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Freitag, 19. September 2014

Rezension: Lisa von Thomas Galvinic

Als passionierte „Aktenzeichen XY ungelöst“-Zuschauerin habe ich natürlich vom Phantom von Heilbronn gehört. Ich gebe auch zu, dass ich (meine blühende Phantasie ist schuld) zu denen gehöre, die eine international agierende, äußerst umtriebige Kriminelle spannender gefunden hätten. Nunja. Mittlerweile ist bekannt, dass alle Spekulationen auf einer technischen Panne basieren. Spannend ist der Stoff allemal und wurde von Thomas Glavinic wunderbar verpackt in „Lisa“.

„Lisa“ von Thomas Glavinic
203 Seiten
9,90 € (Taschenbuch)








Unser namenloser Protagonist hat sich in einer abgelegenen Berghütte verschanzt. Um den Kontakt zu seiner Umwelt nicht ganz zu verlieren spricht er jeden Abend zu den (ungewissen) Zuhörern seines kleinen Internetradios. Und zu berichten hat er einiges. Aus einem einfachen Wohnungseinbruch entwickelt sich für den Protagonisten eine nervenaufreibende Zeit, wird er doch verfolgt von der wohl bekanntesten Verbrecherin Europas. Ihre Spuren wurden an unzähligen Tatorten in dutzenden Ländern entdeckt, darunter auch im Wohnzimmer unseres Protagonisten. Gemeinsam mit einem engagierten Polizisten war er dem Phantom (Deckname „Lisa“) auf der Spur, doch als der Polizist spurlos verschwindet wähnt sich unser Protagonist in tödlicher Gefahr und flieht.

Nun, in der Sicherheit der Berghütte, erzählt er seine unglaubliche Geschichte. Diese Geschichte ist dabei so verrückt und wirr, wie es auch der Erzählstil des Buches ist. Unser Protagonist berichtet die Geschichte (eigentlich) von Anfang an, macht aber auch immer wieder zeitliche und vor allem thematische Sprünge in seinen Berichten. Häufig zeigt ein „…“ dass wir, als Zuhörer des Internetradios, gerade wieder einen (kleinen oder doch größeren?) Abschnitt verpasst haben. Manchmal scheint nur ein Teil des Satzes verschwunden, manchmal behandelt der Sprecher nun ein ganz neues Thema. Wo er dabei am Anfang noch recht strukturiert vorgeht, wird zum Ende der Geschichte hin alles immer unzusammenhängender und verrückter.

Was aus dieser realen Grundstory hier gemacht wurde, hat mich wirklich fasziniert, einige der Verbrechen an denen tatsächlich „Lisas“ Spuren gefunden wurden, sind in die Handlung eingearbeitet. Aber auch ausgedachte (zum Teil wirklich bestialische) Verbrechen werden geschildert und man fragt sich ob der Protagonist die Trennung zwischen Realität und Fiktion noch erkennen kann, wirken seine Berichte doch zunehmend ausgeschmückt.
Als Leser kann man sich dem Sog, den „Lisa“ entwickelt kaum entziehen. Der Autor schafft so eine perfekte Kombination aus Verwirrung, Wahnsinn und Spannung, dass ich einfach dran bleiben musste. Ich habe das Buch förmlich aufgesogen. Für den ein oder anderen mögen die Schilderungen vermutlich zu heftig und zusammenhanglos sein, ich habe diesen „besonderen“ Ansatz wirklich genossen und fing selbst immer weiter an zu rätseln, welche Auflösung der Autor nun für unseren Protagonisten angedacht hatte. Leider findet sich darin auch mein größter Kritikpunkt. Ich sehe kein Problem in der Abkehr von der realen Geschichte des Phantoms von Heilbronn. Die Überraschung und Spannung ist natürlich größer, wenn der Leser das Ende noch nicht kennt. Leider fand ich die Auflösung nach all der authentisch wirkenden Spannung und den an sich recht realistisch gehaltenen Spekulationen leider recht unglaubwürdig und zusammenhangslos.

Unterm Strich sind das eindeutig 4 von 5 Leseratten und der feste Wunsch noch mehr von diesem Autor zu lesen, so schnell wie möglich. Sowohl die Psychologie des Protagonisten, als auch die gekonnte Spannung und die kreativen Ideen haben mich gepackt.


Das Buch in einem Tweet: Verrückt. Verrückter. „Lisa“. Ein Buch zwischen Thriller und Mystery, mit einem guten Schuss Wahnsinn. Nichts für schwache Nerven.

Sonntag, 25. Mai 2014

Rezension: Die Märchentante, der Sultan, mein Harem und ich von Helge Timmerberg

Reiseliteratur und Erlebnisberichte sind Susis Revier. Ich habe darin jetzt zur Abwechslung gewildert. Sorry dafür, aber diese Geschichte hat mich gereizt und allein den Titel des Buches fand ich unglaublich spannend.

„Die Märchentante, der Sultan, mein Harem und ich“ von Helge Timmerberg
256 Seiten
19,99 € (Hardcover)








Elsa Sophia von Kamphoevener ist als Märchenbaronin bekannt. In den 1930er Jahren trat sie im Rundfunk mit ihren Märchen aus Tausendundeiner Nacht auf und erzählte sie während des zweiten Weltkrieges in Lazaretten, um leidenden Soldaten Abwechslung zu verschaffen. Helge Timmerberg ist fasziniert von der Biografie dieser besonderen Frau, die (als Mann verkleidet) jahrelang durch den Orient gereist sein soll, um Geschichten zu sammeln. Aus diesem Stoff möchte Helge Timmerberg ein Drehbuch machen, einen Hollywoodfilm mit orientalischem Zauber möchte er drehen. Der Weg zu diesem Drehbuch ist dann aber ziemlich unwegsam.

Wie man anstehende Arbeiten erfolgreich vor sich her schieben kann, kennen wir alle wohl nur zu gut. Helge Timmerbergs Reisen durch die Türkei, Marokko und schließlich Amerika erzählen neben der Geschichte über Elsa Sophia von Kamphoevener ein Märchen über genau dieses Phänomen. Es gibt Geschichten darüber, wie er sich mit der Einrichtung seines marokkanischen Hauses ablenkt oder mit den Frauen in seinem „Harem“. Oder darüber, wie er sich auf orientalischen Märkten Geschichten erzählen lässt und Träume kauft. Zwischendurch ist er von Liebeskummer geplagt und sucht Gesellschaft in diversen Kneipen. Kurz: Helge Timmerberg ist vom Leben so eingespannt, dass das Projekt „Drehbuch“ immer wieder in den Hintergrund tritt.
Ganz aufgeben möchte er es dann trotzdem nie. Als Leser bekommt man dadurch immer wieder schöne Einblicke in das geplante Drehbuch. Teile aus dem Leben der Märchenbaronin werden erzählt und einige wichtige Szenen so detailliert dargestellt, dass man sie schier vor sich sieht. Diesen Film würde ich mir sofort anschauen!
Alle Erzählungen sind wunderschön geschrieben und verbreiten orientalisches Flair. Das ist umso erstaunlicher, als dass dieser märchenhafte Eindruck auch bei den Berichten über Helge Timmerbergs Irrwege immer erhalten bleibt. Nebenbei ist die lockere und trotzdem philosophische Sprache ein echter Genuss. Ich bin aus dem „Textstellen markieren“ gar nicht mehr herausgekommen.
Den letzten Funken der Mischung macht schlussendlich aber der tolle Humor von Helge Timmerberg aus. Die Situationen sind so skurril und witzig beschrieben, dass das Lesen einfach Spaß macht. Mich hat die Geschichte dadurch von Anfang an mitgerissen und ich konnte das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen.
Als ich das Buch zur Seite gelegt habe hatte ich einerseits das Gefühl selbst gerade eine aufregende Reise erlebt zu haben und andererseits unbändige Lust die Orte, die Helge Timmerberg beschreibt, selbst zu bereisen und dieses Flair einmal selbst zu erleben.
Kurz und gut: 5 von 5 Leseratten für dieses wunderbare Buch, dass vom echten Leben und Tausendundeiner Nacht in einem Atemzug erzählt.

Samstag, 7. Dezember 2013

Rezension: Mit der Linie 4 um die Welt von Annett Gröschner

Ich hatte das Buch bereits im Buchladen gesehen und war fasziniert von der Kombination aus Weltreise und der Idee, die auch im "Experimentel Travel" von Joel Henry enthalten ist: Die Welt anhand der Fahrt in immer derselben Straßenbahnlinie zu erleben. Der Prolog war wunderschön geschrieben und zum Schluss: Die Linie meiner Jugendzeit in Leipzig war auch die Nummer vier.

"Mit der Linie 4 um die Welt" von Annett Gröschner

DVA Verlag

399 Seiten

22,99 € (Hardcover)






Annett Gröschner ist über fast zehn Jahre (zwischen 2003 und 2012) auf der ganzen Welt mit der Straßenbahn- oder Buslinie 4 gefahren. Es war ein begleitendes Projekt zu ihrem restlichen Leben, Arbeiten und Wirken. Die Erlebnisse und Texte, die zum Teil bereits veröffentlicht wurden, hat sie jetzt in diesem Buch zusammengefasst.

Annett Gröschner beschreibt dabei nicht nur Erlebnisse ihrer Fahrten und beobachte Eigenarten, sondern hat auch umfangreich zu der Geschichte der jeweiligen Linie und Stadt recherchiert. Bei allem Respekt, den ich vor ihrem Durchhaltevermögen und ihrem Engagement habe, war mir das aber etwas zu viel.

Die Beschreibungen sind sehr authentisch, allerdings habe ich dabei mehr über Annett Gröschner als die einzelnen Städte und Länder erfahren. Trotz ihrer zahlreichen Erzählungen und Fakten, konnte ich den Geist der Orte niemals fassen - ich denke, das liegt an der gleich bleibenden Tonlage, in der die Autorin schreibt.

Es war die ganze Zeit so, als ob man mit einer entfernten verwandten Tante durch die Stadt fährt, die man kaum kennt und etwas verschroben findet. Derweil erzählt sie einem in allen Einzelheiten die Geschichten der Straßen und Gebäuden. Leider fand ich es nicht interessant, sondern nur etwas langatmig und ermüdend. Ich konnte ihre Begeisterung einfach nicht teilen.


Mich selbst hat das Buch nicht erreicht. Für jeden, der witzige, skurrile Fakten über entfernte Ort oder lokale Geschichte oder einfach nur Straßenbahnen mag, ist dieses Buch vielleicht das richtige. Ich hatte einfach ganz andere Erwartungen, die das Buch nicht erfüllen konnte, deswegen leider nur zwei von fünf Ratten



Vielen Dank an den DVA Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Selbstversuch: Mit der Linie 4 durch Frankfurt

Das Buch "Mit der Linie 4 um die Welt" hat mich zu einem Selbstversuch inspiriert, den ich euch als kleinen Vorgeschmack auf das Buch jetzt präsentieren möchte: Ich wollte selber die S-Bahn-Linie 4 in Frankfurt abfahren, um so die Stadt besser oder auch nur anders kennenzulernen.

Wir - mein Reisebegleiter und ich - begannen unsere Reise Sonntag Mittag an der Haltestelle Taunusanlage. Sie befindet sich zu den Füßen der beiden Deutsche Bank Türme und irgendwie überraschte es nicht, dass dort unter diesem Monument des Kapitalismus zwei Obdachlose friedlich auf dem Boden schliefen.

Wir entschieden uns für ein Tagesticket bis zur weiter entfernten Endhaltestelle Kronberg: Für stolze oder auch noch machbare 8,60 € zu haben.

Während wir dank des sonntäglichen Fahrplans noch etwas auf die Bahn warten mussten (ja wir sind ohne vorherigen Abfahrtcheck einfach losgelaufen - ein bisschen Spontanität muss doch auch mal sein), hatten wir unser zweites Frankfurt typisches Erlebnis: Ich fragte meinen Begleiter, ob er ein neues Parfum benutzen würde, da mir eine kleine Duftwolke in die Nase stieg. Belustigt stellten wir beide fest, dass sie zu einem Typen fünf Meter hinter uns gehörte, der eine Louis Vuitton Männerhandtasche dabei hatte und akkurat zurückgegelte Haarpracht. Wie passend, dass seine Parfumwolke für alle weiteren Männer im Umkreis reichte.

Die S-Bahn führte uns vorbei an Werbungen an Häuserwänden aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie die Großbaustelle Europaviertel. Endlich mal normaler Wohnkomfort aber leider zu unnormalen Preisen. Es folgten Industrie, Schrebergärten, Wald und kleine Einfamilienhäuser. Neben uns diskutierte ein Paar über das Rausziehen aus Frankfurt und dass man leider doch wieder schnell in gleich teuren Wohngebieten landen kann. Alles wichtige Wahrheiten über Frankfurt, alles Zeichen für den Wunsch nach etwas Grün und Eigenheim mit der traurigen Gewissheit, dass alles nicht so einfach zu erreichen ist.

Beim Kreuzen der Autobahn fiel mir wieder ein, wie wir beinahe mal mit dem Fahrrad auf eine aufgefahren wären. Sie ist in Frankfurt so allgegenwärtig, dass einem das beim falschen Abbiegen mitten in einem Wohngebiet schon mal passieren kann. Wahre Geschichte.

Zwischen einem weiteren großen Industriegelände in Niederhöchst und weiteren Doppelhaushälften und Obstwiesen ein witziger Gruß auf einer Häuserwand: You met me at a very strange time in my life. Ich glaube, das ist der Abschlusssatz für mich, was Filme angeht.

Die Endhaltestelle Kronberg entpuppte sich als süßer Glücksgriff.





Nach eineinhalb Stunden Spaziergang durch diese stille Idylle ging es wieder Richtung Innenstadt. Unglaublich schnell näherten sich die eben noch kleinen Hochhäuser, nach nur 20 Minuten bzw. zehn Haltestellen waren wir wieder mitten in dieser wichtigen Metropole, die für mich doch immer so winzig bleiben wird.

Mein Tipp: Probiert es aus - es lässt einen die eigene Stadt mit neuem Blick erkunden. 

Freitag, 15. November 2013

Rezension: Bob, der Streuner von James Bowen

Nach einem ziemlich miesen Mittwoch und einer verpassten Sneak hat mir mein Mann als kleines Trostpflaster „Bob, der Streuner“ von James Bowen mitgebracht (da bin ich schon länger drum herum geschlichen). Die letzten beiden Abende war dies für mich ein nettes kleines Buch zwischendurch und eine große Aufheiterung.

„Bob, der Streuner - Die Katze, die mein Leben veränderte“ von James Bowen
Bastei Lübbe
256 Seiten
8,99 € (Taschenbuch)







James Bowen ist ganz unten angekommen, als er in seinem Hausflur einem kleinen ausgehungerten Kater begegnet. James lebt in einer Sozialwohnung, treibt sich aber hauptsächlich auf der Straße herum und verdient sich mit Straßenmusik ein bisschen Geld dazu. Er kämpft mit dem Heroinentzug und ist mit seinem Leben eigentlich überfordert. Zu diesem Zeitpunkt tritt Bob in sein Leben. James sieht, dass dem kleinen Kater dringend geholfen werden muss und nimmt ihn zu sich. Damit muss James das erste Mal in seinem Leben Verantwortung übernehmen und kämpft sich dadurch, gemeinsam mit Bob, zurück ins Leben.
Über dieses Buch wurde viel gesprochen. In einigen Nachrichtensendungen wurde über den Straßenmusiker mit seinem charismatischen Kater berichtet und mich hat diese Geschichte sehr gefreut. Die Geschichte von James und Bob ist nämlich kein großes Kino, sondern eine dieser kleinen, schönen und vor allem echten Fügungen die das Leben so schreibt. Das merkt man dem Buch auch an. Es ist in einem ziemlich holperigen Stil geschrieben und erzählt ganz einfach die Geschichte dieser beiden Freunde. Manchmal wirkt die Erzählweise etwas unstrukturiert und die Erlebnisse gehen an einigen Stellen nicht so gut ineinander über. Trotzdem liest sich das Buch flüssig und man hat das Gefühl James würde direkt von seinen Erlebnissen berichten. Für diese Art von Geschichte passt der Stil also einfach.
Wenn man nie mit Katzen zu tun hatte klingen manche Erlebnisse die James beschreibt vielleicht unglaubwürdig. Aber selbst wenn man selbst schon einiges mit den Samtpfoten erlebt hat merkt man, dass Bob eine ganz besondere Katze sein muss. Ich habe während des Lesens immer an unseren alten Kater gedacht, der leider schon im Katzenhimmel weilt, und vermutlich kennt jeder Katzenbesitzer unzählige eigene besondere Momente mit seinem Stubentiger.
Über dieses Buch möchte ich gar keine langen Worte machen, es ist eine nette Lektüre für Katzenfreunde, eine Liebeserklärung an Katzen und ein Buch das Mut macht, wegen der Geschichte aus der es hervorgegangen ist. Normalerweise würde ich jetzt noch über den Schreibstil und die Geschichte nachdenken, aber in diesem Fall wird das dem Ziel des Buches nicht gerecht. Daher kurz und gut 4 von 5 Leseratten.

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Rezension: Haarmann von Peer Meter und Isabel Kreitz

Für mich gab es heute zu Halloween ganz besonderen Horror: neben schlimmen Rückenschmerzen hatte ich noch mit einer kaputten Autobremse zu kämpfen und verstecke mich jetzt vor den kleinen klingelnden Gespenstern, weil wir keine Süßigkeiten im Haus haben. Zu all dem Horror passt gut das Buch, das ich euch heute vorstellen möchte...
Als frischgebackene „Blogmutti“ habe ich endlich eine Ausrede vor mir selbst mal ein bisschen herum zu experimentieren. Ich probiere gern verschiedene Genres und Erzählformen aus, bisher hatte ich mich aber noch nicht an Graphic Novels herangewagt. Das wollte ich ändern. Als Erstling habe ich mir „Haarmann“ von Peer Meter und Isabel Kreitz ausgesucht.

„Haarmann“ von Peer Meter und Isabel Kreitz
Carlsen Verlag
176 Seiten
19,90 € (Hardcover)
Trailer zum Buch auf Youtube







Kurz nach dem zweiten Weltkrieg verschwinden in Hannover unzählige junge Männer, viele von ihnen waren auf der Durchreise und kamen nie an ihrem Ziel an. Als dann an den Ufern des Flusses Leine immer mehr menschliche Knochen gefunden werden ist schnell klar: ein Menschenschlächter treibt sein Unwesen in Hannover.
Friedrich Haarmann ist ein stadtbekannter Hehler, Kleinkrimineller und Homosexueller. Er saß schon mehrfach in der Psychiatrie und ihm wurde ein "unheilbarer angeborener Schwachsinn" diagnostiziert. Nun ist er wieder auf freiem Fuß und verdingt sich sogar als Spitzel der Polizei, er "ermittelt" im Schwulenmillieu der Stadt. Als in den Fällen der vermissten Jungen Haarmann ins Visier gerät wird dies daher von den zuständigen Behörden zuerst noch verworfen. Gegen die unschöne Wahrheit kann sich jedoch irgendwann keiner mehr wehren.
Zur Geschichte von „Haarmann“ ist nicht viel zu sagen. Das Buch basiert auf einem wahren Kriminalfall und erzählt diesen geradlinig und anschaulich. Der Einstieg in die Erzählung wird über die gefundenen Knochen am Flussufer der Leine und die Mutmaßungen der Anwohner gesetzt. Einen schönen Bogen spannt dazu das Ende des Buches das ein Reim des „Haarman-Liedes“ bildet. Dieser Reim wurde damals von der Bevölkerung aus einem beliebten Opernlied umgereimt: „Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Schabefleisch aus dir.“ Die Mutmaßungen und Gespräche der Bevölkerung haben einen großen Anteil im Buch und es war spannend zu verfolgen wie sich diese Gespräche entwickeln.
Die Stimmung im Buch ist durch die detaillierten aber sehr dunklen Schwarzweißzeichnungen passend zur düsteren Geschichte. Alles bekommt einen leicht „schmutzigen“ und dunklen Hauch und hat dadurch das Flair eines alten Schwarzweißfilmes. Das hat wunderbar zur Geschichte gepasst. Auch die Reihenfolge der Bilder hat zum Teil den Eindruck eines Filmes gemacht. Denn neben vielen Abschnitten mit vielen Textpassagen und langen Dialogen gab es tolle Szenenbilder, welche die Geschichte untermalt haben.

Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen, nach der Geschichte wurde in einem separaten Kapitel noch einiges an Informationen zum Fall Haarmann geliefert was die Graphic Novel dann endgültig abgerundet hat. Schöner hätte ich es gefunden, wenn diese Informationen etwas mehr in die Handlung mit eingewoben worden wären. So wie die Mutmaßungen der Bevölkerung hätten sie dort die Geschichte gut ergänzt. Insgesamt vergebe ich 4 von 5 Leseratten.


Manchmal ist der wahre Horror schrecklicher als jede erdachte Geschichte.