke Verbindung zur Reihe für sich genommen wenig Reize. Die Figuren wurden als bekannt vorausgesetzt und ihre privaten Probleme haben mich nur mäßig interessiert. Da der Krimianteil recht gering war, der beschrieben Fall an sich aber sehr spannend vergebe ich neutrale 3 von 5 Leseratten.


Das Buch in einem Tweet: Fangt nicht mit Band 5 bei einer Reihe an! Spannender Krimi aber verwirrende persönliche Probleme in "Body Farm".

Dienstag, 10. Juni 2014

Buch-Film-Vergleich: José Saramago "Der Doppelgänger" / "Enemy"

 

Unter dem Motto "Never judge a book by its movie" lud der Hoffmann und Campe Verlag zum Buch-Film-Vergleich ein. Spontan nahmen wir teil und haben uns erst mit dem ebook zu José Saramagos "Der Doppelgänger" beschäftigt, anschließend ein kleines Kino besucht und "Enemy" mit Jake Gyllenhaal gesehen. Hier unser Fazit zu Buch und Film.

Das Buch:
„Der Doppelgänger“ von José Saramago ist keine ganz leichte Kost. Eigentlich ist die Grundsituation sehr spannend und bietet einige Möglichkeiten. Die Vorstellung plötzlich seinem eigenen, exakten Doppelgänger entgegen zu stehen, lässt eine ganze Reihe möglicher Entwicklungen offen.
Im Buch von José Saramago wird die Situation aber nur sehr zäh entwickelt und es dauert wirklich lang, bis so etwas wie Spannung aufkommt. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass der Text gespickt ist von altklugen Einschüben des Autors und philosophischen Gedanken, die den Leser immer wieder weg von der eigentlichen Handlung treiben und zum Teil völlig verwirren. Manche der Überlegungen sind zwar gezielt auf die Grundsituation gerichtet und bieten interessante Denkansätze oder tolle Theorien, andere sind aber eigentlich völlig überflüssig und haben mich nur ermüdet. Leider wird auch neben diesen Einschüben die eigentliche Handlung zum Teil sehr detailliert und unnötig verlangsamt erzählt.
Der Protagonist Tertuliano Maximo Afonso wiederum war mir eigentlich recht sympathisch. Der Geschichtslehrer ist zwar gefangen in seinem alltäglichen Trott und seine Haltung gegenüber seiner Freundin fand ich sehr schwierig, seine Position in Dialogen und Überlegungen empfand ich aber durchgehend als nachvollziehbar und angenehm.

Der Film:
Eins vorab: Ich hatte völlig falsche Erwartungen an „Enemy“. Der deutsche Trailer hat mich einen, bestenfalls actionreichen, Psychothriller erwarten lassen. Kurz gesagt: der Film ist um einiges ruhiger und deutlich statischer als ich erwartet hatte.
Eindeutig positiv war die im Film durchgehend bedrohlich und bedrückend wirkende Stimmung, diese wurde durch die sehr reduzierte Filmmusik und die stark monochrom wirkenden Bilder toll unterstützt. Zur Handlung passt das perfekt und verdeutlicht die Verwirrung und Verzweiflung der Protagonisten wunderbar. Der gesamte Film ist außerdem gespickt vom immer wiederkehrenden Symbol der Spinne, diese Alpträume und düsteren Visionen sind zwar filmisch toll umgesetzt und bieten tolle Bilder, haben uns aber ratlos im Kino zurückgelassen: wofür soll diese Metapher stehen?
Die Handlung war insgesamt angenehm gekürzt und im Film lag der Fokus auf den richtigen Abschnitten des Buches. Trotzdem hat auch der Film seine Längen und in einigen Abschnitten wirkte die Handlung recht ziellos.
Neben der schönen filmischen Gestaltung können sich auch die Schauspieler wirklich sehen lassen, sie passten toll in ihre Rollen und füllten die Charaktere gut aus. Mit Jake Gyllenhaal, Mélanie Laurent und Sarah Gadon ist die Besetzung auch alles andere als zweitklassig.

 
Jake Gyllenhaal spielt die Hauptrolle im Kinofilm "Enemy".

Entweder… oder…?
Vor der Wahl stehend, das Buch zu lesen oder den Film zu schauen, würde ich eindeutig zum Film greifen. Die Handlung war im Vergleich zum Buch deutlich gestrafft und spannender, markanter dargestellt, die Stimmung wurde schön vermittelt. Leider wirkte sowohl im Buch als auch im Film die Handlung zum Teil etwas ziellos und unlogisch, das senkt die Spannung und leider auch die Begeisterung immer wieder.
Die philosophischen Ansätze des Buches fehlen im Film außerdem völlig, ob das Fluch oder Segen ist kann ich schwer beurteilen, einerseits geben sie dem Buch seinen besonderen Charakter, andererseits führten sie auch (wie schon beschrieben) nicht immer zum Ziel.

Ist das Kunst oder kann das weg?
So richtig Kunst ist „Enemy“ nicht, so richtig weg sollte es deswegen aber in meinen Augen auch nicht. Sowohl Buch als auch Film regen zum nachdenken an, nicht alles ist logisch und wir konnten so richtig meckern über das seltsame Vorgehen des Protagonisten, aber über die philosophischen Überlegungen (im Buch) oder symbolischen Bilder (im Film) konnten wir noch eine Weile sprechen. 
Auch wenn also weder das Buch, noch der Film so richtig mitreißen, haben sie doch einen Sinn von Kunst erfüllt: man kann so richtig darüber diskutieren.

Mehr über "Enemy" im WDR 2 Kinotipp

Die gelesene Buch-Version ist "Enemy" von José Saramago, erschienen als ebook im Hoffmann und Campe Verlag (9,99 €)
Mehr Informationen zum ebook auf der Verlagsseite

Sonntag, 13. April 2014

Rezension: Die andere Seite des Himmels von Jeannette Walls

Ein Buch auf meinem SUB, auf das ich mich ganz besonders gefreut habe, war „Die andere Seite des Himmels“ von Jeanette Walls. Jetzt habe ich es beendet und muss unbedingt mehr von der Autorin lesen...

„Die andere Seite des Himmels“ von Jeanette Walls
Hoffmann und Campe Verlag
365 Seiten
19,99 € (Hardcover)









Jean (11) und Liz (15) Holladay leben gemeinsam mit ihrer Mutter in Lost Lake, Kalifornien. Die Mutter ist ganz ein Kind der Sechziger Jahre und fühlt sich eher als Künstlerin und Musikerin, denn als Mutter. So kommt es, dass sie ihre beiden Töchter des Öfteren auf sich allein gestellt in der Wohnung zurück lässt, um ihre eigenen Träume zu verwirklichen. Als die Mutter der Beiden mal wieder abhaut, lange nicht zurückkommt und dann noch das Jugendamt auftaucht, beschließen Jean und Liz zur Familie ihrer Mutter nach Virginia zu fliehen. In der alten Heimat ihrer Mutter angekommen lernen sie erstmals ihren Onkel und Teile ihrer Familie kennen und erfahren, was für ein schöner Ort doch dieses Städtchen ist, dem ihre Mutter so krampfhaft zu entfliehen versuchte.

Ich habe lange keine Protagonisten mehr so ins Herz geschlossen, wie Jean und Liz. Die Geschichte wird aus Jeans Sicht erzählt und sie ist für ihr Alter nicht nur ziemlich reif, sondern vor allem sehr liebenswert. Die Mädchen müssen oft allein zurechtkommen und sind sich dadurch gegenseitig die größte Stütze geworden. Liz ist die Bedachte, Kluge der Mädchen. Jean ist eher die Impulsivere, ein bisschen naive der Schwestern. Jean liebt ihre große Schwester bedingungslos und bewundert sie für ihre Klugheit.
Besonders die Beschreibungen vom Leben der Mädchen, in dem die Mutter längst nur noch eine Nebenrolle spielt, haben mich sehr berührt. Vor allem, weil die Beschreibungen so schön und friedlich sind. Obwohl einem die Mädchen eigentlich leid tun könnten, wird ihre Situation nicht als große Tragödie dargestellt, sondern so wie sie aus ihrer Sicht ist: nicht perfekt, aber in Ordnung.

Obwohl das Buch keine rasante Spannung bietet und wieder eher eine dieser leisen Geschichten erzählt, hat es mich sofort gefesselt. Ich mag den Erzählstil sehr. Er ist detailliert und trotzdem humorvoll, leicht und locker aber nicht zu oberflächlich. Außerdem sind die Charaktere alle sehr besonders, von Jean und Liz über ihre hippiehafte Mutter bis zu Nebenfiguren wie dem „Perversen“ im Bus sind alle irgendwie eigen, genau charakterisiert und trotzdem nicht zu langwierig beschrieben.

Es hätte alles perfekt sein können, mein einziger Kritikpunkt? Gegen Ende verliert sich die Geschichte etwas. Die Beschreibungen von Jean und Liz‘ Familie, die Probleme in der kleinen Stadt in Virginia mit den verarmten Weberei-Arbeitern und all dem hätte für mich völlig genügt. Dann wurde aber noch ein „Konflikt“ aus der Tasche gezogen, den ich in dieser Geschichte gar nicht gebraucht hätte und der dem Buch auch nicht mehr Bedeutung verliehen hat.
Die Kernaussage des Buches ist so oder so (für mich) ganz einfach „Home is where the heart is“.

Ich bewerte dieses Buch ganz klar mit 4 von 5 Leseratten, ein Buch für alle, die starke Persönlichkeiten, Bücher über Familie und die Suche nach einer eigenen Heimat mögen.