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Donnerstag, 14. August 2014

Rezension: Der Circle von Dave Eggers

„Der Circle“ zu lesen war für mich ein bisschen, wie das tolle Gefühl, wenn man die Schutzfolie von ganz neuen Geräten abziehen darf. So ein staunendes, begeistertes „Ui“. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen und habe es quasi am Stück verschlungen (nur unterbrochen von lästigen Alltagspflichten wie essen oder schlafen).

„Der Circle“ von Dave Eggers
560 Seiten
22,99 € (Hardcover)










Mae Holland beginnt nach einem öden Job bei den Gaswerken ein neues Leben. Sie hat einen der begehrten Jobs beim Circle bekommen, die trendigste Internetfirma ihrer Zeit. Der Circle vereint Innovationen im Hard- und Softwarebereich, Forschung und Entwicklung auf nahezu unzähligen Gebieten. Dafür werden nur die klügsten Köpfe eingestellt. Mae ist überglücklich dort eine (wenn auch zu Beginn recht niedrige) Anstellung gefunden zu haben. Doch auch beim Circle ist nicht alles heiter Sonnenschein und so merkt Mae trotz aller Begeisterung, dass hinter dieser hippen Fassade eine Menge Erfolgsdruck und strenge Regeln warten.

Mich hat „Der Circle“ ab der ersten Seite begeistert. Gemeinsam mit Mae betreten wir das Firmengelände, lernen die Firmenkultur und die Angestellten kennen und hangeln uns durch dieses komplexe System. Irgendwie wirkt die titelgebende Firma wie eine bedrohliche Mischung aus den großen Internetriesen unserer Zeit: ein bisschen Apple, ein bisschen Google, ein bisschen Facebook. Mehr noch als diese realen Firmen genießt der Circle, in der Welt von Dave Eggers Roman, einen überlebensgroßen Kultstatus. Jede neue Entwicklung wird von den Mitarbeitern und Kunden frenetisch gefeiert. Beim Lesen habe ich mich selbst immer wieder ertappt, wie ich mich von den begeisterten Schilderungen habe einlullen lassen. Erst dann wird der Verstand langsam wieder wach und merkt, was diese „netten Gadgets“ für unangenehme Auswirkungen haben werden. Diese hypnotische Wirkung hat mich wirklich beeindruckt.
Die Protagonistin Mae wirkt manchmal etwas blass und ziellos, macht aber eine sehr realistische Entwicklung durch. Anfangs etwas hilf- und orientierungslos steigert sie sich online in soziale Interaktionen hinein, die im realen Leben gar keine Entsprechung finden. Die Einsamkeit, die sie trotz Millionen Smiles und Likes erlebt, wirkt leider sehr real.
Spannend war für mich auch, dass ich beim Lesen geradezu ein schlechtes Gewissen entwickelt habe. Irgendwie wollte ich ja etwas über dieses Buch twittern oder auf Facebook dazu sagen. Aber das Buch hat mich zurückgehalten. Ich habe immer wieder überlegt, ob das nicht schon der Einstieg ist, zu dieser Fiktion die Dave Eggers da auf die Spitze getrieben hat.
Das der Autor da ganz bewusst mit diesen Ängsten und Horrovorstellungen vom „gläsernern Menschen“ und der absoluten Kontrolle arbeitet, finde ich aber keineswegs schlecht, sondern nützlich. Natürlich sind das zum Teil Klischees, aber wenn es hilft diese Themen weiter im Gespräch zu halten und nicht blind jedem Trend zu folgen, dann kann das auch nützlich sein.
Zum Schreibstil möchte ich nur festhalten, dass „Der Circle“ zwar mit einer sehr einfachen, geradlinigen Sprache auskommt, aber dadurch ganz und gar nicht bilderlos ist. Es gibt immer wiederkehrende Symbole und Versinnbildlichungen, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen wollten.

Da mich Buch, das so völlig in seinen Bann gezogen hat, kann ich nicht anders: 5 von 5 Leseratten von mir.


P.S. Das Ende hat mich wirklich überrascht, geschockt und ja, irgendwie aufgeregt, aber schließlich überzeugt. Ich war so völlig in der Handlung versunken, dass ich es nicht kommen sah. Ob ich jetzt diesmal furchtbar blind oder das Buch sehr gerissen war, ich kann es nicht beantworten.

Diesmal keinen Tweet, sondern Social Media in Zahlen:
Unseren Twitter-Account zum Read Pack gibt’s seit dem 03. Januar 2014.  In diesen 223 Tagen seitdem sind 817 Tweets entstanden, das macht durchschnittlich 3,66 Tweets pro Tag. Diese Tweets haben 1.811 Favoriten generiert und 205 Twitterer überzeugt uns zu folgen.

Freitag, 30. Mai 2014

Rezension: An einem Tag wie diesem von Peter Stamm

Für die Challenge im Mai haben Susi und ich jeweils im eigenen Regal ein Buch für die Andere abgezählt. Susi ist dabei auf „An einem Tag wie diesem“ von Peter Stamm gelandet. Da ihr das Buch so gut gefiel, habe ich mich eigentlich sehr darauf gefreut. Es wurde leider eine echte Challenge, dieses Buch zu beenden.

„An einem Tag wie diesem“ von Peter Stamm
208 Seiten
7,95 € (Taschenbuch)









Andreas lebt ein ziemlich eintöniges Leben. Er ist Deutschlehrer in Paris, hangelt sich von Affäre zu Affäre und hat eigentlich keine Ziele in seinem Leben. Als er eines Tages wegen Lungenproblemen zum Arzt geht und dort von einer möglichen schlimmen Diagnose erfährt, dreht Andreas durch. Er kündigt Wohnung und Job und reist in seine alte Heimat um seine einstige Jugendliebe aufzuspüren.

Die Inhaltsbeschreibung klang auch für mich am Anfang äußerst interessant. Diese „Sinn-Suche“ Romane sind  zwar nicht neu, aber doch immer wieder anders. Die Kombination mit der Suche nach einer Jugendliebe, die lange zurückliegt und doch nie Vergessen war, hätte wirklich etwas fürs Herz werden können.
Wurde es leider nicht. Der Protagonist ist unheimlich unsympathisch, gefühlskalt und seine Handlungen waren für mich über die gesamte Geschichte hinweg nicht nachvollziehbar. Ich bekam mehr und mehr das Gefühl, dass der Autor das Bild eines völlig egoistischen Menschen zeichnet, der in jeder Beziehung unfähig ist sich auf andere einzustellen. Eine Entwicklung gab es dabei leider auch nicht. Kein „Aha-Effekt“ oder langsames Annähern, das dem Leser die Möglichkeit gibt diesen Protagonisten doch noch ins Herz zu schließen. Selbst ganz am Ende saß ich nur kopfschüttelnd vor der „Auflösung“ von Andreas Reise und konnte nicht verstehen, was man mir damit sagen möchte.

Dazu kommt für mich das Problem, dass Peter Stamm und ich offenbar einfach nicht zusammen passen. Ich rede viel, quassele lange und bilde (grammatikalisch nicht immer ganz korrekte) Schlangensätze. Für mich hat Sprache mit Gefühlen und Atmosphäre zu tun. Bei Peter Stamm wirken die Sätze dagegen abgehakt und (zu) kurz. Immer, wenn so etwas wie ein Lesefluss einsetzen wollte, stellten sich mir die aufzählungsartigen, sterilen und abgehackten Sätze wieder in den Weg. Furchtbar banale Beschreibungen reihen sich aneinander und bei mir kam keinerlei Stimmung auf.

Ich weiß, dass Peter Stamm von vielen Lesern gelobt wird eben wegen diesem „präzisen“ Schreibstil. Für mich war das leider nichts. Auch mein erster Versuch mit diesem Autor „Nacht war der Tag“ scheiterte an ähnlichen Problemen.
Vielleicht verstehe ich die intellektuelle Tiefe des Buches nicht, aber für mich wirkten beide Geschichten gleich belanglos und es fehlte (für mich) an der Klarheit und Aussagekraft, die ein Buch (für mich) wertvoll macht.

Leider meine bisherige Enttäuschung des Jahres. 1 von 5 ganz subjektiven Leseratten für ein Buch, das leider bis zum Ende keine Richtung und Aussage findet und mich daher nicht berühren konnte.


Das Buch in einem Tweet:
"Ein Buch für sachliche Leser, nichts für Romantiker. Ich habe "An einem Tag wie diesem" nicht viel abgewinnen können."

Freitag, 23. Mai 2014

Rezension: Ich koch dich tot von Ellen Berg

Ich habe angekündigt, dass ich mich in diesem Jahr auch mal öfter an neuen Genres probieren möchte. Mein Versuch im Bereich Fantasy war nicht sonderlich erfolgreich, bessere Tipps von euch habe ich schon auf meiner Liste und werde dort noch einen nächsten Versuch wagen.
Heute möchte ich euch von einem eigentlich klassischen „Frauenroman“ erzählen. In diese Richtung lese ich verdammt selten, weil mich die Themen häufig einfach nicht ansprechen. Auf dieses Buch bin ich aber auf der Leipziger Buchmesse aufmerksam geworden, der morbide Humor ist schon eher meins als rosa Kitschwölckchen und Shoppingtrips! Und es ist mal wieder ein Buch, das meine Mama und mich sofort gleichermaßen interessiert hat.

„Ich koch ich tot“ von Ellen Berg
Aufbau Taschenbuch Verlag
315 Seiten
9,99 € (Taschenbuch)








Vivi ist zwar erst Anfang 30, der Ehe mit ihrem Mann Werner ist aber schon deutlich die Luft ausgegangen. Als Werner beim Abendessen plötzlich vornüber ins Gulasch kippt, ändert sich für Vivi alles. Werners Ableben war zwar eigentlich ein Unfall, doch Vivi merkt dass eine gesunde Portion Rattengift so manches Problem lösen kann. Sie baut sich ein neues Leben ohne Werner auf und überwindet dabei auch so manches männliche Hindernis.

„Ich koch dich tot“ ist ein Buch das Spaß macht. Die Szene direkt zu Beginn des Buches ist super gewählt und irgendwie geht die Geschichte damit so skurril und spritzig los, dass man gleich mitten in der Geschichte steckt.
Vivi ist als Charakter sehr sympathisch, obwohl ich irgendwie irritiert war, als sie so jung und hübsch beschrieben wurde. Die Ehe mit ihrem Werner wurde so grau und eintönig dargestellt, dass ich es mir eher für ein deutlich älteres Paar vorstellen konnte. Auch das Cover hatte bei mir den Eindruck vermittelt, es würde durch den Tod des Gatten der „zweite Frühling“ einer nicht mehr ganz jungen Frau eingeläutet. Ich weiß nicht warum, aber für mich hätte das auch deutlich besser zur Handlung gepasst, als das Setting mit der jungen und attraktiven Vivi. Trotzdem hat die Geschichte am Ende Spaß gemacht  und spricht durch die Charaktere vielleicht sogar noch mehr Leser an, als es die Geschichte „Ü60“ getan hätte.

Eigentlich hat mir der Humor des Buches gut gefallen, es steckt viel Situationskomik und morbide Scherze darin, abgerundet durch die tolle Kombination seltsamer Charaktere. Leider kamen mir dazwischen einige der „spannenden“ Szenen etwas holperig in der eigentlich lustig-lockeren Handlung vor.

Eine Bewertung von „Ich koch dich tot“ fällt mir wirklich schwer, klar hat es neben den literarischen Perlen in meinem Regal seine Schwächen in Sachen Handlung oder Logik. Trotzdem hat mir das Buch Spaß gemacht und mich gut unterhalten, obwohl ich mit Büchern dieses Genres sehr kritisch bin. Mit Büchern seines Genres möchte ich es auch vergleichen. Perfekt ist es aber auch in seinem Genre nicht, da man aus der Handlung einfach noch mehr hätte machen können und z.T. falsche Erwartungen geweckt wurden.
Unterm Strich komme ich (nach langem hin und her) trotzdem auf 4 von 5 Leseratten. Das überrascht mich selbst ein bisschen, freut mich aber umso mehr. Ich habe einfach Spaß daran auch immer wieder neue Genres zu probieren und mich nicht von alten Abneigungen bremsen zu lassen. So kann es ab und an klappen, wieder positive Exemplare der sonst nicht mehr beachteten Genres zu entdecken.

Dienstag, 13. Mai 2014

Rezension: Die Verlobungen von J. Courtney Sullivan

"Die Verlobungen" wurde zu einer Zeit bei vorablesen vorgestellt, als ich meinen ersten Durchhänger in den Hochzeitsplanungen hatte. Die ganzen Solls und Wäre-Schöns und überschwenglichen Gefühle verlangten nach einem Gegenpol - einem Buch, von dem ich zunächst dachte, dass es ein Manifest gegen die eine wahre Liebe sein könnte.

"Die Verlobungen" von J. Courtney Sullivan Deuticke Verlag

592 Seiten

21,90 € (Gebundene Ausgabe)

Die Leseprobe von vorablesen findet ihr hier.







"Die Verlobungen" verbindet zu verschiedenen Zeiträumen die Geschichte von fünf Menschen: 1947 - Frances denkt sich mitten in der Nacht den Slogan aus, der später weltberühmt werden sollte "Diamonds are forever". 1972 - Evelyn bereitet sich auf den Besuch ihres Sohnes vor, der seine Frau wegen einer anderen verlassen hat. Noch hofft sie auf eine Wendung der Ereignisse. 1987 -  James denkt kurz vor Weihnachten darüber nach, wie schwer das Leben und das Lieben ist, wenn nie ausreichend Geld da ist. 2003 - Delphine verwüstet aus Rache die Wohnung ihres Verlobten, der sie betrogen hat. 2012 - Kate bereitet sich auf die Hochzeit ihres schwulen Cousins Jeff vor und das obwohl sie gegen das Heiraten ist.

Natürlich sind alle Geschichten miteinander verbunden und es wird schnell klar wodurch. Doch das ist nicht das Entscheidende. Das Entscheidende und Wunderbare an "Die Verlobungen" ist die Verknüpfungen von detailliert recherchierten Fakten, denn Frances, die Werbeagentur, für die sie arbeitet und ihr Kunde, der Diamantenhändler De Beers, sie hat es alle gegeben, mit den vielschichtigen Geschichten der anderen Figuren, denen J. Courtney Sullivan dank ihrer guten Recherche über die jeweiligen Jahrzehnte ebenfalls beeindruckend Leben einhaucht. Schon die Geschichte um Frances und die Etablierung des diamantenen Eherings in der amerikanischen Gesellschaft wäre genug spannender Lesestoff gewesen, doch die Autorin webt darum noch die verschiedenen Liebes- und Lebensgeschichten der durchweg sympathischen Charaktere beeindruckend um ihre Kernbotschaft: Ein Diamant ist für immer, er übersteht alle Widrigkeiten des Lebens. Aber die Liebe - sie ist noch fester, tiefer, älter; der Diamant kann sie würdig repräsentieren, aber nicht übertrumpfen.

"Es geht um Massenpsychologie, denn unser Ziel ist es, den diamantenen Verlobungsring zu einer psychologischen Notwendigkeit zu machen. Zielgruppe: etwa siebzig Millionen Menschen im Alter von fünfzehn aufwärts, deren Weltsicht wir in unserem Sinne beeinflussen wollen." (S. 14)

"Nicht jeder Mann gründet eine Stadt, gibt einem Stern einen Namen oder teilt ein Atom. Nur wenige bauen sich selbst ein Denkmal, vor dem spätere Generationen staunend stehen und ausrufen: "Das war unser Vorvater. Dort steht sein Name. Und dies alles war sein Lebenswerk." Doch in einem Diamanten kann sich jeder Mann auf ganz eigene Art verewigen." (S. 22)

"Evelyn trug den Ring schon so viele Jahre, und die Linie weicher, weißer Haut, die darunter lag, ließ es aussehen, als habe der Ring Alter, Trockenheit, Sonne und Falten wie ein Schild von ihr abgehalten." (S. 50)

Das Buch ist spannend, interessant, leicht, fesselnd, bewegend, lehrreich und nicht nur was für Frauen. Ich möchte eigentlich nur noch sagen: Lesen! Gefangen nehmen lassen! Eintauchen! Erleben! "Die Verlobungen" ist mein erstes Highlight in 2014. Es ist schon wieder etwas her, dass ich es gelesen habe - am liebsten würde ich es gleich wiederholen. Deswegen - fünf von fünf Leseratten.


Dienstag, 22. April 2014

Angelesen: Das Glück, wie es hätte sein können von Véronique Olmi

Endlich hab ich wieder Zeit für vorablesen und konnte auch wieder was finden, was mich begeistern konnte: Liebe und Lebensveränderungen. Dieses Buch schreit ja gerade zu nach mir.


"Das Glück, wie es hätte sein können" von Véronique Olmi Antje Kunstmann Verlag

224 Seiten

19,95 € (Gebundene Ausgabe)

Die Leseprobe von vorablesen findet ihr hier.





Suzanna ist Klavierstimmerin und scheint ein kleines bescheidenes Leben zu führen. Sie ist zufrieden und glaubt nicht, dass ihr etwas außergewöhnliches passieren könnte. Doch dann stößt sie auf dem Weg zu einem Auftrag mit Serge zusammen.

Mehr kann man aus der Leseprobe nicht herauslesen. Suzanna erzählt die Geschichte aus der Rückblende, scheinbar völlig überrascht und fasziniert darüber, wie sich das Leben durch etwas so banales wie ein Zusammenstoßen in einem Hausflur verändern kann. Inwiefern es sich ändern wird, wird noch nicht klar.

Die Sprache ist nachdenklich, etwas hochtrabend, fast philosophisch. Und dennoch nimmt es einen direkt mit auf diese kleine Reise. Dank dem Schreibstil habe ich auch das erste Mal an dem Zitat der Woche bei vorablesen teilgenommen. Mal sehen, ob ich das Überraschungspaket gewinnen kann:

"Ich verstehe nicht, dass man keine Lust haben kann, den Atem der Zeit zu spüren, dem Leben den Puls zu messen, zu sehen, was es uns bietet."

Mittwoch, 2. April 2014

Rezension: Der Distelfink von Donna Tartt

Auf wenige Bücher habe ich in letzter Zeit so gewartet und war so neugierig, vorfreudig und gespannt wie auf „Der Distelfink“ von Donna Tartt. Schon in der Verlagsvorschau habe ich mich in die Beschreibung des Buches verliebt. Häufig führen solch hohe Erwartungen und Hoffnungen zu herben Enttäuschungen, nicht so in diesem Fall: das Auf und Ab der Geschichte hat mich völlig gefangen genommen und ich habe die über tausend Seiten dieses Buches förmlich aufgesaugt.

„Der Distelfink“ von Donna Tartt
1024 Seiten
24,99 € (Hardcover) oder 19,99 € (Kindle Edition)









Viele Bücher beschäftigen sich mit der Macht des Schicksals. Mit dem „was wäre wenn“ und den Auswirkungen einzelner Ereignisse oder Entscheidungen auf das Leben eines Menschen. In „Der Distelfink“ scheint das Leben des Protagonisten, Theo Decker, durch eine ganze Reihe bösartiger oder glücklicher, in jedem Falle launischer, Eingriffe des Schicksals durcheinandergeworfen zu werden. Alles beginnt als Theo dreizehn Jahre alt ist, denn da ändert ein Tag sein ganzes Leben: er besucht mit seiner Mutter ein New Yorker Museum, nur kurz trennen sich die Beiden, als eine Bombe im Museum detoniert. Seine Mutter stirbt und Theo nimmt in den Wirren des Attentats das kleine Gemälde „Der Distelfink“ an sich. Von diesem Tag ausgehend begleiten wir Theo und das Gemälde auf einem aufregenden Lebensweg.

Eigentlich ist „Der Distelfink“ mal wieder ein Buch, über dessen Handlung ich am liebsten sehr viel mehr erzählen würde. Die vielen Wendungen, die Hochs und Tiefs in Theos Leben haben mich gefesselt und begeistert. Trotz des Umfangs des Buches wurde es nie langweilig, die Geschichte ist facettenreich, spannend und kurzweilig erzählt. Ich konnte nach dem Lesen kaum glauben, dass ich diesen „Wälzer“ in so kurzer Zeit verschlungen habe. Einige Wendungen waren so unvorhergesehen und überraschend, dass ich regelrecht geschockt war. Positiv natürlich. Und trotz dieser „Page Turner“-Qualitäten ist „Der Distelfink“ auch ein Buch, das viele detaillierte Beschreibungen und fast filmische Inszenierungen bietet. Eigentlich müsste man dieses Buch ganz genüsslich lesen um die verschiedenen Stimmungen der Szenen richtig auf sich wirken lassen zu können. Allein, der Drang immer weiter zu erfahren wie sich die verschiedenen Konflikte lösen lassen einem diese Ruhe manchmal nicht.
Auch die Charaktere sind außergewöhnlich stark beschrieben und waren mir ohne Ausnahme sympathisch. Besonders der Protagonist und die erzählende Stimme Theo ist mir sehr ans Herz gewachsen. Die Entwicklung Theos im Buch ist enorm. Der anfangs noch sehr kindliche Junge der in seinem Leben so viele Verluste durchlebt, aber auch Freundschaft und Liebe erlebt hat das Buch wirklich getragen. Keine der Figuren ist perfekt oder ein klassischer Held, aber alle tragischen Figuren haben eine gewisse Stärke trotz aller Probleme und alle starken Charaktere kämpfen mit ihren eigenen Schwächen.
„Der Distelfink“ ist ein Buch, dass unglaublich viele Themen behandelt: es dreht sich um Kunst und Drogen, Gewalt und Liebe. Das Buch ist sowohl Krimi als auch Liebesgeschichte, Wirtschaftsthriller und Familienroman. Ich freue mich unheimlich, dass ich dieses Buch für mich entdeckt habe. Ich kann nur begeisterte 5 von 5 Leseratten vergeben, weil es eines der außergewöhnlichsten, beeindruckendsten und mitreißendsten Bücher ist, dass ich seit Langem gelesen habe.



Mit Donna Tartt habe ich eine außerdem neue Autorin nach meinem Geschmack entdeckt, „Der kleine Freund“ und „Die geheime Geschichte“ stehen noch auf meiner Leseliste.

Sonntag, 9. Februar 2014

Rezension: Die Listensammlerin von Lena Gorelik

"Die Listensammlerin" von Lena Gorelik habe ich mir in der Bibliothek vorbestellt und jetzt Dank des "Rückgabe-Drucks" und der tollen Geschichte schnell verschlungen.

"Die Listensammlerin" von Lena Gorelik
Rowohlt Berlin Verlag
352 Seiten
19,95 € (Hardcover)










Sofia macht sich schon immer ihre Gedanken zur Welt, zu ihrer Familie und dem Leben... und notiert die Ergebnisse in ihren Listen. Sie führt Listen über Bücher, die noch geschrieben werden müssen, Listen über die Redewendungen ihrer Großmutter oder die filmreifen Szenen in ihrem Leben. Sofia glaubte immer, die Einzige mit dieser Leidenschaft zu sein, bis sie eines Tages unter den Sachen ihrer Großmutter auf die Listen ihres Onkels Grischa stößt und sich diesem unbekannten Verwandten sehr verbunden fühlt.
"Die Listensammlerin" ist ein berührendes Buch. Es werden die Geschichten von Sofia und dem ihr unbekannten Onkel Grischa, in der ehemaligen Sowjetunion, parallel erzählt. Grischa war genau so ein Querkopf wie Sofia und hatte doch mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Ich kann im Nachheinein gar nicht sagen, welcher der beiden Handlungsstränge, Sofias in der Gegenwart oder Grischas mit seinem Kampf im kommunistischen Russland, mich mehr bewegt hat. Vermutlich war die Kombination der beiden ungewöhnlichen Geschichten genau das, was den Reiz des Buches für mich ausgemacht hat.
Die an einigen Stellen eingeschobenen Listen haben gut zur Handlung gepasst und die Eigenarten der Protagonisten toll unterstrichen. Ehrlich gesagt habe ich kaum genug davon bekommen können und hätte gern mehr von diesen wirrren Gedankensammlungen gelesen. Sie wirkten immer authentisch und fast hat man das Gefühl, in den Aufzeichnungen eines Freundes zu blättern. 
Wie Sofia von ihrer Leidenschaft Listen anzulegen und zu pflegen erzählt kann ich mir richtiggehend vorstellen, wie sie mit Notizbuch und Stift wild vor sich hinschreibt. Manchmal habe ich auch angefangen selbst in Listen zu denken...

Gründe, "Die Listensammlerin" zu mögen
  • tolle Charaktere
  • viele, witzige Listen ;-) das lockert die Handlung auf und zeigt die Eigenarten der Protagonisten wirklich toll
  • viel Gefühl (Humor aber auch Tragik haben sich in diesem Buch vereint)
  • ein ungewöhnlicher Erzählstil (Listen, Dialoge, genaue Beschreibungen, Zeitsprünge) ein wilder aber stimmiger Mischmasch
  • ein Buch voller kleiner und großer Weisheiten
  • Liebe und Mut
"Die Listensammlerin" erzählt davon wie anstrengend aber auch schön Familie sein kann und dass man seine Eigenarten als Stärke akzeptieren sollte. Es berichtet von kleinen und großen Schicksalsschlägen und wie wichtig der Mut ist, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Das Buch hat mich sehr bewegt, aber auch eine Menge Gründe zum Lachen geboten und sich einfach "gut" angefühlt. Wie der Apfelkuchen-Duft, den Sofia in der Wohnung ihrer Großmutter riechen konnte, auch wenn diese gar keinen Apfelkuchen gebacken hatte, hat das Buch eine Menge Wärme und Liebe verströmt.

Unterm Strich, schlicht und ergreifend 5 von 5 Leseratten.

Sonntag, 2. Februar 2014

Rezension: Wiedersehen in Hannesford Court von Martin Davies

Ein Buch meiner Weihnachts-Bestellung war „Wiedersehen in Hannesford Court“ von Martin Davies. Auf dieses Buch war ich im Adventskalender des dtv Verlags aufmerksam geworden und musste es unbedingt lesen. An sich wäre es eine perfekte Weihnachts-Lektüre gewesen, hat sich aber auch im Januar ganz gut geschlagen. Ein bisschen hin und her gerissen bin ich dann unterm Strich aber doch.

„Wiedersehen in Hannesford Court“ von Martin Davies
dtv Verlag
336 Seiten
14,90 € (Klappbroschur)








Tom Allen kommt nach seiner Zeit an der Front im Jahr 1919 das erste Mal wieder nach Hannesford Court, dem Landsitz der Familie Stansbury. Vor Ausbruch des ersten Weltkrieges hat er hier mit seinen Freunden (den Kindern der Familie und deren Clique) eine fröhliche und übermütige Zeit verbracht. Hinter der unbeschwerten Fassade schienen sich jedoch schon vor dem Krieg mehr zu verbergen, als Tom ahnte. Während des letzten Balles in Hannesford Court erlitt einer der Gäste einen Herzinfarkt. Der Sohn des Gastes erhielt kurz vor seinem Tod einen seltsamen Brief von dem alten Herren in dem er berichtete, dass er „Schreckliches“ in Hannesford Court beobachtete. Tom Allen versucht nun den Geschehnissen auf den Grund zu gehen.
Die Geschichte von „Wiedersehen in Hannesford Court“ ist etwas umständlich nachzuerzählen und braucht auch im Buch eine Weile, bevor sie Fahrt aufnimmt. Die ersten Kapitel waren recht zäh und ich habe mich gefragt, ob ich richtig in die Geschichte reinkommen würde. Nach ungefähr dem ersten Drittel des Buches war ich dann komplett in Hannesford Court mit seinem gesellschaftlichen Leben, den Intrigen und persönlichen Zerwürfnissen abgetaucht.
Die Sprache ist sehr detailliert und voll schöner Beschreibungen und passt zur feinen Gesellschaft in der die Handlung stattfindet. Die Abschnitte der Handlung, in denen Tom Allen mittels Gesprächen und eigenen Nachforschungen den Geheimnissen in Hannesford Court nachgeht haben für mich den eigentlichen Charme des Buches ausgemacht. Der Protagonist ist unheimlich sympathisch und trotzdem nicht makellos, seine Zeit während des Krieges beschäftigt ihn wie so viele andere junge Männer seiner Generation. Die so auftretende Kluft zwischen der oberflächlichen Gesellschaft und dem Protagonisten, der diesen schönen Schein hinterfragen möchte, war sehr interessant.
Richtig vom Hocker gehauen hat mich das Buch dann leider unterm Strich trotzdem nicht. Nach dem zähen Start hatte es zwar einen spannenden Mittelteil und ein interessantes Ende zu bieten, war jedoch kein Buch, das mit ganz neuen Ideen daherkommt.
Es fällt mir schwer dieses Buch gerecht zu bewerten, es ist ganz sicher kein schlechtes Buch, aber auch nicht so gut wie andere der mit 4-Ratten bewerteten Bücher. Eine mittelmäßige 3-Ratten-Bewertung ist eigentlich auch wiederum fast zu schlecht für „Wiedersehen in Hannesford Court“… trotzdem vergebe ich 3 von 5 Leseratten (mit Tendenz nach Oben) für diese Geschichte.

Samstag, 21. Dezember 2013

Rezension: Tabu von Ferdinand von Schirach

In einer kleinen Stadt, in einem kleinen niedlichen Laden war ich so verliebt in die heimelige Atmosphäre und die liebevolle Anrichtung der Bücher, dass ich einfach was kaufen musste. Aber was wenn noch fünf Minuten Öffnungszeit bleibt? Man greift zu dem, von dem man schon gehört hatte, dass es gut sein soll. So kam ich zu Schirachs "Tabu".

"Tabu" von Ferdinand von Schirach Piper Verlag

254 Seiten

17,99 € (Hardcover)










Sebastian von Eschberg hatte keine einfache Kindheit und Jugend: Sein Vater erschießt sich mit dem Jagdgewehr als er noch ein Kind ist und er findet ihn als erster. Die Mutter verkauft anschließend den von ihm geliebten Haussitz der Familie am See. Als er 16 ist heiratet sie einen unsympathischen, leicht perversen Mann und schindet sich selbst beim exzessiven Reiten fast zum Krüppel.

Nach der Klosterschule beginnt Sebastian auf der Flucht vor der Vergangenheit bei einem Fotografen zu arbeiten und eignet sich alles nötige technische Wissen an. Mit 25 macht er sich als Fotograf und später als Künstler selbstständig. Seine Fähigkeit die Welt in anderen Farben zu sehen, geben seinen Bildern einen besonderen Sepia-Ton, der für ihn die "Farben in seinem Kopf zur Ruhe bringt".

Als er auf Sofia trifft, scheint ein bisschen Normalität möglich zu sein, doch Sebastian verliert sich immer noch in seiner Vergangenheit, der Kunst und der Suche nach der Wahrheit.

Dann wechselt die Geschichte. Es geht nun um den Prozess gegen Sebastian aus der Sicht seines Anwalts Bieglers. Hier beginnt der Teil, weswegen das Buch durch die Presse ging: Ist Folter ein zulässiges Mittel bzw. wie weit darf man gehen im Kampf um Gerechtigkeit und für den Schutz anderer Menschen?

Ich hoffe, ich habe jetzt nicht zu viel verraten. Das liegt aber vor allem daran, dass der Teil des Buches, von der Presse besonders hervorgehoben wurde, der eigentlich nur das letzte Drittel umfasst. Deswegen war ich zunächst ob dieser Erwartungshaltung etwas irritiert von der "langen" Einleitung. Sie war allerdings nicht lang und schon gar nicht uninteressant: Deswegen wollte ich bei der Inhaltsbeschreibung deutlich machen, dass es um noch viel mehr in diesem Buch geht.

Denn die Frage zu Folter ja oder nein bzw. wie weit man gehen darf, war für mich nicht aufwühlend und meiner Meinung nach hat von Schirach seine Meinung in einer Szene eindeutig klar gemacht und dennoch Raum gelassen für den "Mut" derjenigen, die sich anders entscheiden.

Viel interessanter fand ich die Vielschichtigkeit der Hauptfigur und die geschickten Verwirrung des Lesers inklusive des für mich zwar nicht überraschenden aber dennoch intelligenten Endes. Bei allem Tiefgang lies sich das Buch dennoch leicht und spannend. In zwei Tagen hatte ich es ausgelesen.

Wer noch ein Last Minute Weihnachtsgeschenk braucht: Hier ist es. Es ist spannend, fantasievoll, regt zum Nachdenken an und ist dennoch irgendwie kurzweilig. Die skurrile Fähigkeit der Hauptfigur die Welt in eigenen Farben wahrzunehmen, hat mich etwas irritiert und die Notwendigkeit habe ich nicht ganz verstanden, es ist eher ein nettes Gimmick. Auch die Geschichte um die Nachbarin lief für mich etwas ins Leere. Aber auch das kann an der Erwartungshaltung gelegen haben.

Insgesamt vergebe ich vier von fünf Leseratten, weil bei aller Brillanz ein paar Staubkörner die Sicht trübten.

Samstag, 30. November 2013

Rezension: Liebe und andere Parasiten von James Meek

Ich bin dahin! Ja, manche Bücher schleichen sich einfach so an und bleiben dann in Herz und Kopf hängen. Da sitzen sie dann und lassen einen nicht mehr los. So ist es mir mit „Liebe und andere Parasiten“ gegangen.

„Liebe und andere Parasiten“ von James Meek
DVA Verlag
560 Seiten
22,99 € (Hardcover)









Ritchie Sheperd ist ein in die Jahre gekommener Rockstar, arbeitet mittlerweile als Fernsehproduzent und lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in einer schönen Villa. Er könnte einfach ein zufriedenes Leben führen, wäre er nicht eine Affäre mit einem jungen Mädchen aus seiner Fernsehshow eingegangen. Diese Affäre bringt Ritchie in Teufelsküche und sorgt für Verwicklungen nicht nur in seinem, sondern auch im Leben seiner Schwester Bec, einer talentierten und ehrgeizigen Biologin.
Die Geschichte von „Liebe und andere Parasiten“ zusammenzufassen ist nicht ganz einfach. Nicht, weil die Geschichte unstrukturiert oder unklar wäre, eher weil kein Teilaspekt allein das Buch passend beschreibt. Erst wer in diese facettenreiche Geschichte eintaucht, kann dem Buch auch gerecht werden. Aber da ich nicht zu viel verraten möchte, belasse ich es dabei, dass es um Malaria, Krebs, Liebe und andere Parasiten geht…
Dem Autor ist es in diesem Buch wunderbar gelungen große Fragen des Lebens perfekt in die eigentliche Handlung einzuweben. So werden das Ziel im Leben, Liebe, Geld, Moral, Treue und Verrat thematisiert. Dabei werden keine platten Klischees bedient, sondern die Probleme und Wünsche der Charaktere nachvollziehbar und ehrlich dargelegt. Bis zum Ende war ich gespannt, wie die verschiedenen Konflikte wohl gelöst werden, ob Moral oder Verrat sich durchsetzen, ob Religion oder Wissenschaft den Vorrang haben. Am Ende hat sich die Handlung einfach toll gefügt. Schön fand ich, dass auch bei den moralischen Fragen und Problemen deutlich wurde, dass es im Leben nicht immer ein klares Richtig und Falsch gibt. Die Handlung hatte dadurch etwas sehr Echtes und Wahres.
Ein Roman, der sich mit diesen zum Teil schwierigen Themen beschäftigt, könnte den Leser leicht erschlagen. „Liebe und andere Parasiten“ hat aber trotz einer Menge Denkanstöße leicht und locker gewirkt, durch eine große Portion britischen Humor hat die Geschichte nämlich vor allem immer Spaß gemacht. Das Buch hat mich ein bisschen an Irvings „wilde Geschichte vom Wassertrinker“ erinnert, aber meiner Meinung nach ist „Liebe und andere Parasiten“ noch einmal stärker. Die Charaktere und Begebenheiten sind zwar ähnlich skurril, die Handlung aber für mich viel mitreißender.
Ich könnte noch eine ganze Weile schwärmen, über den Erzählstil, die Dialoge, den Humor, die Charaktere und die vielen interessanten Themen des Buches. Für mich ist „Liebe und andere Parasiten“ ein absolutes Highlight, von daher möchte ich dieses Buch allen ans Herz legen, die ein Buch lesen möchten, das Futter für Herz und Verstand bietet und dabei einfach eine Menge Spaß macht. 5 von 5 Leseratten und ein Platz in meiner Top 20 Liste, da es eines der Bücher ist, die ich definitiv noch einmal lesen werde und das mir lange im Herzen bleiben wird.
 

Vielen Dank an den DVA Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Montag, 25. November 2013

Angelesen: White Horse

Noch ein Montag ohne Montragsfrage. Doch keine Sorge: Im Hause Read Pack ist eine Menge im Gange. Susi bereitet eifrig eine Überraschung für das Neue Jahr vor und ich nutze die fragenfreie Zeit für ein neues "Angelesen". 
Eigentlich wollte ich eines der aktuellen Vorablesen Bücher vorstellen, muss aber leider zugeben: ich konnte mich für Keines von Beiden begeistern. Deswegen stelle ich euch heute schoneinmal eines meiner nächsten Bücher vor, auf das ich während meiner vielen Recherchen in letzter Zeit gestoßen bin.

"White Horse" von Alex Adams
Piper Verlag
Eine Leseprobe findet ihr hier










Ich bin ein kleiner Cover-Fetischist und bin so mehr oder minder zufällig vor Kurzem auf "White Horse" gestoßen. Irgendwie finde ich das Coverbild bedrückend und gleichzeitig faszinierend, dazu der interessante Titel, daran kam ich einfach nicht vorbei. Als ich mich dann näher über das Buch informiert habe war mein Interesse sofort geweckt: die Geschichte von der Büchse der Pandora, die zu Öffnen Unheil bringt, in eine moderne Welt zu übertragen klingt einfach phantastisch. 
Die Leseprobe hat dann bei mir heute den Ausschlag gegeben, dass ich sage: ja, ich würde dieses Buch gern lesen. Die Geschichte der Seuche "White Horse" wird von der Hauptprotagonistin Zoe erzählt. Dabei springt die Handlung ständig zwischen dem Zeitstrang der Vergangenheit kurz vor bzw. zu Beginn der Seuche und in die Gegenwart, zum Überlebenskampf in eine zerstörte Welt.
Noch sind die Erzählfäden sehr lose und es ist nicht abzusehen, wohin sich die Geschichte entwickeln wird. Aber auf die Thematik freue ich mich schon jetzt sehr und der knappe aber trotzdem anschauliche Erzählstil gefällt mir bisher auch sehr gut.


Eine Neuigkeit am Rande:


"White Horse" möchte ich lesen, dass steht schon fest. Generell möchten wir aber eure Meinung zu den vorgestellten und angelesenen Büchern gern hören. Dafür gibt es ab heute die Reaktionen-Button, in denen ihr die Beiträge kurz und knapp bewerten könnt. 
Auf eure Meinung sind wir gespannt!

Sonntag, 24. November 2013

Rezension: Ein Schmetterling im November von Audur Ava Ólafsdóttir

Den Tag gestern habe ich in Island verbracht... Nagut, eigentlich habe ich auf dem Sofa gelegen und meinen Wintertee getrunken, aber es hat sich so angefühlt als hätte ich mit diesem wunderschönen kleinen Buch eine Reise durch Island unternommen. Da es wunderbar zur kalten Jahreszeit passt möchte ich euch heute also "Ein Schmetterling im November" vorstellen.

„Ein Schmetterling im November“ von Audur Ava Ólafsdóttir
Suhrkamp Insel Verlag
Verlagsseite zum Buch
355 Seiten
22,95 € (Hardcover)









Den Beginn der Geschichte bildet das Ende der Ehe unserer namenlosen Protagonistin. Der Mann trennt sich von ihr, hat eine Neue und möchte mit dieser ein Kind bekommen. Die Protagonistin selbst wollte keine eigenen Kinder, war mit Arbeit und Mann zufrieden (obwohl auch sie ihn schon betrog) und wirkt nun ziemlich desorientiert. Als sie gerade dabei ist ihr Leben neu zu sortieren, eine Reise plant und alles verarbeiten möchte, stürzt ihre schwangere beste Freundin. Da diese nun ins Krankenhaus muss bleibt es an unserer Protagonistin auf den Sohn der Freundin achtzugeben. Kurz entschlossen nimmt sie den kleinen gehörlosen Jungen mit auf ihre Reise durch Island.
Ich hatte mich schon direkt bei der Leseprobe in diese Geschichte verliebt, der Schreibstil ist fein und detailliert, hat einen gewissen Witz und liest sich unheimlich flüssig. Noch dazu hat die Geschichte mich von Beginn an richtig neugierig gemacht. Ich wollte zu jeder Zeit wissen wohin es mit der Handlung und den Personen gehen wird. Die selbstgewählt kinderlose Protagonistin und der kleine gehörlose Junge mit der dicken Brille sind einfach ein skurriles Paar und mir sofort ans Herz gewachsen.
Die Geschichte wird aus der Perspektive der Protagonistin erzählt und man merkt, wie sich nicht nur ihre Lebenssituation sondern Stück für Stück auch sie selbst sich verändert. Sowohl die ungewöhnliche Situation ihrer Reise als auch ihr besonderer Reisegefährte machen sie zu einer stärkeren Frau. Und obwohl sie keinen Namen hat ist man dieser Hauptfigur einfach nah. Die besondere Stärke dieses Buches ist in meinen Augen gerade diese besondere Atmosphäre der Geschichte. Man meint gemeinsam mit diesen beiden Figuren durch das kalte unwirtliche Island im November unterwegs zu sein. Die wunderschönen Landschaftsbeschreibungen zusammen mit den leisen und detaillierten Erzählungen über die Erlebnisse der beiden machen alles irgendwie echt.
Ich kann dieses Buch allen ans Herz legen die Lust auf eine ruhige Geschichte über zwei besondere Menschen haben. Ich selbst habe dieses Buch absolut genossen und habe mich in seiner Stimmung einfach wohl gefühlt. Eine Besonderheit noch: am Ende des Buches finden sich die Rezepte der von den Personen verspeisten Gerichte, manche richtig beschrieben, manche witzig gemeint. Insgesamt ein netter Anhang zum Schmunzeln… und den Apfelkuchen werde ich vermutlich wirklich mal probieren.
Insgesamt 5 von 5 Leseratten von mir für diese wunderschöne Geschichte.


Vielen Dank an den Insel Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Mittwoch, 13. November 2013

Rezension: Jeder stirbt für sich allein von Hans Fallada

Vor etwa zwei Jahren las ich die Biografie von Hans Fallada "Mehr Leben als eins" von Jenny Williams. Auch ein sehr gutes, beeindruckendes Buch. Es war unter anderem deswegen so interessant, weil es kurze Buchbesprechungen aller Romane von Hans Fallada enthält und so machte es mich neugierig auf "Jeder stirbt für sich allein", das vor einigen Jahren vor allem in den USA eine Renaissance erlebt hatte.


"Jeder stirbt für sich allein" von Hans Fallada Aufbau-Verlag

704 Seiten

12,99 € (Taschenbuch)

(Ich bin ehrlich: Ich selbst besitze es nicht, sondern habe es mir damals von meinen Eltern als Hardcover ausgeliehen.)




Das Buch erzählt die wahre Geschichte des Ehepaares Otto und Anna Quangel (eigentlich Hampel), das 1940 beginnt Postkarten mit Antinazi-Parolen in Berlin zu verteilen, um damit Widerstand gegen das Regime zu üben, in der Hoffnung, dass es anderen die Augen öffnet und es den Krieg beendet.

Doch das Buch besteht aus vielen weiteren kleinen Geschichten und ebenso vielen Figuren und Charakteren. Damit zeichnet es ein umfassendes Bild des alltäglichen Lebens zur damaligen Zeit. Ob Trudel Hergesell, die Verlobte des im Krieg gefallenen Quangel Sohnes, die in einer kommunistischen Widerstandszelle aktiv ist, diesen Widerstand aber aufgibt, als es um ihr Leben, das ihres Mannes und ungeborenen Kindes geht. Oder der Kommissar Escherich von der Gestapo, der auf der Suche nach dem Postkartenverteiler die Methoden der Nazis am eigenen Leib zu spüren bekommt, weil er anderen Mitgliedern der Gestapo zu überheblich erscheint.

Es gibt noch etliche Figuren mehr: Nazitreue, stille Mitläufer, Widerständler, kleine Kriminelle, Intellektuelle, aber vor allem ganz normale Menschen. Der Terror, die Willkür und die ständige Angst, die damals zum Alltag gehörten, werden mit Händen greifbar. Es macht einen ehrfürchtig und begreiflich, wie schwierig es war, Widerstand zu leisten und ist gleichzeitig eine Ehrung für alle, die irgendwie und wenn auch nur im Kleinen Widerstand geleistet haben.

Das Buch fesselt einen mit seinen vielen Schicksalen und Geschichten, wird dabei jedoch niemals unübersichtlich. Es ist keine schwere Kost, trotz des ernstes Themas, es ist ebenso wie das Leben in jeder schweren Stunde immer noch gelegentlich amüsant, spannend und liebenswert. Es lässt einen nicht wieder los, wenn es auch manchmal schwierig war, wieder zum Buch zu greifen, weil es einen mit so lebendigen Worten und Bildern in diese Zeit bringt, in der keiner von uns hätte leben wollen.

Es ist für mich ebenso wie "Die Unsichtbare Brücke" von Julie Orringer eine Pflichtliteratur. Ich habe sehr viel über die NS-Zeit gelesen, gesehen, gesprochen, nachgedacht, debatiert Doch nichts hat mir so wie dieses Buch vor Augen geführt, was diese dunkelste Stunde der Geschichte wirklich für den Einzelnen bedeutete. Deswegen gibt es von mir voller Ehrfurcht vor diesem Werk fünf von fünf Ratten und einen Platz auf der Liste meiner Lieblingswerke.


Sonntag, 10. November 2013

Rezension: Das Wesen der Dinge und der Liebe von Elizabeth Gilbert

Auf vorablesen.de habe ich Kapitel 5 des Buches gelesen und war total verliebt in die Sprache und die exzentrischen, einzigartigen Figuren. Ich war sehr traurig, als ich es nicht gewann und sehr glücklich, als ich es zum Geburtstag bekam. Leider hielt diese Freude jedoch nicht bis zum Schluss.

http://www.amazon.de/Das-Wesen-Dinge-Liebe-Roman/dp/3827011566/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1383484758&sr=8-1&keywords=das+wesen+der+dinge+und+der+liebe "Das Wesen der Dinge und der Liebe" von Elizabeth Gilbert Bloomsbury Berlin

699 Seiten

22,99 € (Hardcover)

Eine Leseprobe von vorablesen.de findet ihr hier.







Alma Whittaker ist ein priviligiertes Kind: Sie wird zu Beginn des Jahres 1800 geboren. Ihr Vater hat ein Vermögen mit dem Handel von Pflanzen und pharmazeutischen Mitteln verdient. Er und ihre Mutter sind die Bildung des Kindes das Wichtigste. So wird Alma noch vor dem Laufen und Sprechen vor allem das Denken und Erkunden gelehrt. Bereits als Kleinkind soll sie sich an den Tischgesprächen der großen Dinerabenden beteiligen, zu denen zahlreiche Größen verschiedener Felder geladen werden.

Das plus die Geschichte ihres Vaters umfasst die ersten fünf Kapitel und ich habe sie genossen. Die anschließende Geschichte ihrer Jugend war auch noch einigermaßen interessant und spannend, wenn auch der Teil über die Entwicklung ihrer Sexualität etwas irritierend für mich war. Das könnte man aber noch mit falschen Erwartungen meinerseits nach der idyllischen Beschreibung der Kindheit erklären. Was mich jedoch mehr störte, war der schleichende Verdacht, dass jeder für spontanes und unüberlegtes Handeln bestraft zu werden schien. Der anschließende Sprung von 26 Jahren und die unglücklichen Leben der einzelnen Personen verstärkte diesen Eindruck. Das Leben der Protagonisten begann mich zu deprimieren und schien sich mit den folgenden Worten (später auf Seite 540) am besten zusammenfassen zu lassen: "etwas Ergiebiges, bedächtig Wucherndes, das man über Jahre hinweg studieren und damit die Jahrzehnte herumbringen konnte, ohne der Einsamkeit zu verfallen."

Nicht gerade motivierend. "Das Leid" (und ich setze es bewusst in Anführungsstriche), das Alma später erfährt bzw. die aufgedeckten Verwicklungen in ihrer Jugend waren mir definitiv zu platt, fast schon lächerlich und pseudo-Jane-Austen-abgekupfert. Im Verlauf des weiteren Buches begann ich mich sogar über diese Geschichte zu ärgern und hätte es ohne den Blog einfach zur Seite gelegt. Anschließend habe ich mich durch die 300 Seiten mehr oder weniger gequält. Nur der anhaltend gute Schreibstil und die gut recherchierten Fakten halfen mir etwas. Das Ende ließ mich ebenfalls nur müde lächeln, wenn mir auch auf der vorletzten Seite und damit definitiv sowas von zu spät klar wurde, was Elizabeth Gilbert mit diesem 700-Seitenwälzer beabsichtigt hatte.

Nach so viel Analyse kurz und knapp: Zwei von fünf Ratten von mir, für den Schreibstil und die offensichtliche Recherchearbeit. Die Geschichte war fast durchweg öde, unglaubwürdig und zum Teil lächerlich. Ich denke, Elizabeth Gilbert wollte ein Werk zu Ehren von intelligenten und mutigen Frauen und einen Aufruf zum Erkennen der Schönheit und Vielfalt der Welt schaffen. Allein, es ist ihr meiner Ansicht nach nicht geglückt.


Samstag, 2. November 2013

Rezension: Die unsichtbare Brücke von Julie Orringer

Neben dem Großen Los von Meike Winnemuth war dieses Buch mein literarisches Highlight dieses Jahr und es passte dazu noch zu den Reiseplänen, die ich nicht wahr gemacht, aber nicht vergessen habe und dem Hauptthema einiger Bücher, die ich dieses Jahr gekauft habe: Das Judentum.

"Die unsichtbare Brücke" von Julie Orringer Kiepenheuer&Witsch

815 Seiten

12,99 € (Paperback)








Das Buch beginnt wie eine ungehörig klingende, seichte Liebesgeschichte, die es doch so im wahren Leben niemals geben kann: Andras Lévi, ein junger Jude aus Budapest, geht 1937 nach Paris, um dort Architektur zu studieren, weil er es in seiner Heimat Ungarn aufgrund der Studentenquoten für Juden nicht kann. Er kennt die Sprache kaum und hat keinen weiteren Plan, es ist eine Reise ins Unbekannte. Doch er findet ein Zimmer und einen Mentor in einem seiner Professoren, der ihm die Sprache beibringt und Freunde. Und die Liebe: Klara Morgenstern ist Balettlehrerin mit einem Geheimnis, sie hat Ungarn aus unbekannten Gründen verlassen müssen. Eigentlich soll sich Andras in ihre Tochter verlieben, doch er interessiert sich mehr für die elegante und intelligente Claire. Er wird fast krank vor Liebe und Verlangen und es beginnt nach einer Weile beinahe schon eine amour fou. Doch das ist nicht alles: Die Weltgeschichte holt dieses ungewöhnliche Liebespaar ein. Der Zweite Weltkrieg bricht aus und Andras muss zurück nach Budapest, wo er zum Arbeitsdienst eingezogen wird.

Mehr möchte ich wirklich nicht verraten, es ist schon fast zu viel. Aber es ist wichtig zu wissen, dass dieses Buch mehr ist, als eine schnöde Liebesgeschichte mit Tücken und Hindernissen und mehr ist, als eine weitere tragische Geschichte zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges. Dieses Buch reißt einen mit und erschüttert einen bis ins Mark. Die Beschreibungen sind durchweg so lebendig und glaubwürdig, dass man den Schmerz und die Freude der Figuren am eigenen Leib spürt - ein Buch, dass einen auch wahrhaft zum Weinen bringt.

So ein intensives Zeitzeugnis habe ich bisher nur bei Hans Falladas "Jeder stirbt für sich allein" erlebt. Es beleuchtet ein anderes Kapitel dieser brutalen Zeit und lässt einen wahrhaft spüren, was es hieß, zu dieser Zeit zu leben. Darüber hinaus eröffnet es einem einen neuen Blick außerhalb der deutschen Schrecken, einen unverstellten Blick auf ein Europa, dass über Deutschland hinaus anitsemitisch war und gleichzeitig einen Blick in die jüdische Religion.

Alle Figuren und alle verschiedenen Schicksale sind sehr gut beschrieben und beleuchtet. Es gibt wirklich nichts, was man an diesem Buch kritisieren kann. Dazu kommt noch, was ich erst auf der letzten Seite erfuhr: Es ist wirklich alles wahr, es ist die Familiengeschichte der Autorin, all diese Dinge, in ihrer Schönheit, Besonderheit und ihrem Schrecken, sind wirklich passiert.

Ich möchte diesem Buch fünf von fünf Leseratten geben, weil ich finde, dass es einen unschätzbaren Wert hat und von jedem mindestens einmal gelesen werden muss. Um sich bewusst zu machen, was in Europa in diesen Jahrzehnten geschah und um zu verhindern, es je wieder geschehen zu lassen.


Sonntag, 27. Oktober 2013

Rezension: Die drei Leben der Tomomi Ishikawa von Benjamin Constable

Eine ganz liebe Freundin hat „Die drei Leben der Tomomi Ishikawa“ von Benjamin Constable über Vorablesen erbeutet und war so lieb mir das Buch zu leihen. Ich hatte bei der Verlosung nämlich auch mitgemacht, aber leider kein Glück dabei.

„Die drei Leben der Tomomi Ishikawa“ von Benjamin Constable
script5 Verlag
383 Seiten
18,95 € (Hardcover)
(eine Leseprobe von Vorablesen findet ihr hier)







Tomomi Ishikawa und Benjamin Constable sind enge Freunde, sie können nächtelang über das Leben philosophieren und scheinen sich in mancher Hinsicht doch kaum zu kennen. Eines Tages erreicht Ben ein Brief von Tomomi, in dem sie ihm mitteilt, dass sie tot ist. Ben fällt aus allen Wolken, gleichzeitig ist er verunsichert von Tomomis Brief. Sie gibt ihm darin seltsame Anweisungen und startet eine Art Schnitzeljagd, die ihn ihr näherbringen soll. Diese Spurensuche führt Ben mittels Briefen und Notizbüchern, Mails und in ganz Paris verteilten Hinweisen durch wichtige Stationen in Tomomis Leben. Er landet schließlich gar in New York, wo Tomomi aufwuchs und lernt seine Freundin endlich kennen.
„Die drei Leben der Tomomi Ishikawa“ hat eine wunderschöne, philosophisch-träumerische Sprache und liest sich trotzdem leicht und flüssig. So kam es, dass ich unglaublich schnell in die Geschichte eingetaucht bin. Die moderne Schnitzeljagd, die Tomomi für ihren Freund gestaltet, hat mich richtig fasziniert. Das Besondere ist nicht allein die Suche von Ben nach der Wahrheit über seine Freundin, sondern dass der Leser dabei genauso mitzweifelt und spekuliert wie die Hauptfigur selbst. Was ist wahr an dem was Tomomi schreibt? Hat sie all das wirklich erlebt? Was ist sie für ein Mensch?
Stück für Stück taucht Ben tiefer in die Geheimnisse um Tomomi ein und gleichzeitig ergeben sich immer seltsamere Situationen und Begegnungen. An manchen Stellen tauchen mehr Fragen als Antworten auf und haben bei mir den Wunsch zu erfahren wie das nun alles zusammenpasst immer weiter angetrieben. Die Charaktere geben der Geschichte eine ganz besondere Stimmung. Sie sind geheimnisvoll, widersprüchlich und wirken einfach lebendig, so seltsam sie sich auch manchmal verhalten. Ben, der die Geschichte aus seiner Perspektive schildert, scheint Autor, Protagonist und gleichzeitig der Berater des Lesers zu sein. An einigen Stellen ist es, als wendet sich Ben direkt an den Leser, teilt seine eigenen Zweifel mit, dann wiederum schildert er seine Erlebnisse unmittelbar und ungefiltert ohne konkreten Adressaten.
Für mich wurde dieses Buch zu einem wirklichen Highlight weil es mit Erwartungen und Realitäten spielt. Weil einem die Geschichte und ihre Auflösung, nachdem man das Buch zuschlägt, noch eine Weile im Kopf herumspukt. Die Geschichte ist einfach ganz besonders konstruiert. Ich hatte ein bisschen Angst vor dem Ende, bei derart aufgebauten Geschichten besteht die Gefahr, dass das Ende enttäuschen wird. Ich werde natürlich nichts verraten, kann nur aus meiner Sicht sagen, dass das Buch für mich einen “unspektakulären“ aber in sich gerade daher so logischen und fantastischen Schluss gefunden hat. Es hat dann einfach alles zusammengepasst. Deswegen, kurz und gut: 5 von 5 Leseratten.


(P.S. ich habe echt ein schweres Los im Moment: ein gutes Buch nach dem anderen liegt auf meinem Bücherstapel und obwohl ich  euch wirklich gern zeigen würde, dass ich auch kritisch sein kann muss ich einfach meine überschwängliche Begeisterung mit euch teilen ;-)... ich hoffe es wird mir verziehen)

Samstag, 19. Oktober 2013

Rezension: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert von Joel Dicker

Nachdem ich euch schon „Shotgun Lovesongs“ vorgestellt habe möchte ich auch mein zweites Sommerhighlight noch nachträglich ins Rampenlicht schubsen „Die Wahrheit über den Fall des Harry Quebert“ von Joel Dicker. In meinem Urlaub habe ich diesen Schinken geradezu verschlungen und zwei Tage hintereinander bis spät in die Nacht gelesen.

„Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ von Joel Dicker
Piper Verlag
736 Seiten
22,99 € (Hardcover)








Die Hauptfigur des Romans Marcus Goldmann ist ein gefeierter Autor, der jedoch nach dem glänzenden Debüt in einer Schaffenskrise steckt und einfach keinen Nachfolgeroman liefern kann. Um Ruhe und Inspiration zu finden begibt er sich zu seinem ehemaligen Mentor Harry Quebert nach Aurora, einem kleinen Ort an der Ostküste der USA. Zeitgleich kommen nahezu unglaubliche Geschehnisse ins Rollen. Auf dem Grundstück von Harry wird die vergrabene Leiche von Nola, einem Mädchen das vor 33 Jahren im Ort verschwand, gefunden. Harry Quebert unterhielt damals eine Liebesbeziehung zu dem jungen Mädchen und gerät schnell zum Hauptverdächtigen. Marcus, der seinen Mentor nicht im Stich lassen will versucht aufzuklären was damals wirklich geschah. In vielen Gesprächen mit den Einwohnern des Ortes klärt er so nicht nur auf, wer Nolas Mörder war, sondern erfährt auch die Wahrheit über den Fall Harry Quebert.
Ich mag Bücher die „irgendwas mit Wahrheit“ zu tun haben, mit dem aufklären dunkler Geheimnisse und menschlicher Konflikte. Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert bietet all das. Besonders die thematische Mischung hat mir hierbei gefallen: die Suche nach dem Mörder von Nola, die Rückblenden zur Liebesbeziehung aber auch die literarischen Einschübe, nämlich Gespräche zwischen Marcus und seinem Mentor über das Schreiben eines perfekten Romans. Dazu kommen viele spannende Wendungen der Handlung und ab und zu eine Prise Humor. Für mich eine unwiderstehliche Mischung.  Ja, manchmal sind die Liebesszenen unverhältnismäßig Kitschig aber ihr Anteil war immer angenehm ausgewogen und hat mich so gar nicht gestört, im Gegenteil ich habe mich sogar davon begeistern lassen. Der Erzählstil ist angenehm, lässt sich flüssig lesen und ist dennoch nicht zu arm an genauen, stimmungsvollen Beschreibungen.
Richtig angetan haben es mir außerdem die Charaktere, die herrische Imbissbesitzerin mit ihrer einfachen Tochter und dem Mann, dem ständig der Mund verboten wird. Der Vater des verschwundenen Mädchens aber auch der Hauptprotagonist und sein Mentor. Alle Figuren haben toll zum großen Ganzen der Geschichte gepasst, konnten aber auch jeder für sich mit einer Menge kleiner Probleme oder Eigenarten überzeugen. So kam in den über 700 Seiten nie Langeweile auf, es blieb sowohl in der Haupthandlung als auch in allen Nebensträngen immer spannend.

Unterm Strich: 5 von 5 Leseratten von mir, der ein oder andere mag das Buch kritisieren weil die Wendungen nicht überraschend genug waren oder ihm der Anteil der Liebesszenen zu hoch war. Dem kann ich nicht zustimmen, mich hat die Geschichte einfach völlig überzeugt und vor allem richtig, richtig gut unterhalten!

Freitag, 18. Oktober 2013

Rezension: Der Wolkenatlas von David Mitchel

Ich hatte von dem Film gehört, dass er nicht so gut sein sollte und da lag der ursprüngliche Roman vor mir auf meinem geliebten Hugendubel-Empfehlungstisch. Und da dachte ich mir: Warum Geld für den Film ausgeben, wenn man das Original haben kann? Ein weiser Gedanke, der zu einer guten Kaufentscheidung führte.

"Der Wolkenatlas" von David Mitchell Rowohlt Verlag

668 Seiten

9,99 € (Taschenbuch)









Ich wil gar nicht so viel zum Inhalt sagen - denn das spannendste an dem Buch ist nicht zu wissen, wohin es mit einem will. Nur so viel: Es geht um sechs verschiedene Leben, sechs verschiedene Geschichten, sechs verschiedene Welten. Und sie gehören zusammen.

Der Inhalt ist auch nicht das eigentlich Entscheidende und auch nicht das, was dieses Buch zu etwas Besonderem macht. Es ist die Art, wie David Mitchell einen immer wieder gefangen nimmt. Die Geschichten gehen abrupt ineinander über und sind geprägt von verschiedenen Orten, Zeiten ja sogar Schreibstilen und Sprachen. Es verärgert einen regelrecht, wenn man wieder in die nächste Welt gestoßen wird. Aber es dauert keine fünf Seiten und man ist wieder gefangen und ganz drin in der neuen Geschichte. Und das fand ich unheimlich beeindruckend. Der Autor benötigt nicht viele Beschreibungen oder Erklärungen und man weiß dennoch genau, wie diese neue Welt funktioniert. Man muss einfach nur lesen und in die jeweiligen Abenteuer eintauchen und genau das macht die Qualität das Buches aus! Es ist so überzeugend, dass man nie aus diesen Geschichten erwachen kann, denn es gibt nichts, was einen daran zweifeln lassen könnte, dass es nur ein Traum ist. Und dabei ist es witzig, spannend, tragisch, interessant, anregend, philosophisch und unheimlich echt.

Dieses Buch sind eigentlich sechs Bücher und voller Ehrfurcht erstarrt man vor so viel Kreativität und ernsthafter Literatur. In der heutigen kurzlebigen Welt nimmt man sich kaum noch die Zeit für ein richtiges Buch, David Mitchel hat gleich sechs für eins geschrieben.

"Der Wolkenatlas" ist perfekt für alle, die gute Geschichten mögen, gerne stundenlang schmökern und in andere Welten abtauchen. Ich fand es toll so sehr in dem Buch und seinen Figuren verschwinden zu können. Es tut mir wirklich unheimlich Leid bei meinem harten Bewertungsmaßstab nur vier von fünf Leseratten vergeben zu können, aber das liegt lediglich daran, dass ich mich trotz der Schönheit nur in eine der sechs Geschichten wirklich verliebt habe. Davon hätte ich so gerne so viel mehr gehabt.

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Rezension: Wir in drei Worten von Mhairi McFarlane


Ich bin eine kleine Romantikerin, aber ich stehe nicht wirklich auf Kitsch. Deswegen finde ich es schwierig Bücher mit schönen Liebesgeschichten zu finden. Daher war ich sehr froh, als auf vorablesen.de eine Leseprobe von "Wir in drei Worten" angeboten wurde und ich das Glück hatte ein Leseexemplar zu gewinnen!

 "Wir in drei Worten" von Mhairi McFarlane Verlagsgruppe Droemer Knaur

 495 Seiten

 9,99 € (Taschenbuch) 

(Eine Leseprobe von Vorablesen findet ihr hier)

 




Rachel und Ben waren zu Unizeiten die besten Freunde, zehn Jahre später treffen sie sich zufällig wieder: Rachel hat sich gerade nach 13 Jahre Beziehung von ihrem Verlobten getrennt, nachdem die Differenzen bei den Hochzeitsvorbereitungen unübersehbar wurden. Ben ist erfolgreich, verheiratet und immer noch sehr gut aussehend.

In zwei parelleln Erzählsträngen wird einmal die Freundschaft zwischen Rachel und Ben zu Unizeit und die Geschehnisse der Gegenwart erzählt. Das Buch beginnt zunächst sehr lustig - die Vergleiche und Metaphern haben mich oft laut lachen lassen. Rachel ist als Figur sehr authentisch und gibt als Ich-Erzähler einen tiefen Einblick in ihre Gedanken- und Gefühlswelt. "Wir in drei Worten" scheint eine typische britische Liebesgeschichte zu sein - Rachel hat zwei beste Freundinnen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und einen männlichen Freund, die gemeinsam eine Menge Spaß haben, immer in Verbindung mit viel Alkohol. Sie stolpern durchs Leben und wissen auch mit über dreißig noch nicht, was sie wollen und fühlen sich noch immer nicht erwachsen.


Die Geschichte ist sehr spannend, denn von Beginn an ist klar, es muss vor zehn Jahren etwas zwischen Ben und Rachel passiert sein, von dem niemand weiß, deswegen verfolgt man gebannt, die in die Hauptgeschichte eingefügten Rückblenden. Die sind absolut wunderbar, lustig und ganz wichtig zum schmachten - jede romantische Seele wird zum klingen gebracht. Die Gegenwartsgeschichte hinkt allerdings etwas: Der Schreibstil ist hier ebenfalls sehr schön, es gibt wunderbare Beschreibungen und witzige Bemerkungen, es macht wirklich Spaß sie zu lesen. Aber die ganzen Verwicklungen und "Dramen" waren mir doch zu viel. Am Ende jagte ein Ereignis das nächste, das überhaupt keinen Einfluss auf die Geschichte hat und am Ende war irgendwie jeder in jeden verliebt - es war einfach nur unnötig und nahm der Schönheit der eigentlichen Liebesgeschichte etwas von ihrem Glanz. Die Zuspitzung am Ende war für mich unglaubwürdig und einfach nur eine unnötige Verlängerung der Geschichte. Insgesamt hätte ich das Buch um einige Seiten gekürzt, um einfach nur noch die wahre Essenz der Geschichte mit all ihrer Romantik und ihrem Witz genießen  zu können. Und besonders hätte ich die letzten beiden Seiten gestrichen, denn auf der vorvorletzten Seite die letzten Zeilen, die Worte von Ben, wären der schönste Abschlusssatz gewesen, den ich je in einer Liebesgeschichte gelesen habe.

Ich finde es wirklich sehr schade, dass ich nur drei von fünf Leseratten vergeben kann. Aber Es ist Mhairi McFarlanes erster Roman und so hoffe ich auf das nächste Buch, wo vielleicht der wunderbare Schreibstil auf eine bessere Geschichte trifft. 

Dienstag, 1. Oktober 2013

Rezension: Madame Hemingway von Paula McLain

Ich lese gern die Biografien und Geschichten von Schriftstellern und deren Frauen. Madame Hemingway war meine bisher zweite Chance das Leben einer Schriftstellerehefrau kennenzulernen und dabei viel über den Charakter einer früheren Zeit zu erfahren. 




„Madame Hemingway“ von Paula McLain 
Aufbau-Verlag 


436 Seiten (plus 16 Seiten Zusatzmaterial und Pariskarte)
9,99 € (Paperback)





Hadley Richardson ist nach den Begriffen ihrer Zeit zu Beginn der Geschichte schon fast eine alte Jungfer: Sie ist 29 Jahre alt, als sie den acht Jahre jüngeren Ernest Hemingway trifft. Noch ist er kein weltbekannter Schriftsteller, noch arbeitet er auf den großen Durchbruch zu und verbringt seine Abende mit trinken und Faustkämpfen. Schnell entwickelt sich eine besondere Beziehung zwischen den beiden, die nach wenigen Tagen in Chicago hauptsächlich aus einem regen, täglich stattfindenden und intimem (und damit meine ich intim im eigentlichen Sinne des Wortes und nichts anrüchiges) Briefwechsel besteht. Ernest macht ihr bereits nach kurzer Zeit einen Heiratsantrag. Wenig später entscheiden sich beide nach Paris zu gehen, um Ernest Traum Schriftsteller zu werden näher zu kommen.
Die Geschichte umfasst vor allem die gemeinsame Zeit in Paris und ist damit erfüllt mit dem Zeitgeist der Zwanziger Jahre. Man bekommt jedoch auch einen sehr guten Eindruck in die empfindliche Seele eines Künstlers, seiner speziellen Bedürfnissen und der großen Aufgabe, die daraus für eine Ehefrau erwächst.
Das Buch ist eher ein Roman als eine Biografie, dadurch liest es sich leicht und flüssig, fast wie eine Liebesgeschichte. Doch auch wenn unbekannte Details und die die Dialoge durch die Fantasie der Autorin gefüllt werden, weiß man instinktiv (und dieses Gefühl wird beim Lesen des Zusatzmaterials bestätigt), dass die Autorin viel Zeit und Recherche investiert hat, um uns die wahre Hadley und den wahren Ernest zu präsentieren. Dafür hat sie u. a. deren umfangreiche Korrespondenz gelesen und kommt so wahrscheinlich sehr nahe an die wahren „Stimmen“ der Figuren heran.
„Madame Hemingway“ ist ein Buch für alle Romantiker, Literaturfans, Künstlerfaszinierte oder Parisliebhaber – alles das bietet einem dieses Buch. Da ich fünf von fünf Leseratten nur für jene Bücher vergeben möchte, die ich am liebsten jedes Jahr aufs Neue lesen möchte, erhält Madame Hemingway von mir vier: Als sehr empfehlenswertes Buch zum lesen und behalten, um irgendwann doch wieder in diese zauberhafte Zeit zurückzugehen, in der eine Schiffsreise nach Paris noch ein echtes Abenteuer war.